Mythos Lernmethoden: Was sagt die Wissenschaft?

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Die Klausurenphase steht wieder vor der Tür und es wartet der Lernstoff des ganzen Semesters auf einen - für viele von uns ein bekanntes Szenario. Besonders im Jurastudium muss man oft in kurzer Zeit eine große Menge an Informationen verarbeiten und auswendig lernen. Das Internet ist voll mit Tipps, Videos und Artikeln zu Lernmethoden - aber welche Methoden funktionieren wirklich? Und vor allem: Wie können sie im Jurastudium eingesetzt werden?

Vorstellung der Studie

Um eine Antwort auf diese Fragen zu finden, haben wir uns die Studie des Psychologen John Dunlosky und seinen Kolleg:innen aus dem Jahr 2013 angeschaut.[1] Sie haben zehn beliebte Lernmethoden untersucht und deren Effektivität anhand von bereits bestehenden Studien und Daten bewertet - so sind die wichtigsten Erkenntnisse der psychologischen Forschung zu dem Thema in dieser Studie gebündelt. (Dunlosky et al. 2013: 7)

Auch wenn die Studie aus dem Jahr 2013 stammt ist sie heute immer noch von großer Relevanz und wird auf diesem Gebiet viel zitiert.

Wir stellen euch im Folgenden die unserer Ansicht nach relevantesten und verbreitetsten Lernmethoden vor, die wir auch in unserem Studium kennengelernt haben. Das heißt natürlich nicht, dass diese die einzig wahren Lernmethoden sind oder dass es nicht noch mehr Wege gibt, um erfolgreich zu lernen. Ziel des Artikels soll es sein, euch eine Orientierungshilfe im Umgang mit unterschiedlichen Lernmethoden zu geben.

 

Bewertung der Lernmethoden

Markieren & Unterstreichen

Eine der wahrscheinlich einfachsten und verbreitetsten Lernmethoden ist das Markieren und Unterstreichen von Texten.

Doch die schlechte Nachricht ist: Sie ist leider nicht besonders effektiv. (Dunlosky et al. 2013: 21)

Die gute Nachricht ist aber, dass man diese Lernmethode auch effektiver gestalten kann, indem man beim Lesen eine klare Strategie verfolgt und das effektive Lesen aktiv trainiert (Dunlosky et al. 2013: 21). Eine Idee ist es zum Beispiel, sich beim Markieren und Unterstreichen Grenzen und Ziele zu setzen. Ihr könnt es euch zum Beispiel zum Ziel setzen, pro Absatz lediglich einen Satz zu markieren. Zudem kann es hilfreich sein, sich vor dem Lesen schon Gedanken darüber zu machen, was man gleich lesen wird und mit welchem Ziel man den Text lesen will. Also möchte ich die Kernaussage herausfinden? Oder möchte ich nähere Informationen zu einem bestimmten Meinungsstreit? Diese Leitfragen können dabei helfen, einen Text strukturierter zu lesen.

Gerade zu Beginn des Studiums solltet ihr euch nicht von den ganzen Materialien, die euch in der Uni zur Verfügung gestellt werden, stressen lassen. Oft ist es gar nicht notwendig, ein Lehrbuch von vorne bis hinten durchzulesen und zusammenzufassen. Stattdessen könntet ihr Lehrbücher und Aufsätze als Vertiefungsmöglichkeit ansehen und Themen, die ihr in der Vorlesung nicht verstanden habt, damit nacharbeiten.

Um einen groben Überblick zu bekommen, eignen sich Skripte oft sehr gut und auf Lehrbücher könnt ihr zurückgreifen, wenn ihr ein Thema im Detail behandeln wollt. Darüber hinaus gibt es viele weitere Quellen, wie Kommentare und Aufsätze in juristischen Zeitschriften, wo die Themen oft detailreicher besprochen werden als im Lehrbuch.

Lasst euch von dieser Masse an Materialien nicht überfordern und probiert aus, was für euch am besten funktioniert. Vielleicht hilft es euch, wenn ihr euch vor dem Lesen eines Kapitels im Lehrbuch fragt: Möchte ich das lesen, weil ich das Thema noch nicht ganz verstanden habe oder, weil ich das Gefühl habe, ich muss das ganze Lehrbuch lesen um die Klausur zu bestehen? Und falls eure Antwort die Letztere ist, könnt ihr euer Wissen besser an Hand eines Übungsfalls überprüfen und im Nachhinein die Stellen im Lehrbuch lesen, wo ihr noch Lücken habt. So spart ihr Zeit beim Lesen und könnt stattdessen eure Zeit mit effektiveren Lernmethoden verbringen.

