Rechtsgebiete – Welches Fachgebiet soll es sein?

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Erfahrene Anwältinnen und Anwälte verraten, was ihr Fachgebiet besonders macht
Du stehst kurz vor der Anwaltsstation und möchtest wissen, welches Fachgebiet zu dir passen könnte? Oder schaust du dich nach einem interessanten Praktikum um? Es ist nie zu früh, sich über die Zukunft Gedanken zu machen. Deshalb haben wir Anwältinnen und Anwälte gefragt, was an ihrem Rechtsgebiet so toll ist, und warum junge Juristinnen und Juristen sich dafür entscheiden sollten.

Vielleicht sind die Klassiker Rechtsgebiete wie Strafrecht, Sozial- oder Mietrecht genau das richtige für euch. Trotzdem lohnt es sich auch mal die weniger naheliegenden Fachgebiete zu beschnuppern. Etwa Medizinrecht: Die Gesundheitsbranche ist heute eine riesige Industrie, in der viel Geld bewegt wird. Anwältinnen und Anwälte können hier sehr viel Verantwortung übernehmen und gesellschaftspolitisches Engagement zeigen. Oder Sportrecht: Hier sind Ehrgeiz und der Blick über den Tellerrand gefragt. Bist du besonders diplomatisch und suchst gerne Kompromisse, die für alle zufriedenstellend sind? Dann ist vielleicht das Versicherungsrecht das richtige Rechtsgebiet für dich. Es gibt zahlreicht Optionen – welches Fachgebiet des Rechts ist für dich die Zukunft.

 

 

Agrarrecht

Antworten von Mechtild Düsing,
Fachanwältin für Verwaltungsrecht, Erbrecht und Agrarrecht, Notarin

 

Warum sollten sich junge Juristinnen und Juristen für das Agrarrecht begeistern?

Das Agrarrecht ist eine sehr interessante Querschnittsmaterie. Landwirtschaftliche Unternehmen brauchen heutzutage Rechtsberatung auf sehr vielen Gebieten, mit denen die Bäuerinnen und Bauern in früherer Zeit nichts zu tun hatten. Bestanden Gerichtskontakte in der Vergangenheit zum Grundbuchamt oder allenfalls zum Landwirtschaftsgericht beim Amtsgericht, kann es jetzt vorkommen, dass Prozesse bei obersten Bundesgerichten und insbesondere auch beim Europäischen Gerichtshof geführt werden müssen. Bekanntlich erzeugen Landwirtinnen und Landwirte auf ihren Äckern nicht nur Nahrung für Mensch und Tier, sondern sind inzwischen auch zu Energiewirten geworden mit Hilfe von Fotovoltaikanlagen, Windparks und Biogasanlagen.

Anwältinnen und Anwälte, die sich auf die Beratung von Landwirten spezialisieren, müssen sich demnach neben dem BGB auch im landwirtschaftlichen Erbrecht, im europäischen Agrarrecht, im Naturschutzrecht, im Tierschutzrecht, im Gesetz über den Ausbau erneuerbarer Energien und vielen anderen Rechtsgebieten auskennen.

Ein Überblick über die mit dem Agrarrecht zusammenhängenden Rechtsmaterien erhält man unter anderem in den Fachanwaltskursen für den Fachanwalt für Agrarrecht (zum Beispiel bei der Deutschen Anwaltakademie). Angesichts der Tatsache, dass es in Deutschland (Stand: 1. Januar 2018) 275.000 landwirtschaftliche Betriebe, jedoch nur 165 Fachanwälte für Agrarrecht gab, ist es durchaus möglich, sich einen festen Mandantenstamm aus landwirtschaftlichen Betrieben aufzubauen.

 

Alle reden von der Digitalisierung. Auch ein Thema im Agrarrecht?

Selbstverständlich ist die Digitalisierung auch in der Landwirtschaft angekommen. In den landwirtschaftlichen Betrieben läuft nichts mehr ohne Computer und Internet. Anträge für bestimmte Agrarförderungsmaßnahmen sind manchmal sogar verpflichtend online zu stellen, und in vielen Bereichen, wie zum Beispiel für die EU-Direktzahlungen oder für die Registrierung von Rindern, schreibt das EU-Recht den Landwirtinnen und Landwirten die Verwendung bestimmter Datenbanken vor. Auch hier bedarf es öfters anwaltlicher oder zumindest fachlicher Beratung.

 

Was brauchen junge Juristinnen und Juristen im Agrarrecht, was sie in der Juristenausbildung nicht lernen?

Wie bei jeder Spezialisierung reicht die Ausbildung an der Universität und im Referendariat für die Gewinnung und Betreuung von agrarrechtlicher Mandantschaft nicht aus. Zwar hat man in der Ausbildung etwas vom Europarecht gelernt, sich aber nicht mit dem speziellen europarechtlichen Agrarrecht befasst mit seinen oft sehr umfangreichen, unübersichtlichen und sich ständig ändernden Verordnungen, die zudem noch Umsetzungsspielräume für die Mitgliedstaaten enthalten. Ist es allgemein schon in vielen speziellen Rechtsgebieten schwierig, die maßgeblichen Rechtsnormen in der für den konkreten Fall gültigen Fassung überhaupt zu finden, so stellt dies im Agrarrecht selbst mit langer Berufserfahrung immer wieder eine besondere Herausforderung dar. Auch fehlt es an Kenntnissen im landwirtschaftlichen Erbrecht, im landwirtschaftsgerichtlichen Verfahrensrecht und im Landpachtrecht. Die Ausbildung an der Universität und in der Referendarzeit befähigt jedoch jede junge Juristin und jeden jungen Juristen, sich in die Spezialmaterie des Agrarrechts anhand der Gesetzestexte und der Fachliteratur einzuarbeiten. Um die Kompetenzen nach außen sichtbar zu machen, ist sicherlich auch der Erwerb des Fachanwaltstitels für

 

 

Agrarrecht zu empfehlen.

 

Antworten von Uwe J. Fischer,
Rechtsanwalt und Notar in Berlin, Fachanwalt für Steuerrecht

 

Warum sollten sich junge Juristinnen und Juristen auf die Kombination Anwalt und Notar spezialisieren?

Damit sie einen der schönsten Berufe im breiten Spektrum der Juristerei ergreifen können! Das Notariat bietet hohe Unabhängigkeit in persönlicher und wirtschaftlicher Hinsicht, gekoppelt mit einem bunten Querschnitt durch die Gesellschaft und sämtliche Gebiete des Zivilrechts. Nicht zuletzt entfällt das streitige Element, Notarinnen und Notare arbeiten in der vorsorgenden Rechtspflege und tragen damit zur Streitvermeidung bei. Diese positive und auf Ausgleich bedachte Grundausrichtung trifft die Lebenseinstellung vieler jüngerer Bewerber-/innen eher als die in der reinen Anwaltstätigkeit vielfach nicht vermeidbare Einseitigkeit.

 

Wie wird sich das (Anwalts-)Notariat in den nächsten fünf Jahren wandeln?

Die Zahl der Anwaltsnotare wird weiter abnehmen. Dies führt einerseits zu einer vereinfachten Marktsituation für die Anwaltsnotare und andererseits durch das erhöhte Urkundsaufkommen pro Notariat zu noch professionelleren Strukturen. Gleichzeitig wird es schwerer werden, Fachangestellte zu finden. Dies wiederum führt dazu, dass sich Notarin und Notar in noch stärkerem Maße mit der Büroorganisation und Softwarelösungen für den Beruf befassen müssen. Dies ist allerdings keine Besonderheit des Notariates, alle akademischen Berufe sehen sich diesen Herausforderungen gegenüber. Das Notariat sehen wir durch die hohe Kompetenz der Bundesnotarkammer im IT-Bereich aber als gut gewappnet für die Herausforderungen der Zukunft an.

 

Was brauchen junge Juristinnen und Juristen für das Anwaltsnotariat, was sie in der Juristenausbildung nicht lernen?

Geduld, Gelassenheit, Sozialkompetenz und breite Schultern.

 

 

Baurecht

 

Antworten von Dr. Peter Sohn,
Fachanwalt für Bau- und Architektenrecht, Versicherungsrecht

 

Warum sollten sich junge Juristinnen und Juristen für das Baurecht begeistern?

Wer sich für das Bau- und Architektenrecht spezialisieren möchte, der benötigt neben juristischem Sachverstand eine gewisse Affinität für technische Fragen. Wer in baurechtlichen Angelegenheit beraten will, der muss zunächst einmal verstehen können, was er von seiner Mandantschaft an Informationen erhält und was gegebenenfalls fehlt. Eine "weiße Wanne" hat nichts mit Körperpflege zu tun.

 

Wie wird sich das Bau- und Immobilienrecht in den nächsten fünf Jahren wandeln?

Auch das Bau- und Immobilienrecht wird sich in den nächsten fünf Jahren wandeln. Hier ist insbesondere der technische Fortschritt durch die E-Akte zu nennen. Hinzu kommen geänderte Planungsgrundlagen am Bau, wie das BIM (Building Information Modeling).

 

Was brauchen junge Juristinnen und Juristen im Bau- und Immobilienrecht, was sie in der Juristenausbildung nicht lernen?

