"Wesentlicher Sachbestandteil" – Paula Rädke beim Jura-Slam

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Was haben das Bürgerliche Gesetzbuch und gebrochene Herzen gemeinsam? Auf den ersten Blick nicht viel. Doch wenn man genauer hinsieht, steckt in den Paragrafen mehr Emotion, als man erwarten würde. In Paulas Beitrag beim DAV Jura-Slam 2024 verschmelzen Juristerei und Gefühle zu einem sprachlichen Drahtseilakt. Mit -Buzzwords wie „Sachbestandteil“, „Vertrauensschaden“ und „Annahmeverzug“ wird die Liebe nicht nur seziert, sondern auch hinterfragt: Was, wenn unsere Beziehungen nach dem BGB geregelt wären? Könnte man Schadensersatz für unerwiderte Gefühle fordern? Und warum versuchen wir so oft, ein Teil von jemand anderem zu sein, statt unser eigenes Ganzes? Ein Text über Recht, Unrecht und die großen Irrtümer der Liebe – ironisch, wortgewandt und überraschend nah am echten Leben.

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§93 BGB: Wesentliche Bestandteile einer Sache
Bestandteile einer Sache, die voneinander nicht getrennt werden können, ohne dass der eine oder der andere zerstört oder in seinem Wesen verändert wird

Ich denke gar nicht oft an dich
Doch ab und zu erwischt es mich
Als ich diesen Paragraphen las
Ganz plötzlich, unerwartet warst
Du in meinen Gedanken

Und Zivilrecht ist vieles
Doch sicher nicht romantisch
Und trotzdem fand ich
Mich ohne dich nicht ganz, ich

- Wollt du wärst mein Sachbestandteil

Das wär schon ein krasser Fall
Doch von mir hast du dich getrennt
Und etwas von mir bricht
Weil das Gesetz dafür keine Regeln kennt
Was genau du warst, das weiß ich nicht

- Und ich krall

Mich an dir fest
Kann nicht dass du mich grad verlässt?
Ich fürcht mir fehlt ein Sachbestandteil
Weil wesentlich. spür ich deine Abwesenheit

- Das negative Interesse, auch: Vertrauensschaden genannt

Schaden, der dadurch entstanden ist, dass auf die Gültigkeit der Erklärung vertraut wurde

Mein Interesse an dir
Ist nur noch negativ
Hätte ich dich nie getroffen
Hätte ich mich nicht verliebt

Ich will den Vertrauensschaden ersetzt
Ich helf dir gern bei der Berechnung
Nicht dass du dich noch verschätzt
Will so stehen wie ich stünde wenn ich dich nie getroffen hätt

Und ich erklär dir die Anfechtung
Da ich einem Irrtum unterlag
Ich dachte halt du wärst kein Arsch
Irrtum über ne verkehrswesentliche Eigenschaft

Und ich erklär dir die Anfechtung
Da du mich getäuscht hast
Mindestens arglistig
Dein Grinsen so verschmitzt, ich

- hab gern mit dir getanzt

Schritt für Schritt gingen wir zusammen
Erklär mich für verrückt, ich
Tanze nun nur noch den Rücktritt

Und mein Herz, es ist verbeult
Meine Augen, verheult
Und Schatz, ich verlang nun Schadensersatz
An meinem Ego hast du krass gekratzt

- Du wolltest unverbindlich bleiben

Fandest meine Forderungen lästig
Die Ansprüche sind nicht zu hoch
Honey, die sind voll berechtigt

Ich bin Eigentümerin meines Herzens
Doch es befindet sich in deinem Besitz
Ich frage dich ein letztes Mal, gibst du es
Mir bitte doch zurück

Denn zum Besitz hast du kein Recht
Kein Vertrag der dich an mich bindet
Windiger Typ – Vindikation
Weil sich mein Herz in deinem Besitz befindet

Es ist – nicht zerbrochen, nur leicht angeknackst
Ich weiß nicht was
Doch irgendwas hast du gemacht
Denn auch in einem Unterlass-
en kann eine Pflichtverletzung bestehen
Und nun verlange ich Ersatz
Ich würd sonst einfach dein Herz nehmen
Wenn das für dich passt?
Und schau, Diebstahl war es auch
Meine Würde, die hast du mir geklaut!

 

https://www.youtube.com/watch?v=-SmQHRr6Dv4

Und ich frage mich
War es Vorsatz oder grobe Fahrlässigkeit?
Du machst es mir nicht leicht
Dich zu lieben
Tatsache, du hast mich nie darum gebeten
Aber ich tu’s trotzdem
Ich mach mich zu deinem Problem
Was das über mich nun aussagt?
Nenn wir’s Geschäftsführung ohne Auftrag

Es ist in deinem Willen, nur zu deinem Besten
Also zumindest mal mutmaßlich
Was du wirklich willst ist fraglich
Aber mir eigentlich auch egal, ich
Verlang für meine Aufwendung noch nicht einmal Ersatz
Kein Problem, das hab ich wirklich gern gemacht

