Roya Sangi: Was tun mit Jura?

sangi-roya-katzenkeonig-bee8c89b__1_.jpg
Wie politisch sollten Jurist*innen heute sein? Roya Sangi im Interview (© Gabriel Seifert)
Roya Sangi ist Rechtsanwältin im Europa- und Verfassungsrecht in Berlin. Sie ist im Iran groß geworden und studierte Rechtswissenschaft und politische Philosophie (M.A.) in Hamburg und Barcelona. 2016 promovierte sie und ist seit 2017 Rechtsanwältin. Pro bono berät sie NGOs unter anderem zu völkerrechtlichen Fragen der Seenotrettung.

Mit Jura kann man alles machen, ein Lieblingsspruch vor allem von älteren Jurist*innen. Doch stimmt der eigentlich noch? Kann man mit Jura wirklich noch alles machen? Oder sollte man mit Jura nicht genau das machen, was man mit Jura machen sollte: Die Welt ein wenig besser?

 

 

Wie politisch sind wir Jurist*innen heute?

Unterschiedlich. Ich selbst bewege mich in einem sehr politischen Raum, aber das ist nicht in allen Bereichen so. Im Studium gab es zwar Seminare, in denen es auch um politische Fragen ging, aber da saßen dann nur 15 Menschen darin. Das hat mich irritiert.

 

Wie politisch sollten wir Jurist*innen sein?

Sehr, denke ich! Bevor ich mit dem Studium anfing, dachte ich, es geht in der Rechtswissenschaft um die Frage der Gerechtigkeit. Aber die Fragen: „Worauf kommt es an, warum machen wir das?“ wurden am Anfang meines Studiums wenig thematisiert. Inzwischen ist es etwas anders. Es gibt mehr Grundlagenveranstaltungen. Ich selbst gebe einen Kurs in Hamburg für jüngere Studierende.

 

Haben Jurist*innen die Pflicht, politisch zu sein?

Ja. Die Rechtswissenschaft ist eine Machtwissenschaft. Deswegen sollten gerade Menschen, die gestalten wollen, auch politisch sein. Sie müssen wissen, wie wichtig dieses Instrumentarium ist und wie sensibel. Gerade in Krisenzeiten.

 

Worum geht es konkret?

Es geht um die Mitgestaltung, aber gleichzeitig auch um die Wahrung der Grundrechte und der Werte, die im Grundgesetz verankert sind. Beides bedingt sich. Das hat sich zum Beispiel in den letzten Tagen gezeigt, in denen wir mit Hochdruck an der rechtlichen Bewältigung der Coronakrise gearbeitet haben.

 

Können Anwält*innen die Welt besser machen?

Ein bisschen, ja. Natürlich glaube ich nicht, dass ich die Welt rette, wenn ich ins Büro komme. Aber als Anwältin in meinem Bereich gibt es viele Möglichkeiten.

 

Kann es ein richtiges Handeln geben, wenn man auf der falschen Seite steht?

Was ist falsch, was ist richtig? Wenn man sich mit der Materie befasst, ist es immer viel komplexer: Es geht um Interessenkonflikte. Dann ist die Frage: Wie lösen wir sie? Und was gibt zum Beispiel die Verfassung dafür her, wie diese Konflikte zu lösen sind.

 

Sie sind jetzt seit mehr als drei Jahren Anwältin. Wie gehen Sie mit Zweifeln im Mandat um?

Mit Zweifeln muss man ganz offen umgehen. Gerade während meiner Promotion gab es immer wieder Phasen der Verzweiflung. Dann sagte ich mir: O.k., du musst eine Lösung finden, egal wie hart es ist. Das setze ich auch als Anwältin fort.

 

Wie wichtig ist Ihnen Pro-bono-Arbeit?

Sehr wichtig, weil ich weiß, dass viele sich eine*n gute Anwält*in nicht leisten können, weil wir uns gerade jetzt für bestimmte gesellschaftspolitisch relevante Themen einzusetzen haben.

 

Sie beraten die Vereine Mission Lifeline und Sea Watch. Was tun Sie genau?

Ich habe unter anderem mit einem Kollegen ein Gutachten zum Thema Geflüchtete in Seenot geschrieben. Zu der Frage: Befinden sich Geflüchtete in einem rechtsfreien Raum? Und auch wenn dies nie gesagt wird und der EMRK widerspricht: Faktisch ist es so, denn so wird es gelebt, weil nicht eingegriffen wird. Doch leider ist es auch so, dass in der Politik nicht gleich etwas passiert, nur weil es ein Gutachten gibt.

 

Muss die politische Landschaft verändert werden?

Wenn sich die Zivilgesellschaft für Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte einsetzt, kann vieles bewirkt werden. Man muss eben mehr Menschen dafür gewinnen und man braucht eine europäische Perspektive. Daran arbeite ich (lacht).

 

Mit Jura kann man alles machen. Stimmt das?

Ob man alles machen kann, weiß ich nicht, aber vieles. Jura bleibt ein Türöffner. Wir als Jurist*innen, sei es in der Justiz, in der Verwaltung oder als Anwält*innen befassen uns mit den Themen, die alle Menschen täglich beschäftigen.

Warum sind Sie Anwältin geworden?