In der Juristenausbildung ist eine Vorlesung für baurechtliche Fragen nicht vorgesehen. Es gibt einige wenige Hochschulen in Deutschland, die spezielle Lehrgänge anbieten (zum Beispiel Münster, Marburg, Siegen). Wer davon noch keinen Gebrauch gemacht hat, aber gleichwohl baurechtliches Interesse hat, der sollte sich nach Möglichkeit um eine Referendarstelle oder erste Anstellung als Anwalt in einer der großen Baurechtskanzleien bemühen. Der Einsatz ausschließlich autodidaktischer Möglichkeiten zur Einleitung ist nicht zielführend. Zwar sind in baurechtlichen Streitigkeiten die Honorare in aller Regel überdurchschnittlich. Man muss jedoch sehen, dass die Dauer von Bauprozessen erheblich und die Wahrnehmung mehrerer Orts- und Gerichtstermine nicht selten ist. Vor diesem Hintergrund werden insbesondere von spezialisierten Baurechtskanzleien entsprechende Mandate grundsätzlich nur auf Stundensatzbasis angenommen, die nicht selten 400 Euro und mehr vorsehen. Letztlich kommt es für den jungen Juristen oder die junge Juristin zunächst einmal darauf an, sich selbst Klarheit darüber zu verschaffen, ob das Baurecht für ihn oder sie das Richtige ist. Hier muss man eine klare Analyse der eigenen Stärken und Schwächen vornehmen.

 

 

Erbrecht

 

Antworten von Dr. Wolfram Theiss,
Partner bei Noerr in München, spezialisiert auf Erbrecht, Gesellschaftsrecht und Erbschaft- und Schenkungssteuerrecht

 

Warum sollten sich junge Juristinnen und Juristen auf das Erbrecht spezialisieren?

Das Tätigkeitsgebiet des Erbrechtsanwalts ist ausgesprochen vielfältig und reicht von der Regelung der Vermögensnachfolge zu Lebzeiten, die bei der Unternehmensnachfolge besonders anspruchsvoll ist, über die Testamentsgestaltung bis zur Begleitung von Erbauseinandersetzungen. Mit einer Spezialisierung auf diesen Bereich betritt man ein spannendes und vielseitiges, aber auch sehr anspruchsvolles Terrain. Die erbrechtlichen Themen sind eng mit dem Familienrecht, Steuer- und Gesellschaftsrecht, aber auch mit betriebswirtschaftlichen Komponenten verknüpft. Zudem gibt es wohl kaum ein anderes Rechtsgebiet, das von mehr Emotionen geprägt ist als das Erbrecht. Auf unsere jungen Kolleginnen und Kollegen warten spannende Mandate, die sie auch in persönlicher Hinsicht reifen lassen werden.

 

Wie wird sich das Erbrecht in den nächsten fünf Jahren wandeln?

Die in Politik und Wirtschaft diskutierten Themen machen auch vor unserem über 100 Jahre alten Erbrecht nicht Halt. Zudem wird nicht nur unser Alltag, vielmehr werden auch die Nachlässe immer internationaler. Auslandsvermögen, insbesondere Auslandsimmobilien, bereichern die Beratung. EU-Verordnungen aus Brüssel führen zu grundlegenden Änderungen; sie wirken auch auf die Erbrechtsberatung ein. Fragen wie beispielsweise die, welche Auswirkungen der „Brexit“ auf das Erbrecht haben wird, insbesondere auf die Verschonungsoptionen für Unternehmen im Zusammenhang mit dem Erbschaft- und Schenkungsteuer, oder ob uns bald eine erneute Reform des Erbschaftsteuerrechts bevorsteht, halten das Rechtsgebiet lebendig. Und natürlich ist auch die Digitalisierung im Erbrecht angekommen. Neben dem Thema „Digitaler Nachlass“ beschäftigt uns die Frage, ob und inwieweit künstliche Intelligenz uns als Berater ersetzen kann, ferner, wie wir sie zur Erleichterung unserer Arbeit einsetzen können.

 

Was brauchen junge Juristinnen und Juristen im Erbrecht, was sie in der Juristenausbildung nicht lernen?

Die Gestaltung der Vermögensnachfolge oder die streitige Erbauseinandersetzung ist eine elementare Herausforderung im Leben eines Menschen. Ihn dabei zu begleiten, erfordert ein erhebliches Einfühlungsvermögen. Denn nur wenn der Berater versteht, was den Mandanten bewegt, vermag er ihm auch die richtigen Empfehlungen zu geben. Neben der Empathie benötigt der Berater auch Verhandlungsgeschick und Durchsetzungsvermögen, oftmals auch gegenüber dem Mandanten.

 

 

Familienrecht

Antworten von Eva Becker,
Rechtsanwältin Fachanwältin für Familienrecht bei Junggeburth & Becker Berlin

 

Warum sollten sich junge Juristinnen und Juristen auf das Familienrecht spezialisieren?

Wer international tätig sein will und sich für Arbeitsrecht ebenso interessiert, wie für Gesellschafts-, Immobilien-, Steuer und Erbrecht, der sollte sich auf Familienrecht spezialisieren. Die Bandbreite der Rechtsgebiete, in denen man arbeitet, ist damit noch nicht erschöpfend aufgezählt. Zugleich kann man auswählen, ob man allein, in kleiner Struktur oder lieber in einer größeren Kanzlei arbeiten möchte, denn auch große Sozietäten bieten häufig als Teil ihres Gesamtangebots das Familienrecht an. Wer Familienrecht als Gebiet der Spezialisierung wählt, muss sich auch nicht zwischen vorsorgend rechtsberatender und forensischer Tätigkeit entscheiden: Beides ist gefragt, wenn man Familienrecht betreibt. Die gerichtliche Tätigkeit bietet in Folge der Reformflut zudem weidlich Möglichkeiten, sich vor Ober- und Bundesgerichten zu profilieren und im Instanzenzug kreativ mit dem Recht umzugehen. Wenn dann am Ende eines Mandats neben den mannigfaltigen Rechtfragen auch noch die Lebenskrise des Mandanten gemeinsam mit diesem überwunden ist, dann macht Familienrecht auch noch glücklich.

 

Wie wird sich das Familienrecht in den nächsten fünf Jahren wandeln?

Stetiger Wandel wohnt dem Familienrecht wie keinem anderen Rechtsgebiet inne. Jede Generation „verhandelt“ die Regeln ihres Zusammenlebens neu, was sich in den fortwährenden Reformen des Familienrechts niederschlägt. Schien gestern noch der Rechtsgrundsatz „mater semper certa est“ („die Mutter ist immer sicher“) unumstößlich, so legen die tatsächlichen und rechtspolitischen Entwicklungen nahe, dass selbst das in Zukunft alles andere, als sicher ist. Der in der Rechtsberatung bereits gängigen Komplexität, Lösungen für Mandanten zu finden, die in Patchworkfamilien leben, wird absehbar die nicht weniger komplexe Thematik folgen, wie die rechtlichen Änderungen in Abstammungsfragen sich im Mandat auf Unterhalt und Betreuung auswirken werden. Diesen stetigen Wandel in der Rechtsberatung nachzuvollziehen, macht das Arbeitsgebiet hoch attraktiv. Zugleich muss man sich nicht sorgen, dass legal tech die kompetente Rechtsberatung im Familienrecht ersetzt: Den Seitensprung kann eine Maschine nach wie vor rechtlich nicht bewerten. Stattdessen kann man seine technischen Fähigkeiten gewinnbringend einsetzen, indem man modernes Kanzlei- und Wissensmanagement einsetzt.

 

Was brauchen junge Juristinnen und Juristen im Familienrecht, was sie in der Juristenausbildung nicht lernen?

Familienrecht fordert alle „soft skills“ ein, die das Studium nur im Ansatz vermittelt, wie Kenntnisse in der Verhandlungsführung, kaufmännisches Geschick und psychosoziale Kompetenz. All das mag auch für eine erfolgreiche Tätigkeit auf anderen Rechtsgebieten wünschenswert sein. Im Familienrecht sind diese Kompetenzen zwingend: Der emotionslose Mandant, dessen Mandat zügig und sachlich wie ein sonstiges Zivilrechtsmandat abgewickelt werden kann, ist die Ausnahme. Die meisten Mandanten befinden sich in einer emotionalen Ausnahmesituation: Die Frau, wahlweise der Mann, ist weg, der Verlust des Kindes droht, die wirtschaftliche Existenz steht auf dem Spiel. Will man Mandanten, deren Fähigkeit zur Informationsvermittlung, zur Einschätzung der Lage und zur Entscheidung in Folge der Krise massiv eingeschränkt ist, nicht nur guten Rechtsrat leisten, sondern auch noch erfolgreich erläutern, dass dieser angemessen zu vergüten ist, bedarf es schon eines besonderen Geschickes. Zugleich muss man lernen, den Mandanten behutsam zu führen, ohne sich dessen Entscheidung übertragen zu lassen, und seine Befindlichkeiten und Forderungen sachlich zu kommunizieren, was Überzeugungskraft sowie innerer und äußerer Unabhängigkeit bedarf. Deshalb ist die Tätigkeit im Familienrecht anstrengend und arbeitsintensiv. Sie ist aber zugleich facettenreich und zutiefst befriedigend.

