Zum Inhalt springen
Name: Willem C. Vis International Commercial Arbitration Moot
Rechtsgebiet: Internationales Wirtschaftsrecht und Schiedsverfahrensrecht
Zeitraum: Oktober – März/April
Sprache: Englisch
Als ich angefangen habe, Jura zu studieren, wusste ich zunächst gar nicht, ob das wirklich das Richtige für mich ist. Gleichzeitig hatte ich aber auch keine konkrete Alternative im Kopf, und so fiel meine Wahl schließlich auf Jura.
Dann bin ich nach Greifswald gezogen und habe innerhalb der ersten Vorlesungswochen bereits gemerkt, dass ich den Stoff als sehr schwierig und anstrengend empfand. Vor allem verstand ich nicht, wofür ich das Gelernte später eigentlich brauchen würde. Kurz gesagt: Wegen dieser Startschwierigkeiten war ich mir zunächst nicht sicher, ob das Studium das Richtige für mich ist. Was ich allerdings wusste, war, dass mir das Studium viele Türen öffnen wird.
Ich habe mir also gesagt, dass ich versuchen werde mein Bestes zu geben. Wenn es mir dann wirklich nicht gefällt, habe ich es wenigstens probiert und kann ohne schlechtes Gewissen einen anderen Weg einschlagen. Als dann in einem Seminar auf den Vis Moot Court aufmerksam gemacht wurde, habe ich mich auf gut Glück beworben, da auch keine Vorkenntnisse vorausgesetzt wurden. Ich wollte diese Möglichkeit einfach nutzen und schauen, wie es mir gefallen wird.
Nach einer längeren Bewerbungsphase, bestehend aus Motivationsschreiben und Bewerbungsgespräch, hat sich das Team erstmal zusammengefunden und kennengelernt. Ein Team besteht immer aus vier Personen. Es können auch mehrere Personen sein, aber am Wettbewerb dürfen letztlich nur vier Personen einer Uni teilnehmen. Im Oktober wurde dann der Fall veröffentlicht, und wir haben uns erst einmal Zeit genommen, um uns einen Überblick zu verschaffen. Der Fall ist nicht mit einem typischen Sachverhalt aus dem Studium zu vergleichen. Es ist vielmehr eine richtige Akte mit Verträgen, E-Mails, Zeitungsausschnitten und weiteren Dokumenten, wobei natürlich alles auf Englisch ist. Am Anfang war das ziemlich überwältigend. Ich musste die Akte unzählige Male durchblättern, bis ich wirklich verstanden habe, worum es geht.
Nachdem wir alle in das Thema gefunden haben, teilten wir die Aufgaben auf. Dabei gibt es insgesamt vier, zwei prozessuale und zwei materiell-rechtliche, Probleme. Wir haben dabei darauf geachtet, dass die jeweiligen Aufgaben zu unseren Interessen und Stärken passen.
Danach begann die Schriftsatzphase, die man sich wie eine Hausarbeit vorstellen kann – nur eben auf Englisch. Der Aufbau ähnelt dem Gutachtenstil, nur das man an einigen Stellen anders formuliert. Darauf wurden wir in einer Drafting School allerdings gut vorbereitet und haben die Grundlagen kennengelernt. Gleichzeitig sind wir in der Zeit auch als Team näher zusammengewachsen.
Zunächst verfassten wir den Klägerschriftsatz. Pro Person schreibt man dabei ungefähr sieben bis neun Seiten. Inhaltlich ist das durchaus anspruchsvoll, weil die Fälle bewusst so konzipiert sind, dass es keine fertigen Lösungen oder klassischen Standardprobleme gibt. Man muss kreativ argumentieren und sich intensiv mit den zugrunde liegenden Prinzipien auseinandersetzen. Gerade der ständige Austausch im Team und mit den Coaches hilft dabei enorm.
Danach folgte der Respondent-Schriftsatz, also die Erwiderung auf die Klage. Dafür erhält man den Schriftsatz einer anderen teilnehmenden Universität und muss auf deren Argumente reagieren. Das war besonders spannend, weil man zum ersten Mal erlebt, wie unterschiedlich andere Teams argumentieren und strukturieren.
Gegen Ende der schriftlichen Phase haben wir noch einmal eine intensive Abschlusswoche eingelegt, in der wir uns gemeinsam um den Feinschliff, Formatierung und letzte Überarbeitungen gekümmert haben. Trotz der langen Tage in der Uni war das eine sehr besondere Zeit, weil alle unglaublich motiviert waren und man gemerkt hat, wie sehr man als Team zusammengewachsen ist.
