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Home-Office, Teilzeit, Flexibilität am Arbeitsplatz – in der heutigen Arbeitswelt der Anwaltschaft sind diese Begriffe schon lange keine Fremdworte mehr. Das muss auch so sein, denn Studien beweisen, dass flexible Arbeitszeiten und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Studierende und Berufseinsteigerinnen wie Berufseinsteiger mittlerweile mindestens genauso wichtig sind wie die Frage nach dem Gehalt oder die beruflichen Aufstiegschancen. Auf diese Entwicklungen müssen auch Anwaltskanzleien reagieren, ob in kleinen Sozietäten oder in der großen internationalen Wirtschaftskanzlei. So werden aus individuellen Lösungen und Absprachen zunehmend einheitlich organisierte Modelle, „Career Tracks“ und attraktive Angebote, um junge Juristinnen und Juristen zu locken.
Work-Life-Balance: Innovative Arbeitszeitmodelle sind auch im Anwaltsberuf die Zukunft.
Dr. Tobias Pusch ist in dieser Hinsicht ein Vorreiter der Branche. In seiner Kanzlei für Arbeitsrecht – „Workplace Law“ heißt es hier – beschäftigt man sich tagtäglich mit Arbeitszeitregelungen und Innovationen rund um das Verhältnis von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Selbstverständlich macht man bei Pusch Wahlig in dieser Hinsicht keine Ausnahme für die eigenen Leute. „Der Bewerbermarkt hat Veränderungen im Bereich der Arbeitszeitmodelle eindeutig verlangt. Sie sind also eine Reaktion auf die Bedürfnisse der Generation X“, erzählt uns der Anwalt im Interview. Das Entgegenkommen bei diesen Wünschen lohnt sich nicht nur für den guten Ruf und die Auszeichnungen, die seine Kanzlei für ihre Fortschrittlichkeit auf diesem Gebiet bereits erhalten hat. Teilzeit ist hier kein Selbstzweck: Eine gesunde Work- Life-Balance führt zu einem besseren Klima am Arbeitsplatz. Diese Begeisterung für die anwaltliche Tätigkeit setzt sich direkt in Produktivität um. Von diesem Phänomen berichtet auch Melanie Mathis, Partnerin bei der Kanzlei Quirmbach & Partner in Montabaur: „Das Gleichgewicht von Arbeit und Leben ermöglicht die besondere Identifikation mit unserer Kanzlei. Und wer sich mit der Kanzlei identifiziert, arbeitet so gut wie er oder sie kann.“
Die vollumfängliche Unterstützung von Elternzeit und Teilzeitmodellen sowie individuelle Absprachen zu Zeit und Ort der Arbeit gehören mittlerweile zum Tagesgeschäft in den Personalabteilungen großer Anwaltskanzleien. Egal ob nur 20 oder doch 90 Prozent der Arbeitszeit, die flexiblen Lösungen werden mittlerweile von Berufsanfängern, Anfängerinnen und Erfahrenen gleichsam regelmäßig und gerne in Anspruch genommen, teilt die Wirtschaftskanzlei Noerr mit. Hier heißt das Konzept: „Full- Service-Kanzlei“ – und dieser Begriff bezieht sich nicht auf die Mandantschaft. Mittlerweile arbeiten fast ein Fünftel aller Anwältinnen und Anwälte bei Noerr in Teilzeit – immer mehr schaffen es trotzdem bis in die höchste Ebene der Partnerschaft.
Das Angebot der Kanzleien geht heute schon weit über herkömmliche Teilzeit oder die Möglichkeit eines Sabbaticals hinaus, denn hervorragende Bewerberinnen und Bewerber lassen sich mittlerweile nicht mehr mit dem „Standardprogramm“ locken. Bei Hengeler Mueller etwa werden an einigen Standorten Kita-Plätze zur Verfügung gestellt, in zahlreichen Kanzleien ist es ganz selbstverständlich möglich, in Betreuungsnotfällen ein Eltern-Kind-Büro in Anspruch zu nehmen. Aber Familie ist längst nicht mehr der einzige anerkannte Grund, im Job etwas kürzer zu treten. Anwältinnen und Anwälte wollen reisen, mehr Zeit für ihre Hobbies oder den Sport haben, sich politisch engagieren oder akademisch weiterbilden. Auch deshalb ist Teilzeit längst kein reines Frauenthema mehr. In unserer Umfrage bezeichneten fast alle befragten Kanzleien das Thema Arbeitszeitmodelle als gleich relevant für Frauen und Männer. Obwohl rein statistisch der Anteil an Frauen in Teilzeitmodellen immer noch recht deutlich überwiege, sei das Thema geschlechterunabhängig in den Büro-Etagen der deutschen Anwaltschaft angekommen. Bei dem Bestreben, diese Etagen weiblicher zu gestalten, kann eine gesteigerte Akzeptanz für flexible Arbeitszeitmodelle sicherlich helfen.
Turnschuh oder Lackschuhe? Auch als Anwältin oder Anwalt will man Beruf Familie und Freizeit ohne schlechtes Gewissen in Einklang bringen. (istock.com/deepblue4you)
Doch wo viel Licht ist, ist auch Schatten. Natürlich sind die Veränderungen hin zu mehr Teilzeit und flexibleren Arbeitsmodellen auch eine große Herausforderung für die Arbeitsabläufe der Kanzleien. Im Gespräch erfahren wir, wie man diese Schwierigkeiten umgeht. Projekte und Strukturen lassen sich von Anfang an so planen, dass die Flexibilität mitgedacht wird. Konkret bedeutet das, ein Team zusammensetzen, bei dem garantiert werden kann, dass Aufgabenverteilung, Kommunikation und Erreichbarkeit klar verteilt und für den Mandanten garantiert sind. Denn bei aller Veränderung: In der Anwaltschaft bleibt höchste Priorität, in kürzester Zeit und auf höchstem Niveau auf Anfragen und Probleme der Mandantinnen und Mandaten zu reagieren.