 

 

Handels- und Gesellschaftsrecht

Antworten von Prof. Dr. Burkhard Binnewies,
Fachanwalt für Steuerrecht bei Streck Mack Schwedhelm Rechtsanwälte, Köln

 

Warum sollten sich junge Juristinnen und Juristen für das Handels- und Gesellschaftsrecht begeistern?

Das Handels- und Gesellschaftsrecht ist für Nachwuchsjuristen nach wie vor hoch attraktiv. Es handelt sich um ein vielseitiges Rechtsgebiet, in dem sich ganz unterschiedliche „Beratertypen“ verwirklichen können. Das Handels- und Gesellschaftsrecht bietet sich sowohl für den gestaltenden Berater als auch für den Forensiker an. Der Schwerpunkt der gestaltenden Beratung im Gesellschaftsrecht liegt in der Beratung zur Rechtsformwahl sowie der Ausgestaltung der Gesellschaftsverträge in der jeweiligen Rechtsform. Gegenstand ist insbesondere aber auch der nationale und internationale Unternehmenskauf in all seinen Facetten. Die Unterscheidung zwischen „beratendem Handels- und Gesellschaftsrechtler“ und „streitigem Handels- und Gesellschaftsrechtler“ stellt eine Weichenstellung dar. Innerhalb dieses Rechtsgebiets findet häufig eine Spezialisierung im Hinblick auf die streitige bzw. nichtstreitige Beratung statt. Dies bietet für den jungen Juristen trotz Spezialisierung auf ein Rechtsgebiet die Chance zu einer ausgesprochen interessanten und vielseitigen Tätigkeit.

 

Wie wird sich das Handels- und Gesellschaftsrecht in den nächsten fünf Jahren wandeln?

Wie andere Rechtsbereiche auch, wird das Handels- und Gesellschaftsrecht in den nächsten Jahren „europäischer“ werden. Daneben wird die Digitalisierung voranschreiten. Stumpfes Abarbeiten von Standardprozessen im Rahmen einer "due diligence" beispielsweise wird künftig automatisiert werden. Andererseits braucht der Handels- und Gesellschaftsrechtler keine Angst vor legal tech zu haben, da die Beratung im Einzelfall hoch individualisiert ist.

 

Was brauchen junge Juristinnen und Juristen im Handels- und Gesellschaftsrecht, was sie in der Juristenausbildung nicht lernen?

Im Handels- und Gesellschaftsrecht werden der „kreative Gestalter“ ebenso gebraucht wie der „sorgsam abwägende Gutachter“. Der klassische Streitanwalt steht neben dem konsensorientierten Mediator. Für all die Facetten der Beratung ist ein gutes Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge, aber auch für zwischenmenschliche Beziehung, erforderlich. Beides lernen die jungen Kolleginnen und Kollegen in der anwaltlichen Praxis.

 

 

Insolvenzrecht

Antworten von Jörn Weitzmann,
Fachanwalt für Steuerrecht und Insolvenzrecht

 

Warum sollten sich junge Juristinnen und Juristen auf das Insolvenzrecht spezialisieren?

Das Insolvenzrecht ist eine besonders anspruchsvolle, abwechslungsreiche und intensive Materie. Kein Beruf ist insolvenzfest. Insolvenzrecht ist eine „Querschnittsmaterie“. Die Tätigkeit im unternehmerischen Insolvenzrecht erfordert vertiefende, wirtschaftliche, gesellschaftsrechtliche und steuerliche Kenntnisse, um diese dann zur richtigen insolvenzrechtlichen Anwendung zu bringen. Die Tätigkeit im Insolvenzrecht ist regelmäßig „projektbezogen“, das heißt es gibt in der Regel keine Dauermandanten.

 

Wie wird sich das Insolvenzrecht in den nächsten 5 Jahren wandeln?

Das Insolvenzrecht befindet sich in einem massiven Umbruch. Seit 2003 hat sich die Zahl der Unternehmensinsolvenzen halbiert, die freien Massen sind deutlich zurückgegangen, die Zahl der Bewerber um Insolvenzverfahren hat deutlich zugenommen, die Anbieter von Fortbildungskursen etc. preisen das Gebiet als „lukrativ“ an, während in der Branche zahlreiche Marktaustritte, Schrumpfungen von Insolvenzverwalterbüros etc. zu verzeichnen sind. Durch die EU-Richtlinie zum präventiven Restrukturierungsrahmen wird unter dem Deckmantel der europäischen Harmonisierung eine Reglementierung des Berufsbilds angestrebt; auch im Koalitionsvertrag gibt es entsprechende Regelungen. Die Entwicklung ist durch die anstehenden Änderungen des Gesetzes zur weiteren Erleichterung der Sanierung von Unternehmen (ESUG), des präventiven Restrukturierungsrahmens und des geforderten besonderen Berufsrechts in hohem Maße in der (streitigen) politischen Diskussion.

 

Was brauchen junge Juristinnen und Juristen im Insolvenzrecht, was sie in der Juristenausbildung nicht lernen?

Insolvenzrecht ist Kollisionsrecht; das heißt es gibt von allem zu wenig. Regelmäßig fehlt es an Zeit, Geld und Vertrauen. Deshalb findet eine „Beordnung“ nach den Regeln der Insolvenzordnung (InsO) statt. Im Insolvenzverfahren werden rechtstechnisch Verluste verteilt. Die will niemand haben. Deshalb wird teilweise eine sehr intensive, fintenreiche Auseinandersetzung um den Kehrwert, die sogenannte Masse, geführt. Hier verlangt es eine gute physische und psychische Konstitution/Charakter und die Bereitschaft sich immer wieder in neue Themengebiete einzuarbeiten, um mit wirtschaftlicher Weitsicht und rechtlichem Augenmaß eine „Beordnung“ vornehmen zu können.

 

 

IT-Recht

Antworten von Dr. Astrid Auer-Reinsdorff,
Fachanwältin für Informationstechnologierecht

 

#Warum sollten sich junge Juristinnen und Juristen auf das IT-Recht spezialisieren?

Eine Spezialisierung auf das IT-Recht ist auch langfristig ein Garant für eine vielfältige und spannende anwaltliche Tätigkeit. Die Digitalisierung hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten in allen Lebens- und Geschäftsbereichen etabliert und stellt zahlreiche hergebrachte Grundsätze des sozialen Miteinanders sowie der Vertragsgestaltung und Businessmodelle in Frage. Das IT-Recht ist breit angelegt und bietet daher sowohl die Möglichkeit als Generalist Start-Ups und KMU umfassend zu allen IT-rechtlichen Bezügen zu begleiten als auch sich wiederum einen Aspekt besonders herauszugreifen. Hier kommen insbesondere Schwerpunkte im Datenschutzrecht, Strafrecht, Vergaberecht, Vertrags- und Lizenzrecht, Vertriebsrecht im B2B und B2C sowie an den Schnittstellen zum Urheberrecht und Markenrecht in Frage.

Im Hinblick auf die anwaltliche Beratung und Vertretung von Verbrauchern bieten sich im Zuge der Legal Tech Entwicklungen auch für die Anwaltskanzleien skalierbare Mandatsbearbeitungen an, d.h. Beratungen können standardisiert und doch zugleich individuell erfolgen, ohne dass die Privatperson sich einem quasi unübersichtlichen Kostenrisiko ausgesetzt sieht und dem gewohnten Modell „you get what you see“ bei der Entscheidung für das Beratungsangebot folgen kann. Dies wiederum eröffnet den IT-Fachanwälten einen Beratungsbereich in der Anwaltschaft und bei Legal Tech Unternehmen.

 

Wie wird sich das IT-Recht in den nächsten fünf Jahren wandeln?

Die Anforderungen und Fragestellungen an die IT-Fachanwälte sind seit je her vielfältig und flexibel. Seit den Anfängen der IT-rechtlichen Beratung im stark Hardware basierten Markt, über die vermehrt Software geprägten Geschäftsmodelle ist die IT-Rechtsberatung heute bestimmt von komplexen Fragen zu Cloud-Lösungen und nutzergetriebenen Anwendungsfällen. Durch den Wandel des Beratungsumfeldes von wenigen großen Playern der Hardware- und Softwarebranche hin zu sich schnell entwickelnden Angeboten bleiben IT-Fachanwälte agil. Agilität ist auch das Stichwort, welches mehr und mehr den Beratungsmarkt prägen wird. Aufsetzend auf eine solide Basis des Vertragsrechts, des Urheberrechts sowie des Datenschutzrechts wird sich die Spezialisierung in der Beratung diversifizieren und laufend neu erfinden. Dies ergibt sich auch aus dem internationalen Umfeld, in und aus dem heraus die Digitalisierung Einzug in alle Unternehmen, die Verwaltung sowie alle gesellschaftlichen Bereich hält. Die IT-Fachanwälte werden dabei zu Beratern in einem Wandlungsprozess, der für viele Unternehmen ein disruptives Element aufweist. Hier gilt es bei den Mandanten rechtzeitig dahin gehend zu beraten, dass die IT-technischen und –rechtlichen Rahmenbedingungen geschaffen werden einschließlich des Anwerbens von Fachpersonal. Typisch für den IT-Rechtsberatungsmarkt ist, dass spezialisierte Boutiquen stark am Markt sind und Unternehmen diese Fragestellungen oftmals nach außen in die Anwaltschaft quasi auf die „verlängerte Werkbank“ geben, zumal in den letzten Jahren die Nachfrage an IT-Rechtlern größer ist als die Anzahl des IT-Rechtsnachwuchses.