Danach begann die mündliche Phase. Zunächst erklärten wir uns gegenseitig unsere einzelnen Themenbereiche, damit jeder einen Überblick über die Argumentation des gesamten Teams hatte. Das war wichtig, um später in den Pleadings keine Widersprüche entstehen zu lassen oder unbeabsichtigt Punkte vorwegzunehmen.
Anschließend entwickelten wir unsere Struktur, schrieben Intros und begannen vor allem eines: üben. Die Pleadings wurden immer wieder trainiert. Insgesamt spricht jede Person 15 Minuten. Davon entfallen 14 Minuten auf die eigentliche Argumentation, bevor am Ende noch eine Minute für Rebuttal beziehungsweise Surrebuttal bleibt – also den direkten Schlagabtausch mit den wichtigsten Gegenargumenten.
In der mündlichen Phase finden auch die sogenannten Pre-Moots statt, also vorbereitende Gerichtsverhandlungen. Wir waren da zum Beispiel in Bukarest und Lissabon.
Gegen Ende März bzw. Anfang April findet dann das Finale in Wien bzw. in Hong Kong statt. Die Teams können sich entscheiden, in welcher Stadt sie teilnehmen, je nachdem, ob dies finanziell möglich ist. Wir haben uns damals im Team hingesetzt und genau besprochen, was wir am liebsten machen möchten und worauf wir auch verzichten können.
Wir haben versucht uns einmal die Woche einen festen Termin zu setzen, an dem wir uns sehen und absprechen, wie weit wir mit unseren Aufgaben gekommen sind, wir haben Ergebnisse verglichen und offene Fragen geklärt.
In dieser Zeit haben wir außerdem darauf geachtet, nur Englisch zu sprechen, um unser Vokabular aufzufrischen. Diese Übung hat total geholfen, da man dieses professionelle Englisch im normalen Sprachgebrauch kaum verwendet.
Ich muss dazu sagen, dass wir auch eine sehr angenehme Gruppendynamik hatten. Wir konnten bei Fragen jederzeit den anderen schreiben oder telefonieren. Unsere Coachin Clara Seitz hat uns immer geholfen, wenn wir nicht weiterwussten und uns motiviert, wenn wir mental frustriert waren. Das hat dann frischen Wind in die Sache gebracht und uns angespornt, weiterzumachen. Wir haben uns als Gruppe also dauerhaft unterstützt und eng zusammengearbeitet.
Auf jeden Fall. Ich habe in der Zeit sogar Klausuren nebenbei geschrieben und andere Teammitglieder haben sich auf ihre Seminararbeiten vorbereitet. Man muss trotzdem bedenken, dass der Moot Court natürlich zusätzliche Arbeit ist. Aber es ist nicht so, dass man in dieses Programm reinkommt und dann keine Zeit mehr für das Studentenleben nebenbei hat. Dabei hilft aber auch die Kommunikation innerhalb des Teams. Wir konnten uns immer untereinander abstimmen, sodass man eine Sitzung auch mal verschieben konnte oder online durchgeführt hat.
Ich glaube, das war für mich die Schriftsatzphase, weil man zu Beginn noch sehr unwissend war. In der mündlichen Verhandlung später kennst du jedes Argument, jede Seite der Fallakte auswendig und kannst zur Not auch improvisieren. In der Schriftsatzphase musste ich zunächst versuchen, etwas Sinnvolles herauszuarbeiten, was auch qualitativ dem entspricht, was ich abliefern möchte. Und das im 3. Semester war bereits eine große Herausforderung.
Ich habe meine Entscheidung definitiv mehrmals hinterfragt. Vor allem ist es natürlich schade, wenn man weniger Zeit für seine Freunde hat oder die universitären Kurse nicht mehr zeitgleich besuchen kann. Das war ein bisschen frustrierend.
In der Schriftsatzphase hatte ich aber auch Momente, in denen ich fast verzweifelte. Aber dann hat man über die Probleme gesprochen und immer eine Lösung gefunden.
Das war eine gute Herausforderung gerade fürs Jurastudium, in dem man auch mitunter das Gefühl hat, bis hierhin und nicht weiter, aber man sich dann immer wieder aus den schlechten Zeiten rausholt.
Um also auf die Frage zu antworten: Es war eine echte Herausforderung, aber bereuen tue ich es nicht!
Um den Rückschluss zum Anfang zu ziehen: Ich weiß jetzt, dass ich Jura studieren möchte. Das war für mich extrem entscheidungsgebend, da ich sonst wahrscheinlich das Studium gewechselt hätte. Außerdem haben sich meine sprachlichen Fähigkeiten verbessert. Ich kann mich nun besser ausdrücken und vor allem wirke ich dabei professioneller und selbstbewusster. Man lernt sehr viel über seine Ausdrucksweise und dass man auf jede Kleinigkeit achten muss, um selbstsicher zu wirken. Das Feedback der Jury war dabei sehr hilfreich. Außerdem lernt man auch auf Feinheiten zu achten, die in der Summe einen echten Unterschied machen können.
