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Selina ist 29 Jahre alt und studiert momentan im fünften Teilzeitsemester, berufsbegleitend, Jura an der Fernuniversität in Hagen.
Ich habe bereits einen Bachelor- und einen Masterabschluss in BWL und arbeite derzeit bei einem Automobilzulieferer. Schon während meines Masterstudiums habe ich gemerkt, dass mich Jura ebenfalls interessiert. Ich wollte jedoch mein Studium noch abschließen und zeitnah in die Berufswelt starten, um auch mein eigenes Geld zu verdienen. Der Gedanke an ein Jurastudium hat mich jedoch nie ganz losgelassen, weswegen ich mich umfangreich informiert habe und auf die Option einer Fernuniversität gestoßen bin.
Die Fernuni Hagen ist die einzige staatliche Fernuniversität in Deutschland. Tatsächlich ist sie auch die einzige Fernuni, die das Jurastudium mit dem Abschluss des Staatsexamens anbietet. Andere Hochschulen bieten nur die Bachelor- und Mastervariante an, was für mich jedoch nicht infrage gekommen ist.
Ich zahle für ein Teilzeitsemester 290 Euro. Ich glaube ein Vollzeitsemester kostet etwas über 400 Euro. Im Gegensatz zu privaten Fernuniversitäten – wie der IU mit Gebühren zwischen 1000. und 2000. Euro pro Semester beispielsweise – ist der Unterschied enorm. Die Kosten ähneln also einem Semesterbeitrag einer staatlichen Präsenzuni.
Da ich berufsbegleitend studiere, komme ich natürlich erstmal von der Arbeit nachhause und gönne mir eine kurze Pause. Zwischen 17 Uhr und 18 Uhr setze ich mich dann wieder an den Schreibtisch. Die Veranstaltungen, also Vorlesungen, AGs, starten dann auch alle in den Abendstunden. Damit verbringe ich dann erstmal meine Zeit. Man kann grundsätzlich sagen, dass ich bis zum späten Nachmittag arbeite und die Abendstunden mit meinem Jurastudium verbringe.
Nein, die gibt es tatsächlich nicht. Es ist natürlich sinnvoll möglichst viele Termine wahrzunehmen, zumindest wird einem das geraten, aber verpflichtende Veranstaltungen gibt es nicht. Das kommt erst in den Schwerpunktseminar auf uns zu.
Dabei gibt es verschiedene Modelle. Die meisten Klausuren sind in Präsenz, da ist man aber auch sehr flexibel. Man kann sich grundsätzlich für einen Prüfungsstandort in jeder größeren Stadt anmelden. Man kann sich beispielsweise für Berlin, Hamburg, Frankfurt, Karlsruhe oder Leipzig anmelden. Insgesamt werden 14 Städte angeboten. Dabei handelt es sich um „Bring your own device“-Klausuren, was bedeutet, dass man seinen eigenen Laptop mitbringt und dann an den jeweiligen Orten in den Prüfungsräumlichkeiten die Klausuren absolviert.
Es gibt jedoch auch Online-Klausuren. Das ist jedoch die Ausnahme. Diese kann man aber komplett von zuhause schreiben. Man muss dann aber die Webcam einschalten und den Arbeitsplatz zeigen.
Die Klausuren werden mittlerweile überwiegend digital und nicht mehr handschriftlich absolviert. Eine Aufsicht kontrolliert dann die technischen Geräte genaustens, aber mittlerweile hat die Fernuni fast ausschließlich auf die digitale Option umgestellt.
In den AGs hat man die Möglichkeit, direktes mündliches Feedback zu erhalten. Sei es durch die Mitarbeit und die eigenen Beiträge oder durch Probeklausuren. Dieses Semester erst habe ich eine Probeklausur im Schuldrecht geschrieben und eine sehr detaillierte Auswertung erhalten.
Spannend fand ich auch einen neuen Ansatz, der dieses Jahr im Europarecht ausprobiert wurde. Dort haben wir zunächst eine zweistündige Klausur geschrieben und anschließend anhand eines Prüfungsbogens mit Korrekturhinweisen die Auswertung untereinander vorgenommen. Dieses „Peer-to-Peer“-Verfahren war etwas ganz Neues und hat dadurch noch einmal eine andere Form von Feedback ermöglicht.
Ein detailliertes Feedback gibt es daher nur in den Modulen, in denen Probeklausuren oder Einsendearbeiten angeboten werden.
Tatsächlich fast gar nicht. Man muss jedoch auch dazu sagen, dass ich persönlich auch eher eine Einzelkämpferin bin – daher vermisse ich das auch nicht. Es gibt jedoch auch für jedes Modul eine WhatsApp-Gruppe, in der auch wichtige Themen im Zusammenhang mit Klausuren oder Hausarbeiten besprochen werden. Es besteht dann auch immer die Möglichkeit in diesen Gruppen sich auszutauschen oder sich online zu einem Meeting zu verabreden. Manchmal übersieht man ja Kleinigkeiten in einem Sachverhalt und so ist der Austausch mit den Kommilitonen doch möglich.