 

Was brauchen junge Juristinnen und Juristen im IT-Recht, was sie in der Juristenausbildung nicht lernen?

Sofern sich die KollegInnen nicht schon im Studium mit den Rechtsgebieten des Urheberrechts, Datenschutzrechts und mit den Aspekten des Internationalen Wirtschaftsrechts befasst haben, besteht hier Nachholbedarf bei dem Erwerb von Rechtskenntnissen. Selbstverständlich ist ein technisches Grundverständnis hilfreich, viel wichtiger ist aber die Fähigkeit technikgetriebene Geschäftsmodelle und Beschreibungen von Vertragsinhalten in die Rechtssprache zu übersetzen. Erfolg und Misserfolg in Vertragsverhandlungen gleichermaßen wie in Gerichts- und/oder Schieds-/Schlichtungsverhandlungen können besonders davon abhängen, ob es gelingt für den IT-Laien schwer zu greifende Sachverhalte verständlich darzustellen und so manchmal bestehende gedankliche Hürden zu überwinden.

Je nach Spezialisierung innerhalb des IT-Rechts und der Zusammensetzung des Mandantenkreises ist ein branchennahes Auftreten sowie das Beherrschen der digitalen Arbeits- und Hilfsmittel unabdingbar. Hierzu gehört in der Beratung auch, sich selbst und mögliche Lösungswege effizient zu präsentieren.

Wegen der Internationalität der Sachverhalte ist Englisch oftmals Vertragssprache oder Sprache der Nutzungsbedingungen und Angebotsbeschreibungen.

 

 

Medizinrecht

Antworten von Dr. Rudolf Ratzel,
Fachanwalt für Medizinrecht

 

Warum sollten sich junge Juristinnen und Juristen auf das Medizinrecht spezialisieren?

Das Medizinrecht ist ein Querschnittsfach über das klassische Arzthaftungsrecht, das Recht der Heilberufe, Medizinstrafrecht, das Gesellschaftsrecht der Heilberufe, Krankenhausrecht, Vergütungsrecht und ganz wichtig Vertragsarztrecht einschließlich des Rechts der gesetzlichen Krankenversicherung. Medizinrecht wird von politischen und gesellschaftsrechtlichen Strömungen ähnlich wie das Steuerrecht stark geprägt. Wer hieran Interesse hat, auf den wartet ein Arbeitsfeld, auf dem Langeweile ein Fremdwort ist. Gefordert ist allerdings ein nicht nur juristisches Interesse an diesen Rahmenbedingungen, sondern man muss auch Position beziehen können. Das Gesundheitswesen zählt heute zu den größten Industrien in Deutschland und Europa. Wo so viel Geld bewegt wird, sind die Verteilungskämpfe zum Teil heftig. Gesellschaftspolitisches Engagement, gleich in welcher Richtung, ist daher ein gutes Motivationsinstrument für Medizinrechtler

 

Wie wird sich das Medizinrecht in den nächsten Jahren wandeln?

Die Digitalisierung macht auch vor Arztpraxen und Kliniken nicht halt. Umso wichtiger werden die Schutzmaßnahmen für sensible Patientendaten. Die DGSVO spielt gerade im Gesundheitswesen eine sehr wichtige Rolle. Wer sich mit Medizinprodukte- oder Arzneimittelrecht befasst, musste sich schon bislang im Europarecht auskennen. Dieser Trend wird auch andere Bereiche zunehmend erfassen, insbesondere nachdem die Telemedizin und überhaupt das Fernbehandlungsverbot weitgehend aufgehoben wurde. Das Gesundheitswesen ist ein großer Markt. Dies bringt es mit sich, dass Private Equity Kapital hier in den letzten Jahren einen scheinbar sicheren und lukrativen Hafen gefunden hat. Kapitalorientierte Anlagestrategien und sozialversicherungsrechtliche Versorgungsgesichtspunkte haben nicht immer große Schnittmengen. Der Medizinrechtler wird häufig in diesen Konflikten hinzugezogen.

 

Was brauchen junge Juristinnen und Juristen im Medizinrecht, was sie in der Juristenausbildung nicht lernen?

Viele Universitäten haben sich in diesem Bereich in den vergangenen Jahren weiterentwickelt und medizinrechtliche Schwerpunkte in ihre Ausbildungsgänge integriert. Dennoch ist es eine Tatsache, dass trotz sehr verdienstvoller Anstrengungen in diesem Bereich die für das Medizinrecht unabdingbare Erfahrung erst im wirklichen Beruf erarbeitet werden kann. Gerade weil die Dynamik im Medizin- und Gesundheitsrecht so stark wie vielleicht nur noch im Steuerrecht ist, kann nur die Arbeit „in freier Wildbahn“ einen Eindruck von dem vermitteln, was Medizin- und Gesundheitsrecht wirklich ist. Ein weiteres Merkmal ist die Schnelligkeit der Entscheidungsprozesse. Wer seinen Weg zum richtigen Ergebnis seminarmäßig vorbereitet, mag irgendwann eine ausgewogene Entscheidung haben: Sie findet aber keine Abnehmer mehr, weil andere – dem Druck gehorchend – gehandelt haben.

 

 

Mietrecht

Antworten von Beate Heilmann,
Sie praktiziert in einer Zweier-Sozietät in Berlin und ist seit 2012 Mitglied des Geschäftsführenden Ausschusses der Arbeitsgemeinschaft Mietrecht und Immobilien im Deutschen Anwaltverein.

 

Warum sollten sich junge Juristinnen und Juristen auf das Mietrecht spezialisieren?

Die Beschäftigung mit dem Mietrecht ist nicht nur für den jungen "Einsteigeranwalt" lohnenswert. Entgegen landläufiger Meinung handelt es sich um eine sehr komplexe und anspruchsvolle Rechtsmaterie, welche einem äußerst schnellen Wandel in Gesetzgebung und Rechtsprechung unterliegt und zudem in erheblichem Maße auch von den technischen Entwicklungen beeinflusst wird. Letzteres gilt nicht nur für die Belange der Energieeffizienz, sondern aktuell insbesondere auch für die Digitalisierung der Wohnungs- und Gebäudewirtschaft mit Smart Home, Smart Buildung oder auch den AAL-Technologien (AAL = „Ambient Assisted Living"). Das Mietrecht bietet ein sehr weites Spektrum an Problem- und Fragestellungen, die sich keineswegs etwa nur auf die Bearbeitung von Mieterhöhungen oder Nebenkostenabrechnungen beschränken. Beispielsweise mit der Vorbereitung von Modernisierungsmaßen und der anwaltlichen Begleitung der Durchführung der Maßnahmen gehen regelmäßig vielfältige Probleme einher, die eine sehr sorgfältige Rechtsprüfung und Umsetzung der notwendigen rechtlichen Schritte unter Berücksichtigung in der Regel sehr enger zeitlicher Vorgaben erfordern. Dies stellt für den Anwalt durchaus eine große Herausforderung dar. Mit der Erstellung von Modernisierungsvereinbarungen, Mietaufhebungsvereinbarungen und insbesondere natürlich der Gestaltung von oftmals langjährigen und investitionsintensiven Gewerbemietverträgen bietet sich zudem auch im Mietrecht die Rechtsgestaltung als umfassendes Tätigkeitsgebiet für den Rechtsanwalt. Gerade die Vertragsgestaltung wird dabei regelmäßig auch ein attraktives Honoraraufkommen sichern. Zudem sind auch im Bereich der "kleineren Streitwertbereiche" in der Regel Aufbesserungen durch Vergütungsvereinbarungen möglich und üblich.

 

Wie wird sich das Mietrecht in den nächsten fünf Jahren verändern?

Zunächst wird das Mietrecht weiterhin einer umfassenden, vor allem auch höchstrichterlichen, Rechtsprechung unterliegen. Hinzu kommen die bereits erwähnten umweltpolitisch erstrebten und weiteren technischen Entwicklungen der Gebäude. Darüber hinaus ist mit weiteren Eingriffen der Politik insbesondere in das Wohnraummietrecht zu rechnen. Mieterschutz, wie er z.B. nun schon mit der (verschärften) Mietpreisbremse angestrebt ist, wird die Politik und die Gesellschaft auch in den nächsten Jahren vor dem Hintergrund steigender Mietpreise und erheblicher anhaltender Wohnungsnot stark beschäftigen.

Darüber hinaus wird selbstverständlich die Digitalisierung der Rechtsberatung auch vor dem Mietrecht nicht haltmachen. Legal Tech wird selbstverständlich insbesondere im Bereich der Vertragsprüfung wie auch bei der Überprüfung einfacherer Vorgänge, zum Beispiel standartisierter Mieterhöhungsschreiben oder Nebenkostenabrechnungen Eingang finden. Dies bedeutet aber keineswegs, dass profunde Rechtsberatung und Rechtsgestaltung im individuellen Zuschnitt für die Vertragsparteien nicht auch weiterhin in starkem Maße gefragt sein werden.

 

Was brauchen junge Juristinnen und Juristen im Mietrecht, was sie in der Juristenausbildung nicht lernen?