Besonders lustig war ein Feedback, das ich bei einem Pre-Moot in Lissabon bekommen habe. Dort wurde mir gesagt, dass ich beim Pleading etwas aggressiv wirke. Das war ziemlich ironisch, weil wir uns vorher bewusst dafür entschieden hatten, möglichst ruhig aufzutreten. Uns war klar geworden, dass unterschiedliche Kulturen und Schiedsrichter:innen auch unterschiedliche Erwartungen an Präsentationen haben. Manche finden lebhafte Gestik überzeugend, andere eher unangemessen. Deshalb war unsere Strategie eigentlich, die Hände möglichst ruhig zu halten und nur sehr sparsam Gestik einzusetzen.
Offenbar habe ich mich allerdings so sehr in meine Argumentation hineingesteigert, dass ich stattdessen die ganze Zeit meinen Kopf mitbewegt habe. Das Feedback lautete dann, ich würde dadurch leicht aggressiv wirken.
Rückblickend fand ich das aber einfach wahnsinnig lustig. Ich hätte das wirklich gern einmal von außen gesehen. Gleichzeitig zeigt es auch, wie intensiv man sich mit den Fällen beschäftigt. Man steckt irgendwann so tief in der Argumentation drin, dass man jedes Detail verteidigen und das eigene Argument unbedingt überzeugend „verkaufen“ möchte. Gerade in den Teamübungen testet man sich gegenseitig auch bewusst mit kritischen Fragen, um zu trainieren, in den Pleadings ruhig und souverän auf Fragen zu reagieren.
Seitdem achte ich beim Reden zumindest ein bisschen mehr darauf, was mein Kopf eigentlich macht.
Wie die finanzielle Situation des Teams aussieht, hängt stark von den jeweiligen Sponsoren ab. Davon ist letztlich auch abhängig, an welchen Pre-Moots man teilnehmen kann. Grundsätzlich wurden bei uns jedoch die wichtigsten Reisekosten übernommen – also beispielsweise Flüge, Zugfahrten oder Unterkünfte. Lediglich persönliche Ausgaben wie Essen mussten wir selbst bezahlen.
Gleichzeitig haben wir als Team versucht, möglichst effizient mit dem Budget umzugehen, um an zusätzlichen Veranstaltungen teilnehmen zu können. Wenn beispielsweise ein Pre-Moot in Berlin stattfand und jemand dort Bekannte oder Freunde hatte, haben wir oft privat übernachtet, anstatt ein Hotel zu buchen. Dadurch konnten wir Geld sparen und hatten die Möglichkeit, noch an weiteren Wettbewerben oder Events teilzunehmen.
Solche Entscheidungen haben wir aber immer gemeinsam als Team getroffen. Uns war wichtig, dass alle mit der Lösung einverstanden waren und sich wohlfühlten. Letztlich musste man immer einen guten Kompromiss zwischen Budget, Komfort und den zusätzlichen Möglichkeiten finden, die sich dadurch ergeben haben.
Es war spannend, den Wettbewerb einmal aus einer anderen Perspektive zu erleben. Als Co-Coach stand ich nicht mehr selbst im Mittelpunkt und musste nicht permanent performen wie das eigentliche Team. In dieser Hinsicht war es zwar etwas entspannter, gleichzeitig aber auf eine andere Art auch sehr stressig.
Während der Schriftsatzphase haben wir vor allem versucht, das Team organisatorisch zu unterstützen – etwa bei Terminabsprachen oder allgemein dabei, den Arbeitsalltag etwas zu entlasten.
Besonders intensiv wurde es dann später in Wien beim eigentlichen Wettbewerb. Dort war die Anspannung enorm, weil das der entscheidende Moment war und wir als gesamtes Team wieder zusammenkamen. Man sitzt in den Verhandlungen, macht sich permanent Notizen, beobachtet jedes Detail und überlegt die ganze Zeit: Was lief gut? Was könnte man verbessern? Welche Fragen stellen die Schiedsrichter:innen? Welche Argumentationsweisen anderer Teams könnte man vielleicht übernehmen?
Der größte Unterschied zur eigenen Teilnahme war für mich aber, dass ich nicht selbst sprechen musste. Dadurch war ich einerseits ruhiger, andererseits aber auch deutlich nervöser, wenn es darum ging zu beobachten, wie das Team auf Fragen reagiert, wie die Pleadings laufen oder welches Feedback gegeben wird.