- „Der Besitz einer Sache wird über die tatsächliche Sachherrschaft erworben“

Die Kontrolle über mich, die hab ich längst verloren
Und ich streune durch die Straßen meiner Stadt
Das Bild von uns geplatzt,
und Zweifel werden groß
Deine Fahrlässigkeit war ehrlich grob
Ich fürchte ich bin ab jetzt herrenlos

Ich würd dich gern ersitzen
Ich hätts zumindest gern probiert
Doch wenn wir mal so ehrlich sind
Hätte auch das nicht funktioniert
Und nicht nur weil du kein Gegenstand bist Obwohl ich gestehen muss, ich stand auf dich

Doch für Ersitzung muss man gutgläubig sein
Gut ich geb zu, durchaus fraglich ist meine Gutgläubigkeit
Ich hätt dich gern ersessen
Ich hätts zumindest gern probiert Manchmal frage ich mich schon Was wäre wohl passiert?

- Wahrscheinlich hättest du mich irgendwann gebeten Doch endlich bitte aufzustehen

Du hältst zwar viel aus
Aber mich, 10 Jahre auf dir drauf?
Ich mein, wohl kaum

Liebster, du bist schon wieder im Verzug
Weißt du, irgendwann hab auch ich genug
Du musst wissen
Jemanden wie mich
Lässt du 2, 3, höchstens 4 Mal abblitzen
Dann reicht es mir und ich bin fort
Dann siehst du mich nie wieder
Es sei denn natürlich du fragst ganz lieb
Dann komm ich zurück und sinke bisschen tiefer

Du bist im Annahmeverzug
Deine Ware steht bereit
Dass ich hier auf dich warte
Das hab ich dir gezeigt

Ich komm sonst auch bei dir vorbei
Du hast dich bestimmt nur in der Zeit geirrt
Hab kurz Geduld und schau dabei zu
Wie ne Holschuld zu einer Bringschuld wird

Und die Benachrichtigung ist erfolgt
Zwei blaue Haken, und du lässt mich warten
Eine angemessene Nachfrist
Hab ich dir gesetzt
Und sie ist
Verstrichen
Ich will nicht verstehen
Was alle längst wissen

Du warst ne Regelungslücke
Du warst verdammt planwidrig
Du warst mal mein Sachbestandteil
Und ich? Austauschbar, beliebig

Und da drängt sich mir die Frage auf
Ist etwas an mir mangelhaft?
Was haben wir vereinbart, was hast du geglaubt
Was ich bin, hab ich was falsch gemacht
Ich will kein Sachmangel sein
Wenn ich ein Sachmangel war, dann tut es mir leid

Doch guck ich in den Spiegel
Dann finde mich nicht schlecht, ich
Find mich sogar ziemlich gut
Um nicht zu sagen fresh, ich
Frag mich: Darf ich das? Ist es denn berechtigt?
Herrschende Meinung dazu juckt mich echt nicht
Bei mir sitzt nicht alles fest, dafür feier ich mich festlich

Ich bin vielmehr flauschig
Und ich bausch mich
Noch weiter auf
Ich nehme so viel Platz ein wie ich brauch

Ich fühl mich viel zu mächtig
Ich bin nicht zu viel, du bist nur zu schmächtig
Deine Blicke schmeicheln nicht, ich finde sie eher lästig

Du warst kein wesentliches Sachbestandteil
Du warst höchstens Zubehör
Du gehörtest nicht zu mir
Auch wenn ich das nicht gerne hör

Du warst kein wesentliches Sachbestandteil
Dein Zweck, der war vorübergehend
Wir sind nicht verbunden
Das kann ich auch von hier aus sehen

Wenn ich gerne alles wär für dich
Bin ich mir wohl selbst zu wenig
Und ehrlich, wo liegt eigentlich der Reiz
Am Gedanken eines wesentlichen Sachbestandteils

Warum will ich ein Teil von einem anderen sein?
Das ist etwas, das ich einfach nicht begreif
Ich glaube ich bleibe lieber bei
Mir
Weil ja, dann bin ich zwar allein
Doch immerhin nicht nur ein Teil

Ich bin mein eignes Eigentum
Auch wenn du das Weite suchst
Und du meinen Wert bezweifelst, nun
Alles was ich an dir mag
Mal geliebt und mal verflucht
Brauch ich nicht, weil ich es in mir selber trag
So nehme ich Abstand von dir
Und von unserem Scheinvertrag

Ich frage mich, wie konnte ich je meinen
Zu bestehen aus verschiedenen Sachbestandteilen
Vor allem nicht aus deinen
Von dieser Idee muss ich mich befreien
Ich bin mein eigenes Eigen-

- tum,

Mit Liebe hat das hier nicht viel zu tun
Beziehungen sind Zubehör
Auch wenn du das nicht gerne hörst
So gehe ich in den Widerruf
Weil ich dich sicher nie wieder anruf

Und schreibst du mich an, schreibst mir irgendwas
Fang ich gar nicht erst mit der Auslegung an
Ob das nun heißt, dass du mich begehrst
Dein Anspruch auf mich, falls er je bestand
Wäre wohl doch längst verjährt

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Schlagworte: Jura-SlamZivilrecht

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