Zunächst benötigen Sie profunde Kenntnisse im Mietrecht und vor allem auch im Mietprozessrecht, beides Materien die sowohl im Studium als auch im Referendariat leider immer noch häufig zu kurz kommen. Ferner sollte jeder Rechtsanwalt die Fähigkeit besitzen, sich sehr schnell in die Probleme des Mandanten eindenken zu können und hierbei die für diesen oft absolut vordringlichen wirtschaftlichen Zusammenhänge zu erkennen. Auch der junge Rechtsanwalt sollte Spass daran haben, in wirtschaftlichen und unternehmerischen Kategorien zu denken und zu handeln. Dieser Aspekt tritt gerade am Anfang der beruflichen Tätigkeit manchmal etwas in den Hintergrund, weil die Beschäftigung mit dem Recht und die Suche nach der richtigen Lösung den jungen Rechtsaanwalt oftmals noch sehr absorbiert.

Schließlich gibt es einige Tugenden, die ein Anwalt letztlich in jedem Rechtsgebiet aufweisen sollte: Die Freude an der anwaltlichen Tätigkeit, die Bereitschaft, Menschen kompetent zu unterstützen und auch in länger andauernden Prozessen unerschütterlich zu begleiten, und natürlich ein gutes Maß an Empathie, Verhandlungsgeschick und Durchsetzungsvermögen.

 

 

Strafrecht

Antworten von Dr. Dirk Lammer,
Fachanwalt für Strafrecht, Richter des Verfassungsgerichtes des Landes Brandenburg

 

Warum sollten sich junge Juristinnen und Juristen für das Strafrecht begeistern?

Schon ein Blick in eine Tageszeitung von der Politik über den Wirtschaftsteil bis zum Sport und den vermischten Nachrichten zeigt, dass es für eine Anwältin und einen Anwalt kein spannenderes, abwechslungsreicheres und herausfordernderes Berufsfeld als das der Strafverteidigung geben kann. Nirgendwo sonst geht es so unmittelbar darum, den Einzelnen vor übermäßigen Eingriffen und staatlichen Zugriffen auf Freiheit und Vermögen zu schützen und ihm im wahrsten Sinne des Wortes Gehör zu verschaffen. Dieser Einsatz ist mühsam, nicht selten menschlich belastend und oft frustrierend, beschert aber auch großartige Erfolgserlebnisse.

Wer einen Beruf sucht, der auch Berufung ist und wer neugierig darauf ist, sich über die unerlässliche Erlangung von Kenntnissen des Strafrechts und Strafprozessrechts und der hierzu einschlägigen Literatur und Rechtsprechung hinaus auch mit Fragen der Rechtsmedizin, der forensischen Psychiatrie, der Psychologie, des Wirtschaftsrechts und der zahlreichen Gebiete des Nebenstrafrechts zu befassen, dem sei eine Spezialisierung auf das Strafrecht nachdrücklich empfohlen. Eine Entscheidung für die Strafverteidigung wird auch mit der Erfahrung verbunden sein, dass sich im Kreis der Kolleginnen und Kollegen , sei es in der Arbeitsgemeinschaft Strafrecht des DAV, in den regionalen Strafverteidigervereinigungen oder im lokalen Anwaltsverein durchweg kollegiale Unterstützung, Rat und auch eine berufliche Heimat finden lassen.

 

Alle reden von der digitalen Revolution. Ein Thema auch für die Strafverteidigung?

Natürlich geht die digitale Revolution auch nicht an der Strafverteidigung vorbei. Allerdings ist nicht zu befürchten, dass der Computer diese ersetzen kann. Legal Tech kann die höchstpersönliche, auf Vertrauen beruhende Beziehung zwischen Verteidigung und Mandant und den persönlichen Einsatz für diesen nicht ersetzen. Die digitale Revolution begegnet der Verteidigung in der Form der elektronischen Akte, des papierlosen Büros, der Formen sicherer Kommunikation mit Gerichten, Behörden, Kollegen und Mandanten und der elektronisch unterstützten Bearbeitung und Erschließung des Verfahrensstoffes. Das Internet ist eine wichtige Informationsquelle für die Verteidigung und bietet eine Möglichkeit, sich zu präsentieren und Kontakt zu möglichen Mandanten herzustellen. Schließlich werden auch neue Aufgaben auf die Verteidigung zukommen, denn jede neue Technologie bietet erfahrungsgemäß auch das Potential strafrechtlich relevanten Missbrauchs.

 

Was brauchen junge Juristinnen und Juristen im Strafrecht, was sie in der Juristenausbildung nicht lernen?

Zunächst einmal kann die Juristenausbildung nur sehr unzureichend auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Berufsausübung vorbereiten. Sie kann auch kaum persönliche Eigenschaften wie Mut, Geduld, soziales Engagement, Hartnäckigkeit und Einsatzbereitschaft für den Mandanten bei gleichzeitiger Wahrung der unerlässlichen beruflichen Distanz vermitteln. Den besten Einblick in die Praxis der Strafverteidigung bietet die engagierte Mitarbeit bei erfahrenen Verteidigerinnen und Verteidigern im Rahmen der Anwaltsstation oder bei einem Praktikum. Dem Berufsanfänger kann ich vor allem die Mitgliedschaft in einer Verteidigerorganisation wie der Arbeitsgemeinschaft Strafrecht im Deutschen Anwaltverein und die Teilnahme an einem Fachanwaltslehrgang empfehlen, um den Einstieg in den wunderbaren Beruf der Strafverteidigung zu finden.

 

 

Sozialrecht

Antworten von Nikolaos Penteridis,
Fachanwalt für Medizinrecht, Sozialrecht und Versicherungsrecht

 

Warum sollten sich junge Juristinnen und Juristen auf das Sozialrecht spezialisieren?

Weil zu viele das Rechtsgebiet unterschätzen. Warum? Weil – was nicht von der Hand zu weisen ist - die gesetzlichen Gebühren in dem Bereich nicht üppig sind. Daraus folgern die meisten: „Sozialrecht? Ist nicht lukrativ.“ Diese Behauptung ist das gängige Vorurteil – von allen Juristen. Aber stimmt das? Ich bin davon überzeugt: Nein! Die gesetzlichen Gebühren sind tatsächlich viel zu gering. Aber: Eine Spezialisierung im Sozialrecht kann dennoch sehr lukrativ sein. Der finanzielle Erfolg ist wahrscheinlicher, wenn Sie sich auf die sog. Leistungserbringer konzentrieren. Denn auch zum Beispiel Krankenhäuser, Ärzte und Pflegedienste haben Bedarf an sozialrechtlicher Beratung. Denn wesentliche Vorschriften für die Leistungserbringer finden Sie im Sozialgesetzbuch. Aber auch wenn Sie für die sog. Leistungsempfänger tätig sind, können Sie finanziell erfolgreich sein. Die gesetzlichen Gebühren sind zwar gering; aber auch mit demjenigen, der eine Rente, einen Grad der Behinderung von 50 oder aber die Anerkennung einer Berufskrankheit begehrt, können Sie grundsätzlich eine Vergütungsvereinbarung abschließen. Idealerweise kombinieren Sie das Sozialrecht mit flankierenden Rechtsgebieten (nicht abschließend): Medizinrecht, Versicherungsrecht, Erbrecht, Familienrecht oder Arbeitsrecht. Denn sozialrechtliche Fragen wirken sich teilweise auf diese Rechtsgebiete aus oder umgekehrt. Also, nur Mut! Sozialrecht klingt zwar finanziell nicht sexy – kann es aber sein.

 

Wie wird sich das Sozialrecht in den nächsten fünf Jahren wandeln?

Der Blick in meine Glaskugel verrät mir: Die rein sozialrechtliche Kanzlei wird immer seltener, Sozialrecht wird jedoch im Gegenzug als Schnittstellengebiet immer wichtiger. Warum? Zunächst gilt: Unsere Gesellschaft wird immer älter. Somit werden immer mehr Sozialleistungen in Anspruch genommen werden. Ich gehe davon aus, dass Legal Tch gerade im Sozialrecht Einzug halten und somit der Konkurrenzdruck auf die Rechtsanwälte steigen wird. Das wird vor allem diejenigen bedrängen, die hauptsächlich Leistungsempfänger aus dem Bereich des Sozialgesetzbuch 2 beraten („Hartz IV“). Die rein sozialrechtliche Kanzlei, die überwiegend auf diesem Gebiet tätig ist, wird es sicherlich nicht leicht haben. Aber auch hier gilt: Derjenige, der sich darauf einstellt, kann dennoch erfolgreich sein, indem die Schnittstellen besetzt werden. Auf der anderen Seite wird der qualifizierte Rat von Rechtsanwälten für die Leistungserbringer immer wichtiger. Denn der Gesetzgeber weitet Sozialleistungen, gerade im Bereich der Pflege, immer weiter aus, die Regelungen für die Leistungserbringer sind kompliziert und werden immer komplexer.

 

Was brauchen junge Juristinnen und Juristen im Sozialrecht, was sie in der Juristenausbildung nicht lernen?

