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Ich sitze auf der Bettkante.
Müsste eigentlich Zähne putzen.
Aber ich kann nicht. Ich kann gar nichts mehr.
Diesmal ist es nicht mein Körper, der Nein sagt.
Es sind nicht meine Arme, die keine Kraft mehr haben.
Es sind nicht meine Beine, die mich nicht ins Bad tragen können.
Es ist mein Kopf, der sagt: Du kannst nicht mehr.
Vielleicht kennst du diese Situation. So – oder so ähnlich.
Sie ist alles andere als normal.
Sie ist Ausdruck einer Kultur, die krank macht.
Einer Kultur, in der unser Wert über Leistung definiert wird.
In der es nie genug ist, weil immer jemand mehr macht.
Der ständige Vergleich.
So lange, bis man so viel macht,
dass man irgendwann gar nichts mehr machen kann.
Was ich hier beschreibe, ist kein klassisches Burnout. Kein Klinikfall.
Kein dramatischer Zusammenbruch mit Blaulicht.
Sondern ein leiser, innerer Moment des Aufgebens.
Besonders im Jurastudium scheint Überforderung zur Grundausstattung zu gehören.
Da sind die anderen – die, die schon Praktika in Großkanzleien machen,
die mit Moot Courts durch die Welt reisen
oder in der AG bereits alle Definitionen kennen,
während ich vor dem Fall sitze und plötzlich nichts mehr weiß.
„Komm, 9 Stunden mit mir lernen“ auf TikTok
und aufgeblähte Lebensläufe auf LinkedIn verschärfen die Situation.
Es sind nicht mehr nur die 400 Kommilitonen in meinem Jahrgang, mit denen ich mich vergleiche –
es sind Tausende Unbekannte im Netz.
Social Media ist gewissermaßen zum Brennglas geworden
für das Gefühl von: „nicht gut genug“.
Fehl am Platz, weil ich nicht in die gängigen Bilder pass`,
Imposter Syndrome, kein Netzwerk, was ich mitbenutzen kann.
Dann steht man da, allein – und versucht, etwas zu verstehen,
das für andere selbstverständlich scheint. Niemand, den ich fragen kann.
Keine Ahnung, wie Beck Online funktioniert –
ich bin froh, dass ich mittlerweile weiß, dass es sowas wie Kommentare gibt.
Ich scheitere nicht erst am Inhalt,
sondern schon an den kleinen methodischen Fragen.
Ich weiß, dass ich nicht allein bin. Und trotzdem fühlt es sich oft so an.
Wir sprechen zu selten darüber.
Zu selten über Absagen, Ängste und Enttäuschungen.
Über schlechte Noten, Selbstzweifel und Überforderung.
Über das Gefühl, keinen Platz zu haben –
und gleichzeitig alles geben zu müssen, um nicht aufzufallen.
Und dann sitzen wir da, allein auf der Bettkante,
und denken, wir sind die Einzigen, die es nicht hinkriegen.
Doch diese Momente gehören dazu –
genauso wie all die freudigen.
Sie dürfen uns nur nicht ganz ergreifen,
nicht zu sehr in ihren Bann ziehen.
Wir müssen sie annehmen, darüber sprechen –
und sie wieder loslassen.
Ich sitze auf der Bettkante.
Und vielleicht ist das im Moment genug.
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