Es gibt zwei Momente in meinem Leben: 1998 in Teheran gab es die Kettenmorde an Oppositionellen. Das hat mich sehr mitgenommen. Ich war 13. Ich war fassungslos, erschüttert. Damals dachte ich: Ich möchte die nächste Verfassung Irans schreiben, sie sollte ganz anders aussehen. Später bin ich nach Hamburg ausgewandert. Da kamen andere Herausforderungen, eine neue Welt öffnete sich. Im März 2016, damals war ich Referendarin am Bundesverfassungsgericht, saß ich dann in der Verhandlung zum Atomausstieg. Mein jetziger Mentor, Ulrich Karpenstein, hat so beeindruckend zur Grundrechtsberechtigung eines europäischen Staatskonzerns vorgetragen, dass es mich komplett erwischt hat. Es war klar: Wenn ich nicht in der Wissenschaft bleibe, möchte ich bei ihm Anwältin werden. Und so ist es auch gekommen.

 

Hätten Sie sich als junge Anwältin etwas gewünscht, was den Berufseinstieg leichter gemacht hätte?

Ja, natürlich. Es gibt vieles, das ich irgendwie gerne anders gehabt hätte, schon während des Studiums und der gesamten Ausbildung. In jedem Stadium hätte ich viel besser auf den Beruf und die ganz alltäglichen Probleme vorbereitet werden können. Die praktische Anwendung des Rechts sowie die wirksame Durchsetzung von Interessen ist nach wie vor unterbelichtet. Sachverhaltsarbeit und Subsumtion werden unterschätzt.

 

Was hätten Sie sich denn in der Ausbildung gewünscht?

Sich mal mit der Frage auseinanderzusetzen: Warum sitzen wir alle zusammen? Was ist der Sinn des Ganzen? Also eine bessere Einführung in die Rechtswissenschaft. Eine, die begeistert.

 

Also, warum Jura?

Weil sich damit so viel bewegen und hinterfragen lässt.

 

Das heißt, es braucht Vorbilder, die Lust und Freude an Jura vermitteln?

Auch. Und Grundlagen. Grundlagen der Rechtswissenschaft, Rechtsphilosophie sind sehr wichtig. Für viele ist das ein exotisches Thema. Aber die Wahrheit ist: Alles, was ich gelernt habe, habe ich aus diesen kleinen Seminarräumen. Um zum politischen Engagement an der Uni zurückzukommen: Leider geht es bei diesem Engagement oft nicht mehr darum, etwas zu lernen und zu bewegen, sondern darum, es in seinen nächsten Stipendienantrag und seinen Lebenslauf zu schreiben. Das Gefühl habe ich aber auch heute noch bei vielen.

 

Fehlt der Spaß an Jura?

Ja. Das Studium und das Referendariat sind absurd examensorientiert. Dafür aber, dass die Examina so wichtig sind, fand ich den Umgang damit sehr fahrlässig, zum Beispiel die mündliche Prüfung, ein Zufallsprinzip. Oft zählt nur die Sympathie. Ich wünschte mir tatsächlich eine Videoaufnahme in jedem Prüfungsraum.

 

Was würden Sie dem Nachwuchs mitgeben, wenn sie die Welt wirklich verändern wollen?

Jede*r Jurastudierende, sollte sich vorher die Frage stellen: Warum studiere ich das? Weil ich keinen Medizinstudienplatz bekommen habe, weil meine Eltern sich das wünschen, oder aus Überzeugung? Wenn Ihr feststellt, im dritten, vierten Semester, dass es nicht das ist, was Ihr Euch vorgestellt habt, dann habt den Mut aufzuhören. Lasst Euch nicht von dem sozialen, familiären, freundschaftlichen Druck beeindrucken. Es ist kein Scheitern, es ist eine Tür zu einer anderen Chance.

 

Wenn Sie zehn Jahre weiterdenken, haben Sie vor irgendetwas Angst?

Dass wir in zehn Jahren nicht mehr mehrheitlich dieselben Werte in dieser Gesellschaft haben werden, und ich rede von der europäischen Gesellschaft. Ich mache mir Sorgen um den Zustand Europas, und dass der rechtspopulistische Prozess weitergeht.

 

Wenn Sie „Katzenkönig“ hören, woran denken Sie?

An meine Strafrechtsvorlesung. Und daran: wie naiv man denn sein kann? (lacht) Das war das erste, was mir durch den Kopf ging.

 

Das Gespräch führten Stephanie Graetz, Bettina Bachmann und Nicolas Lührig (Bearbeitung Lisa Tramm).

Im Anwaltsblatt finden Sie ein Porträt über Roya Sangi: "Welchen Wert haben Freiheit, Demokratie und Rechts­staat­lichkeit?"

Anzeige

Anzeige

Fragen?

Habt ihr Erfahrungen oder Tipps, die das Jurastudium bereichern? Schreibt uns an: magazin-jurfuture@anwaltverein.de oder bei Instagram.

Entdecke unsere Top-Themen aus anderen Kategorien

Entdecke alle Kategorien

lernen&lücken

Die Kategorie bündelt Beiträge zum Thema Ausbildung. 

kanz&lei

Im Fokus: die vielfältige Praxis als Rechtsanwält:in und wie der Berufseinstieg so läuft.

lifehacks - Die Kategorie bündelt Beiträge, die dir für deinen persönlichen Weg Denkanstöße geben können.

lifehacks

Die Kategorie bündelt Beiträge, die dir für deinen persönlichen Weg Denkanstöße geben können.

verfassungscheck

Die Kategorie bündelt Beiträge zur Verfassung des juristischen Kosmos.

Stephanie Graetz