Natürlich zunächst das materielle Recht. Hierzu gibt es zahlreiche Fortbildungsveranstaltungen und/oder Fachanwaltskurse. Darüber hinaus ist ein gutes wirtschaftliches Verständnis erforderlich, um die Mandaten – Leistungserbringer und -empfänger – optimal beraten zu können. Und da ein kollegialer Austausch auch wichtig ist: Sie können sich gerne bei mir melden, falls Sie Fragen haben. Im Übrigen gilt für alle Rechtsanwälte und für alle Rechtsgebiete: Nur Mut!

 

 

Sportrecht

Antworten von Dr. Thomas Summerer,
Rechtsanwalt bei Summerer Ouart Söffing, München

 

Warum sollten sich junge Juristinnen und Juristen auf das Sportrecht spezialisieren?

Der Sport hat sich in Deutschland, Europa und auf der ganzen Welt in den letzten 20 Jahren zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor entwickelt, der unzählige Rechtsfragen mit sich bringt. Um nur einige Fragen aufzuwerfen: Ist die Vorschrift, des DFB, die es einem Investor verbietet, die Mehrheit an einer Fußball-Kapitalgesellschaft zu erwerben, mit Europarecht vereinbar? Ist es zulässig, Athleten – beispielsweise bei einer Dopingsperre - ein Schweizer Schiedsgericht aufzuzwingen mit der Folge, dass eine Schadensersatzklage vor deutschen Gerichten unzulässig ist? Dürfen Sportvereine Arbeitsverträge mit ihren Spielern über zwei Jahre hinaus befristen? Muss das Siegpferd beim Deutschen Derby disqualifiziert werden, weil es der Jockey zu oft mit der Peitsche vorangetrieben hat? Führt das Manöver des letzten Augenblicks bei einer Segelregatta zu einer Haftung der Crew? Dabei ist das Sportrecht als Verbandsrecht noch ein junges Rechtsgebiet mit zahlreichen Schnittstellen zu etablierten Rechtsgebieten, so dass der Weg zum Spezialisten zunächst über den Generalisten führt.

 

Wie wird sich das Sportrecht in den nächsten fünf Jahren wandeln?

Im Frühjahr 2019 ist das Sportrecht in die Fachanwaltsliga aufgestiegen. Man kann also den Fachanwalt für Sportrecht erwerben. Dadurch wird das Sportrecht aufgewertet, und es ist mit einer steigenden Nachfrage nach qualifizierter Rechtsberatung zu rechnen, und zwar sowohl im Profisport als auch im Breitensport. Vor allem der kommerzielle Sport wird sich weiter professionalisieren. Als Mandanten bzw. Arbeitgeber kommen Sportvereine, Sportverbände, Athleten, Fernsehsender, Spielerberater und Sponsoren in Frage.

 

Was brauchen junge Juristinnen und Juristen im Sportrecht, was sie in der Juristenausbildung nicht lernen?

Es schadet nicht, auch noch im Studium öfters die Turnhose angehabt und Sportregeln verinnerlicht zu haben. Begeisterung für den Sport und Kampfgeist sind unverzichtbar, flankiert von Fair Play, dem obersten Grundsatz im Sportrecht. Die regelmäßige Lektüre des Sportteils einer Tageszeitung und einer Fachzeitschrift wie der SpuRt (Sport und Recht) sind ein Muss. So lässt sich das Hobby zum Beruf machen.

 

 

Steuerrecht

Antworten von Dr. Martin Wulf,
Fachanwalt für Steuerrecht

 

Warum sollten sich junge Juristinnen und Juristen auf das Steuerrecht spezialisieren?

Steuerrecht ist vielfältig. Steuerrechtliche Probleme treten in allen Lebensbereichen auf, bei Privatleuten und in Unternehmen, bei Vereinen und Verbänden, bei dem Imbiss um die Ecke oder in einem internationalen Großkonzern. Eine Lösung der steuerrechtlichen Probleme setzt stets voraus, den Lebenssachverhalt im Detail zu verstehen, um dann mit dem Mandanten gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Steuerrecht ist deshalb im echten Leben so vielfältig wie das Leben selbst.

Darüber hinaus knüpft das Steuerrecht vielfach an andere Rechtsgebiete an, so dass es sich gut mit anderen Interessengebieten kombinieren lässt. Dies gilt bspw. für das Steuerstrafrecht, die Vertragsgestaltung im Gesellschafts- oder Erbrecht, zivilrechtliche Streitverfahren mit steuerlichem Bezug oder auch die spezialisierte Beratung von Vereinigungen aus dem Non-Profit-Bereich. Wer aus dem Steuerrecht kommt hat durchaus Vorteile, wenn er in diesen Spezialbereichen tätig werden will.

Schließlich gilt das deutsche Steuerrecht durchaus zu Recht als komplex. Den Steueranwalt erwarten viele spannende (ungelöste) Rechtsfragen. Hieran wird sich - trotz vielfacher Beteuerungen der Politik – absehbar nichts ändern. Aus der anwaltlichen Perspektive bedeutet dies: Die Arbeit wird den Steuerrechtlern nie ausgehen.

 

Wie wird sich das Steuerrecht in den nächsten fünf Jahren wandeln?

Steuerrecht war lange Zeit eines der Rechtsgebiete, das national geprägt war. Dies ändert sich durch zunehmende Vereinheitlichungen und Initiativen auf europäischer und internationaler Ebene (zum Beispiel durch Vorschläge der OECD). Der Bedarf an grenzüberschreitender steuerlicher Beratung wird in den nächsten fünf Jahren zunehmen.

Darüber hinaus wird das Steuerrecht sich fortentwickeln, um die wirtschaftlichen Auswirkungen der Digitalisierung abzubilden. Dies betrifft beispielsweise die steuerliche Erfassung von Dienstleistungen oder Warenbezügen, die online erbracht oder bestellt werden. Dies eröffnet Chancen für den Nachwuchs, der sich mit solchen Geschäftsmodellen vielleicht besser auskennt als manch eingefahrener Kollege.

 

Was brauchen junge Juristinnen und Juristen im Steuerrecht, was sie in der Juristenausbildung nicht lernen?

Zunächst einmal Kenntnisse im Steuerrecht. Denn dieses Rechtsgebiet spielt bis heute in der regulären Juristenausbildung nur eine untergeordnete Rolle. Mit einer guten juristischen Grundausbildung lassen sich diese Kenntnisse aber schnell aneignen. Zudem kann eine gewisse Affinität zu Zahlen nicht schaden, denn ein Steuerrechtlicher muss in der Lage sein, die Dokumente zu verstehen und zu verarbeiten, die ihm aus dem eher betriebswirtschaftlich orientierten Bereich der Steuerberatung oder auch von den Betriebsprüfern und Finanzämtern zugeleitet werden.

Darüber hinaus gilt für die Steuerrechtlerin und den Steuerrechtler ebenso wie für die meisten anderen Anwaltstätigkeiten, dass Freude am Umgang mit Sprache und selbstverständlich am Umgang mit Menschen die Arbeit erleichtert. Denn die beste steuerrechtliche Lösung bringt keinen Erfolg, wenn man nicht in der Lage ist, sie überzeugend darzustellen und sich in seiner Argumentation auf die Besonderheiten des Gegenübers einzustellen – sei es im Kontakt verschiedener Mandantentypen oder mit anderen Beratern, mit Richtern, Finanzbeamten oder auch Staatsanwälten.

 

 

Transportrecht

Antworten von Dieter Janßen,
Fachanwalt für Arbeitsrecht und Transport- und Speditionsrecht

 

#Warum sollten sich junge Juristinnen und Juristen auf das Transport- und Speditionsrecht spezialisieren?

Auch wenn das deutsche Speditions- und Landtransportrecht seit der Transportrechtsreform nicht mehr verstreut in verschiedenen Spezialgesetzen, sondern im HGB geregelt ist, handelt es sich dennoch weiterhin um eine Spezialmaterie. Insbesondere im Zusammenhang mit grenzüberschreitenden Transporten und Transporten mit unterschiedlichen Verkehrsmitteln sind sehr viele Besonderheiten (Stichwort: Multimodaltransport) und insbesondere auch Spezialvorschriften zu beachten.

 

Wie wird sich das Transport- und Speditionsrecht in den nächsten fünf Jahren wandeln?

Das Transportrecht selbst wird sich meines Erachtens in den nächsten 5 Jahren nicht wesentlich wandeln. Jedoch ist auch in diesem Bereich die zunehmende Digitalisierung zu spüren. Dies betrifft sowohl die rechtliche Seite (Stichwort: Legal Tech) als auch die praktische Seite (Stichwort: Spedition 4.0).

 

Was brauchen junge Juristinnen und Juristen im Transport- und Speditionsrecht, was sie in der Juristenausbildung nicht lernen?

Schon die besonderen Vorschriften des HGB gehören wohl nach wie vor nicht zu der juristischen „Standardausbildung“. Erst recht werden die Spezialgesetze, wie zum Beispiel CMR, Montrealer Übereinkommen etc. nicht gelehrt. Dies macht es erforderlich, sich die Kenntnisse weit überwiegend in der Praxis anzueignen, was naturgemäß am Besten in auf Speditions- und Transportrecht spezialisierten Anwaltskanzleien möglich ist.

 

 

Syndikus

Antworten von Clarissa Freundorfer,
Rechtsanwältin in Berlin, Rechtsgebiete: Gesellschaftsrecht und Aktienrecht

 

Warum Syndikus Rechtsanwältin oder Syndikus Rechtsanwalt werden?

