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Die Selbstständigkeit ist ein zweischneidiges Schwert: Für die einen gilt sie als Inbegriff beruflicher Freiheit: keine Hierarchie und keine fremden Vorgaben. Für die anderen bedeutet sie Dauerstress, Unsicherheit und die ständige Herausforderung der Selbstorganisation. Doch wie die Selbstständigkeit tatsächlich aussieht, bleibt in Studium und Referendariat meist unausgesprochen.
Schon die Einstiege ins anwaltliche Berufsleben könnten unterschiedlicher kaum sein. Jonen arbeitete nach dem Staatsexamen zunächst vier Jahre als angestellte Anwältin, bevor ausgerechnet ihr Chef sie bestärkte, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Akgün dagegen wollte nach dem Referendariat mit klassischer Kanzleitätigkeit eigentlich nichts mehr zu tun haben und suchte bewusst einen eigenen Weg. So verschieden die Ausgangspunkte, so deutlich die Gemeinsamkeit: Am Anfang stand jeweils der Wunsch, selbst zu bestimmen, wie und woran sie arbeiten.
So romantisch die Vorstellung der eigenen Kanzlei ist, so schnell holt die Realität sie ein. Die größte Hürde, da waren sich alle drei einig, sei nicht der Papierkram, sondern die mentale Last. „Arbeit ist immer da“, brachte es Jonen auf den Punkt – entsprechend schwer falle das Abschalten. Wer selbstständig sei, trage den mentalen Lastenrucksack des gesamten Betriebs allein und genau der lasse sich nicht delegieren. Das ist der eigentliche Dauerlauf der Selbstständigkeit. Der administrative Rest dagegen, so der Tenor, spiele sich mit der Zeit ein. Zwar sei es anfangs ungewohnt, kein Sekretariat zu haben, das einem einen Großteil der Büroarbeit abnimmt; im Kern aber bleibe die Organisation einer kleinen Kanzlei simpel. Größere Schwierigkeiten bereite vor allem die Steuer. Ein häufig genanntes Ärgernis sei die Umsatzsteuervoranmeldung. Ingmanns lagerte das Thema gerade deshalb vollständig an eine Steuerberatung aus.
Den vielleicht aufschlussreichsten Teil des Abends bildete die Frage, wie überhaupt Mandate akquiriert werden. Auch hier fiel die Antwort einstimmig aus: Netzwerk, Netzwerk und nochmals Netzwerk. Für Ingmanns war zu Beginn das Forum Junge Anwaltschaft essenziell. In den WhatsApp-Gruppen des Forums Junger Anwaltschaft lasse sich das eine oder andere Mandat gewinnen. Die Frage, ob die drei überhaupt noch klassisches Marketing betrieben, wurde eher verneint. Akgün erzählte, dass er anfangs weder ein Budget für Marketing noch ein eigenes Büro hatte, stattdessen die sprichwörtliche Wohnzimmerkanzlei, sparsames Wirtschaften und das Vertrauen darauf, dass es sich trägt. Für Ingmanns war Marketing schon zu ihrer Anfangszeit 2017 kein Thema. Auch heute betreibe sie kein Marketing, sondern arbeite allein über ihr Netzwerk – mit bis zu 350 Mandant:innen im Jahr.
Auch Jonen setzt stark auf Netzwerke. Zwar arbeite sie mit einem Marketingvermittler, pauschal empfehlen würde sie das aber nicht. Fraglich sei schon, ob der Kosten-Nutzen-Faktor überhaupt stimmt. Entscheidend seien ohnehin nicht „irgendwelche“ Fälle, so Jonen, sondern gerade mit Blick auf den Fachanwaltstitel die passenden. Und genau die würden innerhalb der Anwaltschaft weitergegeben. Ohne ein Netzwerk komme niemand an die passenden Fälle heran. Bei guter Arbeit empfehlen einen zudem die Mandant:innen selbst weiter. Auch die Zusammenarbeit in einer Bürogemeinschaft zahle sich für die Mandatsakquise aus, attestierten Jonen und Ingmanns.
Das Netzwerk ist also kein netter Zusatz, sondern ein essenzieller Baustein der Selbstständigkeit. Wer sich angesprochen fühlt, sollte unbedingt beim FORUM Junger Anwaltschaft oder im JurFuture-Netzwerk vorbeischauen.
Auch die Vorteile der Selbstständigkeit sollten nicht unerwähnt bleiben. Da die treibende Kraft, wie eingangs erwähnt, die Freiheit war, wurde gerade dieser Vorteil besonders herausgehoben; hier kamen die Anwält:innen geradezu ins Schwärmen. Akgün machte diese Freiheit ganz anschaulich: Er schlafe gern lang, und statt um sieben aus dem Bett zu müssen, könne er dank der Selbstständigkeit auch einmal erst um zwölf aufstehen.
Besonders persönlich wurde es beim Thema Familie. Auf der Habenseite steht die vielleicht größte Errungenschaft der Selbstständigkeit: Die Arbeitszeit wird selbst eingeteilt. Auf der Sollseite stehen Elternzeit und Mutterschutz, die ohne Arbeitgeber im Rücken deutlich komplizierter zu organisieren sind. Die eigentliche Kehrseite der Freiheit ist jedoch subtiler – die Arbeit ist immer da. Eine Stimme aus dem Panel setzt deshalb bewusst auf feste Termine als Gegengewicht, weil der Tag sonst zerfließt. Wie real die Gefahr ist, zeigte ein offenes Eingeständnis: Eine Person berichtete von einem Beinahe-Burnout, ausgelöst durch ein zu volles Postfach. Selbstständigkeit ist damit ein permanenter Balanceakt zwischen Erreichbarkeit und Erholung, den jede:r selbst austarieren muss. Doch all die Mühe lohne sich: Wer sich selbstständig mache, könne nach einer gewissen Zeit durchaus vergleichbar mit einer Großkanzlei verdienen.
