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Zu Hause reden wir nicht über Politik, auch nicht über mein Studium. Ich bin in eine Welt eingetreten, die meiner Familie fremd ist. Und je weiter das Studium fortschreitet, desto stärker wird dieses Gefühl der Entfremdung. Ich bewege mich zwischen zwei Identitäten, der akademischen einerseits und der familiären Welt andererseits. Es ist ein Leben im Dazwischen. Und manchmal frage ich mich: Wo passe ich eigentlich dazu?
Ich heiße Ersin Taner, studiere Jura an der Universität Passau und bereite mich aktuell auf das Erste Staatsexamen vor. Besonders geprägt haben mich die Begegnungen im Studium, vor allem meine engen Freundschaften. Daneben aber auch außerhalb des Studiums die Auseinandersetzung mit Literatur und Kunst.
Ich suche immer nach Räumen, in denen sich rechtliche und gesellschaftliche Perspektiven begegnen und widersprechen können. Themen wie soziale Gerechtigkeit und Pluralität stehen für mich nicht nur im Studium, sondern auch in meinem persönlichen Engagement im Mittelpunkt. Ich habe beispielsweise einen Lesekreis in einer Jugendstrafanstalt organisiert, weil ich glaube, dass Begegnungen Räume des Nachdenkens und der Selbstbefragung eröffnen können - auch dort, wo gesellschaftliche Teilhabe nicht selbstverständlich ist.
Selbstverständlichkeit war für mich nie gegeben. Ich bin der Erste in meiner Familie, der das Abitur gemacht und ein Studium begonnen hat. Ich hatte keine Vorbilder, keine Personen, die mir diesen Weg nahegelegt hätten. Alles war eher eine Art Auflehnung gegen das, was „vorgesehen“ (das „Schicksal“) war.
Nach dem Abitur hatte ich bereits einen Studienplatz für Jura an der LMU, hatte aber meine Bewerbung aus Angst zu scheitern zurückgezogen. Erst ein Praktikum in einer Rechtsabteilung hat mir gezeigt, dass ich diesen Weg wirklich gehen will und dass dieser sogar genau der richtige ist.
Trotzdem bleibt das Gefühl der Fremdheit. Ich frage mich oft: Passe ich hier her? Das Studium habe ich nie als selbstverständlich erlebt. Eher im Gegenteil. Daneben begleiten mich oft Zweifel, Existenzängste und die Tatsache, dass ich diesen Weg alleine gehen muss.
Diese Selbstverständlichkeit kann man vielleicht nicht lernen, aber man kann sich in sie hineintasten, hineinfühlen. Für mich bedeutet das auch Räume zu betreten, in denen ich mich zunächst unsicher fühle und dort zu bleiben. Stück für Stück.
Im Austausch mit anderen, beim Schreiben über diese Erfahrungen, schaffe ich auch mir Sichtbarkeit. Vielleicht ist das meine Art, Selbstverständlichkeit zu leben, als ein bewusstes Dazwischen.
Soziale Scham ist etwas, das mich oft begleitet. Sie zeigt sich in den kleinen, alltäglichen Momenten, in denen ich mich frage, ob man mir ansieht, dass ich nicht aus einem akademischen Umfeld komme.
Es fällt mir auch schwer, mit derselben Selbstverständlichkeit zu sagen: “Ich werde Jurist.“ Nicht, weil ich es mir nicht zutraue, sondern weil ich nie gelernt habe, mir diesen Weg als eigene Möglichkeit vorzustellen.
Es fällt mir schwer darüber zu reden, weil ich oft das Gefühl habe, dass ich allein damit bin. Doch so ist das ja nicht. Im Gegenteil habe ich das Gefühl, dass im öffentlichen Diskurs vermehrt darüber geredet wird, dass das Thema zunehmend an Aufmerksamkeit gewinnt. Beispielsweise empfand ich das Interview mit Herrn Professor Hanschmann sehr inspirierend, an das ich oft denken muss. https://www.juwiss.de/50-2023/
Es hat mir deutlich gemacht, dass ich mit meinen Gedanken und Gefühlen nicht allein bin.
Man beginnt bei Null. Es gibt kein familiäres Netzwerk, das einem Türen öffnet. Praktika, Hausarbeiten, Summer/Winter Schools, Tipps für das Studium oder für die Examensvorbereitung: All das muss man sich selbst organisieren. Oft fehlen Informationen, Vorbilder oder einfach die Ermutigung.
Auch finanzielle Hürden spielen eine Rolle. Ein unbezahltes Praktikum in der Wunschkanzlei bedeutet für viele, dass es eben nicht möglich ist. Da reicht das BAföG schlichtweg nicht aus.
Ich habe gelernt, Netzwerke anders zu denken. Vielmehr als Beziehungen, Freundschaften, Menschen, die an dich glauben; die auch wissen, wie es ist, sich fremd zu fühlen.
Ein gutes Beispiel dafür ist der Postmigrantische Jurist*innenbund (PMJB), bei dem ich selbst Mitglied bin. Dort erlebe ich, wie ermutigend es sein kann, sich mit anderen auszutauschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben.
Ich glaube nicht, dass ich mir bewusst aussuche, mit wem ich befreundet bin und dass die soziale Herkunft ein Kriterium ist. Und doch merkt man manchmal Unterschiede, zum Beispiel in der Sprache, in einer bestimmten Selbstverständlichkeit, mit der andere auftreten, in ihren Gewohnheiten oder Erwartungen. Dann spürt man eine Grenze, die nie ausgesprochen wird, aber trotzdem da ist.
Gerade deshalb sind Freundschaften für mich besonders wertvoll. Mein Freundeskreis, den ich seit dem ersten Semester und im Lauf der Jahre gefunden habe, hat mich sehr geprägt und natürlich auch gegenseitig. Ohne sie wäre ich heute nicht da, wo ich bin.
Zudem helfen mir Freundschaften mich selbst besser zu verstehen. Dazu gehört auch meine soziale Herkunft und auch meine Zukunft. Es geht nicht darum, denselben Hintergrund zu haben, sondern möglicherweise darum, sich zu begegnen, einander zuzuhören. Und - das ist mir sehr wichtig - vielleicht auch darum, sich jenseits von Erwartungen und Herkunft neu zu definieren.
Ich mag die Universität als Institution. Es bedeutet mir viel, an einem Ort zu sein, an dem ich mich weiterentwickeln und ständig dazulernen kann. Das ist für mich das schönste und damit möchte ich auch nie aufhören. Auch die Begegnungen mit Kommilitoninnen und Kommilitonen prägen mich.
Ich denke aber auch an einen Ort, an dem die unterschiedlichen Bildungsbiografien sichtbarer werden dürfen. Wo nicht vorausgesetzt wird, dass alle die gleichen Startbedingungen haben, sondern eher wo unterschiedliche Erfahrungen ernst genommen und eingebunden werden.
Ich glaube, es ist wichtig, die eigene Geschichte als Stärke zu begreifen. Am Ende muss ich aber sagen, dass ich selbst mehr Fragen als Antworten habe. Aber ich glaube, dass das in Ordnung ist. Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken, eines fremden Tages in die Antworten hinein (Rilke).
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