Als Syndikusrechtsanwältin arbeitet man nur für einen Mandanten. Diesen kann man durch die Beratung viel besser kennenlernen, als dies bei wechselnden und verschiedenen Mandanten der Fall ist. Es ist sehr bereichernd, wenn man auf diese Weise neben dem juristischen auch technisches und operatives Know-how aufbauen kann.

 

Wie werden sich die Rechtsabteilungen in den nächsten fünf Jahren wandeln?

In der heutigen Zeit sind fünf Jahre fast zu weit vorausgedacht. Der Trend zur Digiatalisierung und zum Einsatz von Legal Tech wird aber sicherlich auch in der Rechtsabteilung noch eine Weile andauern.

 

Was brauchen junge Anwältinnen und Anwälte im Unternehmen, was sie in der Juristenausbildung nicht lernen?

Kenntnisse zum Geschäft des Arbeitgebers. Wenn man mit der notwendigen Neugier ausgestattet ist, lernt man das aber "on the job".

 

 

Umweltrecht

Antworten von Prof. Dr. Hans-Jürgen Müggenborg,
Fachanwalt für Verwaltungsrecht, und

Claudia Schoppen,
Fachanwältin für Verwaltungsrecht

 

Warum sollten sich junge Juristinnen und Juristen für das Umweltrecht begeistern?

Spätestens mit Eintritt in das Berufsleben sollte jede Juristin und jeder Jurist für sich beantworten, auf welchen Rechtsbereich sie sich spezialisieren möchten. Hierbei lohnt es sich, gerade das Umweltrecht in die Überlegungen einzubeziehen.

Das Umweltrecht befasst sich mit zentralen Herausforderungen unserer Zeit. Es geht über den rein juristischen Tellerrand hinaus und hat häufig einen hochpolitischen und tagesaktuellen Hintergrund: Dieselfahrverbote, Atom- und Kohleausstieg, Strom- und Gastrassen für die Energiewende oder Plastik in den Weltmeeren. Hinter diesen Schlagworten verbergen sich stets umweltrechtliche Fragestellungen. Die Betätigung im Umweltrecht bietet Juristinnen und Juristen die Möglichkeit, bei der Beantwortung dieser zukunftsträchtigen Fragen mitzuwirken.

Aber auch in kleineren Dimensionen ist das Umweltrecht von zentraler Bedeutung. Ein Unternehmen, das aufgrund mangelhafter Betriebsorganisation in Konflikt mit dem Umweltrecht gerät, riskiert mitunter die eigene Zukunftssicherung. Ohne die erforderlichen Genehmigungen darf nicht weiter produziert werden. Und ein falsch angegangener Altlastenfall kann ein Unternehmen bis an den Rand der Existenz bringen. Der Umweltjurist kämpft so nicht selten um den Erhalt der rechtlichen „Geschäftsgrundlagen“ eines Unternehmens. Immer wieder spielt dabei auch die Verteidigung in umweltstrafrechtlichen Fällen eine Rolle. Der Schlüssel zur Lösung liegt dort regelmäßig im Umwelt-Verwaltungsrecht und nicht im Strafrecht, denn das Umweltstrafrecht ist verwaltungsakzessorisch, nimmt also in vielfältiger Weise auf die Gesetze des Umweltrechts Bezug. Und deren Auslegung und Anwendung ist mitunter kompliziert und überfordert manchmal auch Staatsanwälte. Nicht alle Staatsanwaltschaften verfügen über spezialisierte Umweltdezernate.

Aber auch auf der nicht-unternehmensbezogenen Seite des Umweltrechts wartet viel Arbeit. Wer etwa Umweltverbände oder sich von Windenergie- oder sonstigen Anlagen gestört fühlende Bürger vertritt, wird hier nur erfolgreich sein können, wenn er es versteht, auf der Klaviatur des Umweltrechts die richtigen Tasten zu drücken. Das gelingt dem Allgemeinanwalt häufig nicht, da die Zusammenhänge schwierig, die Rechtsprechung weit ausgedehnt und immer wieder von europarechtlichen Fragen überlagert wird.

Jenseits der politischen Dimension beinhaltet die Tätigkeit im Umweltrecht die Chance und fordert die Bereitschaft, sich mit naturwissenschaftlichen Aspekten zu befassen. So lassen sich die Umweltauswirkungen von Industrieanlagen nur interdisziplinär in Zusammenarbeit mit Ingenieuren, Technikern und Gutachtern verschiedener Fachrichtungen beurteilen. Wer politisch interessiert ist und sich für technische Fragestellungen begeistert, ist im Umweltrecht bestens aufgehoben.

 

Welche Chancen haben junge Juristinnen und Juristen im Umweltrecht?

Umweltschutz gewinnt ständig an Bedeutung. Technischer Fortschritt und steigendes Umweltbewusstsein sorgen ständig für neue Gesetzgebung und Rechtsprechung, nicht nur auf nationaler, sondern auch auf internationaler Ebene. Viele Umweltprobleme erfordern internationales Handeln. Gutes Beispiel dafür ist der Klimaschutz, der in vielen Maßnahmen auf europäischer und einzelstaatlicher Ebene umgesetzt werden muss. Umweltrecht weist also auch viele internationale Aspekte auf, vor allem sehr viele Berührungspunkte zum Recht der Europäischen Union.

Aufgrund der Dynamik des Umweltrechts ist der Beratungsbedarf bei Unternehmen, Behörden und Verbände hoch. Deshalb bietet das Umweltrecht auch sehr gute Karrierechancen. Zudem ist das Umweltrecht kein in sich abgeschlossenes Rechtsgebiet, sondern durchdringt nahezu alle anderen Rechtsbereiche wie z.B. das Bau- und Planungsrecht, das Energierecht oder das Recht der Produkte. Umweltrecht ist eine Querschnittsmaterie mit Berührungspunkten zu vielen speziellen Rechtsbereichen, so dass auch die Spezialisierungschancen innerhalb des Umweltrechts groß sind. Junge Juristen können sich so in Nischenbereichen sehr schnell einen Namen machen und damit den Erfolg ihrer anwaltlichen Tätigkeit sichern. Die Bereitschaft, an Kommentaren mitzuwirken und Fachaufsätze zu schreiben, erhöht hier die Chancen deutlich.

Die beruflichen Chancen im Umweltrecht nehmen auch deswegen zu, weil die Zeit, in der Universitäten eigene Umweltrechtslehrstühle neu aufbauten, vorbei ist. An manchen Universitäten wird Umweltrecht nicht mehr in dem Umfang gelernt wie noch in den 1990er Jahren. Deshalb drängen auch nicht mehr so viele auf das Umweltrecht spezialisierte Juristinnen und Juristen auf den Markt, was ebenfalls dafür spricht, sich auf dieses Rechtsgebiet zu spezialisieren.

 

Wie kann man sich auf Umweltrecht spezialisieren?

Da es den Fachanwalt für Umweltrecht (noch) nicht gibt, ist hier alternativ als Schwerpunkt das öffentliche Recht zu wählen, möglichst mit Bezug zum Europarecht. Die Grundlagen des Verwaltungsrechts sollten beherrscht werden. Im Referendariat können die Stationen passend zum Umweltrecht ausgewählt werden, etwa die Verwaltungsstation im Umweltministerium oder in der Umweltverwaltung, die Anwaltsstation bei entsprechend spezialisierten Anwälten und Anwältinnen und vor allem Stationen beim Verwaltungsgericht und Oberverwaltungsgericht. Alles andere folgt im Beruf.

 

 

Verwaltungsrecht

Antworten von Prof. Dr. Matthias Dombert,
Fachanwalt für Verwaltungsrecht

 

Warum sollten sich junge Juristinnen und Juristen für das Verwaltungsrecht begeistern?

Bezogen auf das Verwaltungsrecht ist nach wie vor darauf zu verweisen, dass der Bedarf an interessierten und geeigneten jungen Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten nach wie vor besteht, ja sogar noch zugenommen hat. Das Verwaltungsrecht ist nach wie vor ein Rechtsgebiet, das durch das Spannungsverhältnis zwischen Bürgerfreiheiten und staatlichem Handeln geprägt ist. Dabei ist nicht zu verkennen, dass die Komplexität, auch rechtspolitische Sensibilität vieler Themenstellungen dazu führt, dass nicht nur der von staatlichem Handeln betroffene Bürger, sondern auch die staatlichen Behörden selbst um anwaltliche Beratung nachsuchen. Kurz gesagt: Verwaltungsrecht hat nach wie vor Konjunktur

 

Wie wird sich das Verwaltungsrecht in den nächsten fünf Jahren wandeln?

Wie auch in den letzten Jahren wird sich ein Trend verstärken, der davon gekennzeichnet ist, dass die verwaltungsrechtlichen Kerngebiete - wie Planungs- und Umweltrecht - ihren hervorgehobenen Stellenwert behalten werden, sich aber zudem das Recht der Daseinsvorsorge deutlich verstärkt. Mit dem Recht der Daseinsvorsorge ist geradezu generationsübergreifend die Tatsache angesprochen, dass mittlerweile das Kita-Recht einen eigenen Rechtsbereich darstellt, dass Schulrecht aus verwaltungsrechtlich tätigen Kanzleien ebenso wenig wegzudenken ist wie das Hochschul- oder Krankenhausrecht.