Anschließend richtete sich der Blick auf den Wandel der Branche und darauf, wie Studierende sich auf die juristische Welt von morgen vorbereiten könnten. Das Urteil fiel zwiespältig aus. Einig waren sich alle drei in der Kritik, dass das Studium viel zu wenig auf die Praxis vorbereite. An diesem Punkt herrschte unbequeme Einigkeit, und er führt mitten in eine Debatte, die JurFuture seit Längerem begleitet: Das Jurastudium lehrt nicht, wie anwaltliche Arbeit tatsächlich funktioniert. Es sei zu rechtswissenschaftlich, zu wenig an der Praxis orientiert. Das Referendariat bereite zwar spürbar besser vor, doch auch hier meldete das Panel Reformbedarf an. Auch in puncto KI gebe es einigen Aufholbedarf. Nicht jede:r nutzt KI im Arbeitsalltag. Ingmanns etwa erläuterte, dass KI im Familienrecht derzeit noch unbrauchbar sei. Bemerkenswert war, wie groß der Andrang an Fragen wurde, sobald das Thema KI fiel. Schnell wurde deutlich: Hier herrschte große Unsicherheit, und viele Studierende kritisierten, dass das Studium den praktischen Umgang mit KI nicht vermittle.
Auf die Frage, was Studierende denn nun konkret mitnehmen sollten, fielen die Empfehlungen erfreulich greifbar aus: viele Praktika absolvieren, Stichwort „Praxis schlägt Theorie“. Dabei lohne es sich, so der Rat, selbst Initiative zu ergreifen, statt auf Anleitung zu warten. Weiter solle man Soft Skills ernst nehmen, Mentoring suchen und annehmen sowie möglichst früh netzwerken. Eng damit verbunden ist die Rolle von Vorbildern. „Man muss mindestens ein Vorbild haben", so Jonen; ebenso zentral sei die Gruppendynamik: Wer nicht allein kämpft, komme weiter. Zudem sollten Studierende an Moot Courts teilnehmen, so Ingmanns, wann immer sich die Gelegenheit biete, um das argumentierende Sprechen zu lernen.
Bei der Frage nach KI- und Zukunftskompetenzen verzichtete das Panel bewusst auf ein Patentrezept: Einen allgemeingültigen Leitfaden gibt es (noch) nicht. Der Rat lautete eher, früh in einer Kanzlei zu arbeiten, um mit dem Umgang von KI vertraut zu werden und sich zu spezialisieren. Gerade deshalb blieb der Ausblick zuversichtlich: Der Anwaltsberuf sei zukunftsfähig, sein Schlüssel liege in Spezialisierung und Qualität.
Zum Abschluss kam das Panel auf die mentale Gesundheit zu sprechen – offen und ohne Beschönigung. Es ging um den Stress in der Examensphase ebenso wie um den späteren Druck im Beruf. Wichtig sei vor allem, Ansprechpartner zu haben: Familie und Freunde, aber auch Vertrauensanwält:innen. Solche Menschen seien von immensem Wert – und ein weiterer Anreiz zum Netzwerken. Dass dieser Rückhalt nicht allen gleichermaßen offensteht, sprach das Panel ehrlich an: Gerade Angehörige von Minderheiten fänden schwer einen Zugang zu solchen Netzwerken. Damit verschiebt sich die Frage vom individuellen Durchhaltevermögen hin zu einer strukturellen Frage: wer bringt überhaupt die Voraussetzungen mit, in diesem Beruf aufzusteigen? Benannt wurde auch der Druck, sich als Mann keine Schwäche erlauben zu dürfen. Auch hier müsse sich einiges ändern.
Am Ende bleibt vor allem ein Satz von Akgün hängen: „Wir sind keine Superhelden." Er fasst gut zusammen, worum es geht: Die mentale Gesundheit ist kein Luxus, sondern die Grundlage von allem – denn mit einem Burnout bringt einem auch das beste Prädikatsexamen nichts.
Das Bild, das die drei Panelist:innen zeichneten, korrigiert ein verbreitetes Missverständnis: Selbstständigkeit in der Anwaltschaft ist kein blinder, einsamer Sprung ins Ungewisse, sondern ein Weg, der von Netzwerk, Spezialisierung und einer gehörigen Portion Selbstfürsorge getragen wird. Die Freiheit ist echt, in zeitlicher wie möglicherweise auch in finanzieller Hinsicht. Aber sie muss sich verdient werden.
Auf der individuellen Ebene kann jede:r vorsorgen: durch Praxis statt reiner Theorie, durch frühes Netzwerken, durch das bewusste Achten auf Gesundheit und ein tragfähiges Umfeld. Auf der strukturellen Ebene bleibt die Aufgabe größer, eine Ausbildung, die anwaltliche Wirklichkeit besser abbildet, und eine Branche, die Aufstieg nicht nur den ohnehin Begünstigten ermöglicht. Die vielleicht unjuristischste Erkenntnis des Abends ist zugleich die wichtigste: Auf die eigene Gesundheit und ein gutes Umfeld zu achten, ist in diesem Beruf die Basis allen Erfolges.
Dank gilt den drei Panelist:innen Constanze Ingmanns, Nina Jonen und Ahmet-Furkan Akgün sowie den Moderatorinnen Jasmin Stolzenburg und Lily Wacker für ihre ehrlichen Einblicke.
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