Gerade beim Feedback merkt man außerdem, dass Bewertungen nicht immer als vollkommen fair empfunden werden. Das kann manchmal frustrierend sein, gehört aber auch zum Wettbewerb dazu. Entscheidend ist dann die Frage, wie man als Team damit umgeht: Welche Hinweise nimmt man an? Was setzt man um? Und welches Feedback lässt man vielleicht bewusst außen vor?
Also, ich würde grundsätzlich sagen, jeder, der Lust hat. Ich glaube, was man für sich selber dabei rausfiltern muss, ist: Will man sich die Zeit dafür nehmen? Wenn ja, dann muss man es auch bis zum Schluss durchziehen, da es eben eine Teamarbeit ist. Ansonsten gibt es so bestimmte Dinge, die besonders toll im Lebenslauf sind. Dazu gehören sprachliche Fähigkeiten, wie zum Beispiel ob man in der Schule Englisch als Leistungskurs gewählt hat. Also irgendwas, wo man vielleicht schon erkennen kann, dass da bestimmte Grundfähigkeiten vorhanden sind, auf die aufgebaut werden kann.
Und ansonsten sind gute Noten vom Vorteil, die ein gutes Rechtsverständnis widerspiegeln. Auslandsaufenthalte sind super oder Engagement bei „Jugend debattiert“ während der Schulzeit. Es ist jedoch nicht so, dass nur Leute mit besonders tollen Durchschnitten oder perfekten Lebensläufen genommen werden. Am Ende zählt das Gesamtpacket und vorallem das Auftreten. Bewerbt euch einfach, wenn ihr Lust habt. Probiert es aus, denn ihr habt nichts zu verlieren.
Ich würde sagen, mach es. Ich habe es nicht einmal bereut. Eher im Gegenteil: Der Vis Moot Court hat meine Motivation für das Jurastudium enorm gestärkt und auch meinen Blick auf meinen weiteren beruflichen Weg geprägt.
Besonders wertvoll waren für mich die vielen Kontakte und Freundschaften, die daraus entstanden sind – sowohl hier in Greifswald als auch mit Studierenden anderer Universitäten. Natürlich sind das einfach tolle Menschen, aber gleichzeitig profitiert man auch fachlich enorm davon, gut vernetzt zu sein. Man kennt Leute, die man jederzeit etwas fragen kann, die vielleicht schon Erfahrungen mit bestimmten Programmen gemacht haben oder Tipps zum Studium geben können.
Gerade zu Beginn des Studiums ist das unglaublich hilfreich. Je früher man sich ein Netzwerk aufbaut, desto mehr kann man während des gesamten Studiums davon profitieren. Das klingt vielleicht sehr simpel, aber ich glaube wirklich, dass gute Vernetzung gerade am Anfang extrem viel wert ist.
Hinzu kommt, dass man durch den Moot Court viele Fähigkeiten entwickelt, auf denen man später im Studium weiter aufbauen kann – sei es im wissenschaftlichen Arbeiten, im Präsentieren oder im strukturierten Argumentieren.
Deshalb würde ich heute jedem empfehlen, sich zumindest zu bewerben. Wenn man Interesse hat, gibt es aus meiner Sicht kaum einen Grund, es nicht einfach auszuprobieren.
Das Interview für die JurFuture-Redaktion führte Greta Brenzel
Das Thema „Moot Court“ hat Interesse bei euch geweckt? Hier stellen wir euch noch weitere vor:
Der European Law Moot Court: Europarecht hautnah erleben
Der Helga Pedersen Moot Court - Im Studium vor dem EGMR stehen
Internationale Praxisluft schnuppern: Der Frankfurt Investment Arbitration Moot Court
Zwischen Fallanalysen und Plädoyers – Ein Erfahrungsbericht zum Soldan Moot Court 2025
Allgemeinere Informationen findet ihr:
FAQ: Alles Rund um den Moot Court – Und: 10 Gründe, wieso du dir das nicht entgehen lassen solltest.
Habt ihr Erfahrungen oder Tipps, die das Jurastudium bereichern? Schreibt uns an: magazin-jurfuture@anwaltverein.de oder bei Instagram.
Die Kategorie bündelt Beiträge zum Thema Ausbildung.
Im Fokus: die vielfältige Praxis als Rechtsanwält:in und wie der Berufseinstieg so läuft.
Die Kategorie bündelt Beiträge, die dir für deinen persönlichen Weg Denkanstöße geben können.
Die Kategorie bündelt Beiträge zur Verfassung des juristischen Kosmos.