Ralf Bockstedte: Leben und Arbeiten mit Behinderung

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Ralf Bockstedte ist – unter anderem – Rechtsanwalt, Politiker und Sportmanager. Und sitzt seit 35 Jahren im Rollstuhl. Trotz aller Vorurteile und realer Hürden kann er sagen: Es geht alles, nur manches ein bisschen anders.

Anwalt, Spielerberater, Fußballtrainer, Politiker, Dozent. Schon nur in eines dieser Tätigkeitsfelder hereinzukommen, ist nicht so leicht. Dass man eine dieser Tätigkeiten aber mit einer körperlichen Behinderung ausführen kann, stößt noch häufig auf Unglauben - eindeutig ein Vorurteil. Warum trauen wir das Menschen mit Behinderung nicht zu und haben oft Berührungsängste im Umgang mit ihnen?

„Barriere beginnt im Kopf“ erklärt Ralf Bockstedte (51), Rechtsanwalt aus Essen. Er muss es wissen, schließlich sitzt er seit über 35 Jahren im Rollstuhl. Dass ihn das aber gar nicht auszeichnet, sondern sein überraschend breites Betätigungsfeld, entnimmt man leicht seiner Vita:

Er ist nämlich Anwalt, Spielerberater, Fuß- balltrainer, Politiker und Dozent in einer Person. Querschnittsgelähmt.

 

Beruf und Leidenschaft

Schon früh schlägt Bockstedte den Weg des Juristen ein. Er sitzt zwar schon während des Studiums in Heidelberg im Rollstuhl, davon lässt er sich aber nicht bremsen.

Danach führt ihn sein Weg aus dem Sport – in den Sport. Als Person, die schon immer sportaffin gewesen ist, brannte er für das Sportrecht. Bockstedte vertritt in seiner Kanzlei Sportler:innen, aber auch Vereine. Zuletzt legte er sich sogar mit DFB und Fifa vor Gericht an – und gewann. Wie facettenreich das Rechtsgebiet ist, führt der Jurist auch aus: vom Sportarbeitsrecht – Vertragsgestaltungen oder Abfindungen für gefeuerte Manager:innen – über Platzverweisentscheidungen aus dem Fußballfeld bis hin zu Dopingfällen und baurechtlichen Fragen beim Stadionneubau.

Als Spielerberater und Anwalt ver- sucht er, eine gewisse Waffengleichheit zwischen Verein und Spieler herzustellen. Das Bild des Beraters mag in der Öffentlichkeit nicht gut sein, Bockstedte betont aber deren Wichtigkeit:

„Fußball ist das Geschäft, wo am meisten Geld verdient und rausgeschmissen wird. Und wenn ich einem großen Verein gegenübersitze, dann ist das ein Konzern mit eigener Rechts- und Finanzabteilung. Wenn der Spieler alleine dasitzen würde, wäre er vollkommen überfordert.“

 

Visitenkarte Rollstuhl

Von Profisportlern zu Menschen mit Handicap: Wie die ca. 1,6 Millionen Menschen in Deutschland, die im Rollstuhl sitzen, jeden Tag gefordert sind, vergisst man zu leicht.

Menschen, die nicht auf einen Rollstuhl angewiesen sind, haben für viele Dinge oft gar nicht den Blick.

Den Umbau sämtlicher privater Infrastruktur für die eigene Mobilität, sei es das Auto oder der Treppenlift. Der Umgang mit der besser werdenden, aber teils beschämend schlechten barrierefreien öffentlichen Infrastruktur. Mehrere Hundert Meter gröbstes Kopfsteinpflaster oder nicht enden wollende hohe Bordsteine sind eine Zumutung. Die Bürokratie hilft natürlich auch hier kräftig mit, dass es den 7,8 Millionen Schwerbehinderten in Deutschland nicht schon deutlich bessergeht. Es fehlt an klaren Zuständigkeiten und zentralen Ansprechpartner:innen.