Das stimmt schon, es fehlt mir aber auch nicht. Aber natürlich finde ich es auch schön, wenn man sich in einem Online-Meeting auch mal fünf Minuten über Privates austauscht oder kurz vor der Klausur live trifft. Es ist aber nicht so, dass man in den Hörsaal geht und dort alle seine Freunde sitzen hat, wie es an einer Präsenzuni mitunter der Fall sein kann.
Dadurch, dass man nie gemeinsam in einem Hörsaal sitzt, kann ich das gar nicht genau feststellen. In den Arbeitsgemeinschaften sind zwischen 40-50 Leute. In den Online-Vorlesungen aber gerne mal bis zu 100 Studierende oder auch mehr. Einen genauen Überblick habe ich mir aber nicht verschafft.
Das würde ich so nicht sagen. Auch an einer Präsenzuni ist es mit einer Vorlesung lange nicht getan. Da folgt auch die Nachbereitung mit einem Lehrbuch, die Detailrecherche in Kommentaren oder ein Blick in die aktuelle Rechtsprechung.
An einer Fernuni hast du jedoch die Möglichkeit, dass die Vorlesungen aufgezeichnet werden und du damit nicht an eine bestimmte Uhrzeit gebunden bist, was allerdings auch an einigen Präsenzunis der Fall sein wird. Außerdem liegt der Fokus nicht ausschließlich auf den Veranstaltungen der eigenen Universität. Ich schaue beispielsweise auch auf die Angebote anderer Universitäten und nutze verschiedene Quellen für meinen Lernprozess. Professor Lorenz oder Professor Fervers stellen beispielsweise ihre Vorlesungen und Materialien online zur Verfügung. Auch die Vorlesungsreihe von Professor Bülte von der Uni Mannheim in Strafrecht AT kann ich sehr empfehlen. Solche Tipps werden dann auch in unseren WhatsApp-Gruppen geteilt.
Das Wichtigste im Jurastudium ist jedoch, dass man Freude an der Materie haben sollte. Ohne dies wird es ein schwerer Weg, egal wie viel Disziplin man an den Tag legt. Ob nun in Präsenz oder an einer Fernuni - die Menge an Lernstoff ist nunmal überwältigend, weshalb man etwas Spaß an der Sache haben muss.
Die Uni bietet diesbezüglich ein Uni-Repetitorium an. Es gibt dazu einen Klausurenkurs, examensrelevante Rechtsprechung und auch die Möglichkeit, an einem Probeexamen teilzunehmen. Man kann dazu natürlich auch eigenständig noch ein kommerzielles Repetitorium dazu belegen. Große Unterschiede zu einer Präsenzuni gibt es in der Hinsicht also nicht.
Ein großer Vorteil ist die Flexibilität. Du bist weder örtlich noch zeitlich gebunden und kannst arbeiten, wo du willst. Vor allem, wenn man nebenbei arbeitet, kann man sich seinen Alltag nach den eigenen Vorstellungen gestalten. Dies ist vor allem auch durch die aufgezeichneten Vorlesungen möglich, die das Unileben sehr erleichtern.
Was ich an unserer Uni ebenfalls spannend finde, ist, dass die Veranstaltungen teilweise nicht von wissenschaftlichen Mitarbeitern der Lehrstühle abgehalten werden, sondern durch praktizierende Anwälte und Staatsanwälte als Lehrbeauftragte. So bekommt man einen Blick direkt in die anwaltliche Praxis. Wenn sie von ihrem Berufsalltag oder Fällen berichten, ist das eine interessante Ergänzung zum wissenschaftlichen Teil des Studiums.
Was mir persönlich jedoch ein wenig fehlt, sind die Veranstaltungen rund um das Studium herum. Seien es Studienfahrten oder Gastvorträge. Dass man eventuell mal ein Gericht oder eine JVA besucht – so etwas wird nicht angeboten. Im Schwerpunkt kommt sowas eventuell vereinzelt vor. Ich habe das Gefühl, dass Präsenzunis da ein weitaus größeres Spektrum an Angeboten haben. Was ich sehr schade finde, da so eine gewisse praktische Komponente fehlt, die einen Blick über den Tellerrand ermöglichen könnte.
Ja, auf jeden Fall. Ich bin super froh, dass ich diesen Schritt gegangen bin und bin mir sicher, dass ich das Studium auch durchziehen werde. Gerade in unserem Zeitalter bin ich froh, dass es diese Möglichkeit gibt, berufsbegleitend an einer Fernuniversität zu studieren und dabei die Flexibilität zu bewahren.
Man muss sich jedoch bewusst sein, dass auch Vorlesungen am Wochenende gehalten werden. Wer diese Chance jedoch nutzt, wird es meiner Meinung nach nicht bereuen.
Das Interview für die JurFuture-Redaktion führte Greta Brenzel.
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