 

Was brauchen junge Juristinnen und Juristen im Verwaltungsrecht, was sie in der Juristenausbildung nicht lernen?

Der Ausbildungsbedarf für junge Anwältinnen und Anwälte für Verwaltungsrecht unterscheidet sich vom Ausbildungsstoff in anderen Rechtsgebieten nicht. Der Anwaltsberuf ist nach wie vor ein Lehrberuf. Die universitäre Ausbildung, auch die Ausbildung der Referendarinnen und Referendare lässt weiterhin große Lücken. Dementsprechend ist es sinnvoll, wenn sich zukünftige Kolleginnen und Kollegen schon frühzeitig, vielleicht sogar vor oder während des Referendariats, in verwaltungsrechtlich ausgerichteten Kanzleien auf spätere berufliche Anforderungen vorbereiten. Hierzu zählt etwa die Vermittlung von Grundlagenwissen im Bereich der Vertragstechnik ebenso wie die Formulierung von Gutachten. Wer eine professionelle Akteneinsicht bei einer Behörde wahrnehmen will, braucht mehr an praktischem Wissen als die Kenntnis der einschlägigen Kommentarliteratur.

 

 

Versicherungsrecht

Antworten von Monika Maria Risch,
Fachanwältin für Familienrecht und Versicherungsrecht

 

Warum sollten sich junge Juristinnen und Juristen auf das Versicherungsrecht spezialisieren?

Das Versicherungsrecht ist ein Spezialgebiet, das großes Fachwissen erfordert und innerhalb des Gebietes noch weitere Spezialisierung. Da es bundesweit ca. 1000 Fachanwälte für Versicherungsrecht gibt, jeder Bundesbürger aber durchschnittlich mindestens zwei Versicherungsverträge unterhält, sind Störungen im Versicherungsvertragsverhältnis quasi „programmiert“ und bedürfen gerade auf Seiten des Versicherungsnehmers professioneller Beratung durch unabhängige Rechtsanwälte. Dies gilt für die Vielzahl der Verträge im Massengeschäft der Sachversicherungen und Personenversicherungen. Da die Altersversorgung künftig stärker auf die private Vorsorge gestützt wird, ist zu erwarten, dass sich die Streitigkeiten aus den Versicherungsverträgen betreffs die private Altersvorsorge zukünftig häufen werden, so dass spezialisierte Anwälte im Versicherungsrecht insoweit benötigt werden. Auch auf Seiten der Unternehmen wird die Gestaltung von Versicherungsverträgen durch die Erarbeitung von Klauselwerken immer größere Bedeutung haben. Auch relativ neue Versicherungszweige, wie beispielsweise die D&O-Versicherung, die Warranty & Indemnity-Versicherung oder auch die Cyber-Versicherungen erfordern besondere Spezialkenntnisse auf Seiten der Anwaltschaft. Gerade bei Sachverhalten mit internationalem Bezug wird in Zukunft die außergerichtliche Streitbelegung eine größere Rolle spielen als bisher, in denen die jeweiligen Interessen von Rechtsanwälten vertreten werden.

 

Wie wird sich das Versicherungsrecht in den nächsten fünf Jahren wandeln?

Wie das gesamte Wirtschaftsleben ist auch beim Versicherungsrecht zu erwarten, dass die Digitalisierung mehr und mehr Raum greift. Bereits heute erteilen große Versicherungsgesellschaften Mandate an die Anwaltschaft nur auf elektronisch sicherem Weg. Technisches Know-how gepaart mit Fachwissen wird daher in Zukunft den anwaltlichen Alltag des auf das Versicherungsrecht spezialisierten Rechtsanwaltes prägen.

 

Was brauchen junge Juristinnen und Juristen im Versicherungsrecht, was sie in der Juristenausbildung nicht lernen?

Im Bereich des Versicherungsrechts werden Problemlösungen häufig außergerichtlich gesucht. Die Juristenausbildung ist nach wie vor überwiegend auf das Richteramt fokussiert, so dass junge Anwälte und Anwältinnen im Versicherungsrecht vor allen Dingen Strategien zur Verhandlungstaktik und zu außergerichtlichen Konfliktlösungsmodellen erlernen sollten. In großen Kanzleien sind verhandlungssichere Kenntnisse der englischen Sprache Einstellungsvoraussetzung, da gerade in der global agierenden Wirtschaft Versicherungsverträge häufig in dieser Sprache verhandelt werden. Selbstverständlich sollte das Interesse am Rechtsgebiet auch schon während des Studiums durch den Besuch entsprechender versicherungsrechtlicher Seminare, wie sie an einigen Universitäten angeboten werden (zum Beispiel in Frankfurt/Oder, Berlin, Düsseldorf, Mannheim, Trier, Bielefeld) untermauert werden. In der Referendarzeit sollte versucht werden, in der Anwaltsstation eine Kanzlei zu wählen, die sich auf das Versicherungsrecht spezialisiert hat. Die Kenntnis von Regeln der Etikette ist nicht von Nachteil, sofern nicht von Haus aus vorhanden, kann der Besuch entsprechender Kurse unterstützend sein.

 

 

Vergaberecht

Antworten von Dr. Annette Mutschler-Siebert,
Rechtsanwältin bei K&L Gates LLP Berlin, Rechtsgebiete Vergaberecht und Kartellrecht

 

Warum sollten sich junge Juristinnen und Juristen auf das Vergaberecht spezialisieren?

Weil es ein Rechtsgebiet mit einer sehr großen Bandbreite ist und mit den Prinzipien der Transparenz, der Gleichbehandlung und des Wettbewerbs sicherstellt, dass öffentliche Auftraggeber das wirtschaftlich beste (nicht notwendig das billigste!) Angebot bekommen und auswählen. Man kann auf Seiten des Auftraggebers bei der Strukturierung von Beschaffungsvorhaben von Anfang an mitwirken oder auch bietende Unternehmen unterstützen, zum Beispiel ein fehlerfreies Angebot abzugeben oder sich gegen diskriminierende Verfahrensbedingungen oder einen Ausschluss aus einem Verfahren zu wehren. Strategisches Denken ist ebenso gefragt wie Schnelligkeit und Spaß an der (auch streitigen) Interessenvertretung. Schließlich trägt man als Berater dazu bei, dass etwas erfolgreich „beschafft“, also verwirklicht wird - von Off-Shore Windparks über Flughäfen, IT, Rabattverträge der Krankenkassen über Generika bis hin zu Dienstleistungen wie zum Beispiel Gebäudereinigung.

Dem entsprechend bietet das Vergaberecht neben der juristischen Bandbreite (von der Beratung bis zur Vertretung in Nachprüfungsverfahren) Einblick in verschiedenste Industrien und deren Besonderheiten, in die relativ detailliert eingestiegen werden muss, um sinnvoll beraten zu können: Bei einer Beschaffung von Computern werden zum Beispiel andere Auswahlkriterien sinnvoll sein als beim Neubau einer Schule oder der Beschaffung von Straßenbahnen oder Arzneimitteln.

 

Wie wird sich das Vergaberecht in den nächsten fünf Jahren wandeln?

Ein Blick in die Glaskugel: Das Vergaberecht wird digitaler, grenzüberschreitender und strategischer. Seit 2018 muss alle Kommunikation zwischen Auftraggebern und Bietern grundsätzlich elektronisch erfolgen. Neue (elektronisch einreichbare) Werkzeuge wie die Einheitliche Europäische Eigenerklärung, mit der Bieter europaweit mit einem Standardformular ihre Eignung belegen können, machen grenzüberschreitende Beteiligungen an Ausschreibungen noch einfacher. Und die Beratung im Vergaberecht wird vermutlich noch strategischer werden – ich gehe davon aus, dass Standardbeschaffungen in noch größerem Maße als bisher von öffentlichen Auftraggebern ohne anwaltlichen Beistand durchgeführt, bei strategisch wichtigen komplexen Beschaffungsprojekten dafür aber Anwälte bereits zu einem frühen Zeitpunkt eingebunden werden. Beispielsweise um zu Möglichkeiten der Einbindung von umweltbezogenen, sozialen oder innovationsbezogenen Kriterien bei der Auswahl des wirtschaftlichsten Angebots zu beraten, die anders als früher nicht mehr als „vergabefremd“ angesehen werden, sondern kontinuierlich an Bedeutung gewinnen.

 

Was brauchen junge Juristinnen und Juristen für Vergaberecht, was sie in der Juristenausbildung nicht lernen?

Echtes Interesse an wirtschaftlichen und technischen Zusammenhängen und die Bereitschaft (und Freude daran), sich immer wieder in neue Bereiche einzuarbeiten. Das Vergaberecht erscheint zwar auf den ersten Blick möglicherweise als ein recht eigenes und eigenwilliges Rechtsgebiet. Aufgrund seiner Schnittstellen und Anknüpfungspunkte mit und fließenden Übergänge zum Wettbewerbsrecht, Verwaltungsrecht und Zivilrecht - letzteres insbesondere in Bezug auf die Vertragsgestaltung - lässt es sich aber für jeden Juristen, der gern über den Tellerrand hinausschaut und wirtschaftlich / technisch interessiert ist, gut erschließen.

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