Dass für Menschen mit Handicap auch im Rechtswesen längst nicht alles rund läuft, offenbart sich spätestens dann, wenn es zu Verhandlungen ins Ge- richt geht. Die Situation hat sich in den letzten Jahren verbessert, ist aber noch weit davon entfernt, optimal zu sein. „In der Regel sind die Justizwachtmeister, die den Ordnungsdienst im Gericht machen, wahnsinnig hilfreich und tolle Leute. Es gibt aber auch welche, die sagen: Wir dürfen wegen des Versicherungsschutzes nicht anfassen“, erklärt Bockstedte. So könnte eine Verletzung infolge einer Hilfeleistung womöglich kein Arbeitsunfall sein.

 

Trotzdem Vollgas geben

Solche Reaktionen zeigen, wie wichtig es ist, Mitmenschen stärker für das Thema zu sensibilisieren.

„Jede physische Barriere ist irgendwo überwindbar. Das Problem sind die psychischen Barrieren, also die Barrieren in den Köpfen der Menschen, denen man begegnet. Die Barrieren kennen ja nicht nur Menschen mit Behinderungen, die kennen Menschen mit anderer Herkunft, anderer Hautfarbe, anderen Geschlechts.“

Der Essener Rechtsanwalt hat jedoch eine Lösung parat, die gerade Studierenden in einer ähnlichen Situation helfen kann. „Mir ist ganz wichtig, dass man miteinander kommuniziert und so funktioniert auch ein Studium. Weder als Studierender mit Behinderung muss man Angst haben, irgendjemandem zur Last zu fallen, noch muss man als Student und Kollege, der keine Behinderung hat und jemandem hilft, irgendwelche Berührungsängste haben“, führt der Jurist aus.

Bockstedte lernt früh, mit Rückschlägen umzugehen. Im Kindesalter wuchs sein Rückenmark am Steißbein fest und riss durch Wachstumsschübe langsam ein. Die Folge: Querschnittslähmung, wie beispielsweise nach einem Motorradunfall. Heute dauert eine OP, bei der das festgewachsene Rückenmark vom Steißbein getrennt wird, keine 20 Minuten. 1971 war das anders. Mit 16 ging es dann, durch die Querschnittslähmung bedingt, in den Rollstuhl. Der erste Rückschlag für den begeisterten Fußballspieler. Obwohl es nie einfach war, arrangierte sich der damalige Schüler mit der Situation. Irgendwann kam aber der mentale Tiefschlag: Bockstedte ist jung und frischverliebt im Urlaub. Er sieht von seinem Platz aus andere frischverliebte Paare, wie sie Arm in Arm den Sandstrand entlanglaufen. Bockstedte kann es nicht, er bleibt direkt mit dem Rollstuhl stecken, wenn er es auch nur in die Nähe des Sandes versucht. Das setzt ihm richtig zu. Inspirierend ist, wie er sich rausgräbt. Er beendet das Studium, baut sich erfolgreich eine Existenz als Rechtsanwalt und Sportberater auf und taucht nebenbei mit Haien, springt Fallschirm oder fährt Motorrad.

 

Trotzdem am Ball bleiben

Die Anstrengungen, die der Essener unternommen hat, um sich ein gutes Leben in unserer Gesellschaft zu ermöglichen, dürfen jedoch nicht über eines hinwegtäuschen: Wir als Gesellschaft müssen uns weiter anstrengen und trainieren, um Vielfalt wirklich zu leben und Teilhabe zu ermöglichen. Es geht darum, allen Leuten ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen und sie am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen. Bockstedte erklärt zunächst, dass Diskriminierungserfahrungen oft infolge von Unsicherheit entstehen.

„Auf der anderen Seite ist es ein gesamtgesellschaftliches Problem. Inklusion bedeutet aber alle miteinander. Und ich bin ein großer Freund des erweiterten Inklusionsbegriffs. Ich glaube, die Gesellschaft funktioniert nur miteinander“.

Noch vor zehn Jahren war LGBTQIA +, Diversität und Genderidentity kaum ein Begriff. Dankenswerterweise hat sich unsere Gesellschaft weiterentwickelt. Dabei werden in letzter Zeit Menschen mit Handicap allerdings zu oft vergessen. Bockstedtes Apell: „Wir gehören alle dazu. Und das ist doch so toll: Unsere Gesellschaft ist bunt und genau das ist eine wahnsinnige Chance, weil ich nur daraus lernen kann.“

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Julius Zapfe
Der Autor studiert Jura in Potsdam und ist Mitglied der Studierendenredaktion beim katzenkönig.
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