Gerade in größeren Kanzleien bedeutet „Teilzeit“ für die Anwältinnen und Anwälte deshalb noch immer einen zeitlichen Aufwand, den man in anderen Branchen wohl als Vollzeit bezeichnen würde. Und trotzdem sieht Dr. Tobias Pusch auch bei der Teilzeit Grenzen: „Wenn es brennt, muss die Arbeit auch gemacht werden. Zu viel Teilzeitarbeit ist daher für eine Kanzlei mit großer Verantwortung eine Herausforderung.“ Auch Dr. Oliver Bertram von der Großkanzlei Taylor Wessing berichtet von Hindernissen, allerdings eher auf der anderen Seite: „Die eigentliche Herausforderung ist der Mandant, der es oftmals nicht akzeptiert, mit zwei Ansprechpartnern zu arbeiten, die sich in wechselseitigen Abwesenheitszeiten vertreten.“ Doch das beruht wohl vor allem auf Gewohnheit. Wenn flexible Arbeitszeitlösungen sich zunehmend kanzlei- und rechtsgebietsübergreifend als produktiv erweisen und der Service für Mandantinnen und Mandaten nicht darunter leidet, wird sich auch die Begrüßung solcher Modelle auf Mandantenseite bald einstellen.
Bei den neuen Arbeitsabläufen helfen kann die Digitalisierung: Legal Tech, die elektronische Akte und externe Zugänge zu Intranet und Datenbanken sind für Anwältinnen und Anwälte, die in Teilzeit arbeiten, eine enorme Hilfe. Bei Pusch Wahlig kommt eine App zum Einsatz, die das Workload-Management innerhalb eines Mandatsteams erleichtern soll. Hier gibt es sogar einen „Panik-Knopf“, falls sich ein Team-Mitglied überlastet fühlt.
In der Kanzlei Baker McKenzie haben einige Associates selbst Hand angelegt und ein Compliance-Tool entwickelt, welches die Arbeitslast für die Anwältinnen und Anwälte enorm verringert. Und natürlich muss auch auf „klassischen“ Wegen eine einwandfreie Kommunikation immer gewährleistet sein. Telefonkonferenzen, Video-Calls und regelmäßiger persönlicher Austausch sind bei flexiblen Arbeitszeiten wichtiger denn je. So lässt sich durchaus einiges an Distanz überbrücken, wie die Kanzlei Quirmbach & Partner beweist: Ein Anwalt arbeitet in den Wintermonaten in Buenos Aires, eine Anwältin von Valencia aus. Wie kann das funktionieren? „Bei uns ist Flexibilität keine neuartige Entwicklung. Unsere Kanzlei ist von Anfang an so gedacht“, antwortet Rechtsanwältin Melanie Mathis.
Hier hat man durchweg gute Erfahrungen mit verschiedensten zeitlichen und räumlichen Arbeitszeitmodellen gemacht. Trotzdem bleibt die individuelle Beratung der Mandantinnen und Mandanten vor Ort und die Präsenz vor Gericht natürlich ein unverzichtbarer Bestandteil der anwaltlichen Arbeit. Der Fachanwältin für Verkehrsrecht ist das ganz recht: „Im Büro schmeckt der Kaffee immer noch am besten!“
Die Veränderungen im Bereich Flexibilität am Arbeitsplatz sind also keine natürliche Entwicklung – sie wurden erkämpft, verhandelt und gefordert. Innovation will provoziert werden, sagt auch Dr. Tobias Pusch: „Im Großen und Ganzen ist die Anwaltschaft nun mal eher konservativ und in dieser Hinsicht wenig experimentierfreudig.“
Für Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger heißt es daher, sich nicht unbedingt zufrieden zu geben, auch wenn alternative Karrierepfade oder Teilzeitmodelle in vielen Kanzleien schon Gang und Gäbe sind. Wenn keine der üblichen Lösungen sinnvoll erscheint, ist Kreativität und Initiative gefragt. Doch Vorsicht: Die Beweislast für effiziente und fleißige Arbeit liegt wohl immer bei denen, die nicht den ganzen Tag im Büro verbringen.
Wer seine Aufgaben außer Haus oder zu unkonventionellen Zeiten erledigt, muss sich gegenüber klassischen Büro-Platzhirschen wohl öfter rechtfertigen. Hier kann die alte Generation viel von den jungen Juristinnen und Juristen lernen. Doch unter einer Bedingung, erinnert Anwalt Dr. Ingo Strauß von Baker McKenzie: „Die Erwartungshaltung an Anwälte, erreichbar zu sein, ist hoch. Doch es ist möglich, dies zu steuern und flexibel zu gestalten.“
Er fasst damit zusammen, was in den Gesprächen über moderne Arbeitszeitmodelle oft anklingt: Solange die Mandantinnen und Mandanten zufrieden sind, geht eigentlich alles. Bei dieser Bedingung handelt es sich jedoch nicht um eine kleine Einschränkung, sondern um den Kern des Anwaltsberufs. Und dass bei dieser großen Verantwortung eine Menge Arbeit anfällt, wird sich nie ändern.
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