 

Zusammenfassen

Ebenfalls weitverbreitet ist das Zusammenfassen von Texten und Lehrbüchern. Doch die Forschenden bewerten das Zusammenfassen von Texten als nicht besonders effektiv, außer man weiß schon, wie man eine gute Zusammenfassung schreibt. (Dunlosky et al. 2013: 18)

Auch die ausgewerteten Studien ergeben ein gemischtes Bild. Manche bewerten diese Lernmethode als effektiv und manche als ineffektiv. (Dunlosky et al. 2013:16) Doch was bedeutet das konkret fürs Lernen im Jurastudium?

Die Klausuren im Jurastudium erfordern in der Regel die eigene Reproduktion des Gelernten und genau für diesen Fall haben die Forschenden festgestellt, dass das Zusammenfassen hierfür eine effektive Lernmethode sein kann. Anders ist es bei Klausuren, die vor allem das Wiedererkennen des Gelernten erfordern, wie Multiple Choice Tests. (Dunlosky et al. 2013: 17)

Zudem haben die Forschenden herausgefunden, dass das Zusammenfassen von Texten besser funktioniert, wenn die Proband:innen bereits Vorkenntnisse zu dem Thema des Textes hatten. (Dunlosky et al. 2013:17) Es kann also hilfreich sein, wenn ihr euch, bevor ihr ein Kapitel im Lehrbuch zusammenfasst, schon mal mit dem Thema auseinandergesetzt habt und einen groben Überblick darüber habt, welche Informationen wichtig sind und welche nicht.

Wichtig beim Zusammenfassen ist, dass ihr das Gelesene in eigenen Worten zusammenfasst. Durch das Umformulieren seid ihr aktiver beim Lernprozess und das Gelernte bleibt euch länger im Kopf. (Dunlosky et al. 2013: 15)

Beim Zusammenfassen gilt wie beim Lesen & Markieren: sucht euch die Materialien, mit denen ihr gut lernen könnt und fasst nicht das ganze Lehrbuch zusammen. Macht man das für jedes Fach im Jurastudium, bleibt euch wahrscheinlich keine Freizeit mehr. Also versucht lieber herauszufinden, wie ihr effektiv und zeitsparend lernt.

Wichtig ist zudem, dass ihr euch vor Augen führt, welche Informationen für die Falllösung in der Klausur relevant sind. Ihr könnt dann in eurer Zusammenfassung oder auf euren Karteikarten euren Fokus auf diese Informationen legen.

Das Zusammenfassen kann euch auch als Vorbereitung für weitere Lernmethoden dienen, indem ihr die Informationen beispielsweise direkt auf Karteikarten zusammenfasst.

 

Practice Testing (Selbsttest)

Eine weitere Lernmethode, die in der Forschung besonders gut abschneidet, ist “practice testing” (Dunlosky et al. 2013: 29).

Beim Practice Testing stellt man sein Wissen selbst auf die Probe. Man fragt sich also selbst ab und kann dies zum Beispiel durch Karteikarten, das Beantworten von Fragenkatalogen und Beispiel-Tests machen. (Dunlosky et al. 2013: 29). Oft findet man in Lehrbüchern am Ende eines Kapitels eine Auswahl an Wiederholungsfragen und diese könnt ihr nutzen, um euer eigenes Wissen zu testen. Ihr könnt diese Lernmethode also auf viele verschiedene Materialien und Lernunterlagen anwenden.

Aber auch das Lösen von Fällen oder Altklausuren ist eine prima Klausurvorbereitung. Wichtig ist nur, dass man sich nicht selbst überlistet und sich die Falllösung im Vorhinein anschaut. Das ist sicherlich nicht immer leicht - gerade zu Beginn des Semesters, wenn der Wissensstand noch nicht so groß ist wie kurz vor der Klausur. Um dem eigenen Wissen vor der Fallbearbeitung auf die Sprünge zu helfen, ist es sicherlich hilfreich vorher die Vorlesung zu den Inhalten des Falls nachzubereiten oder sich die entsprechenden Seiten im Lehrbuch dazu durchzulesen. Wichtig ist, dass ihr ehrlich zu euch seid, denn auch die Erkenntnis, dass man etwas nicht weiß ist mindestens genauso wichtig, wie zu merken, was man schon weiß.

Richtig effektiv wird diese Lernmethode natürlich (vor allem dann), wenn ihr am Ball bleibt und die Inhalte nicht nur einmal, sondern mehrmals wiederholt (Dunlosky et al. 2013: 31).

Mind Maps als Form von Practice Testing

Eine andere Möglichkeit des Practice Testing können Mind Maps sein. (Dunlosky et al. 2013: 35)

Hierzu legt ihr euch zum Beispiel ein weißes, leeres Blatt vor euch und schreibt euer zentrales Thema, welches ihr euch selbst abfragen wollt, in die Mitte des Blattes. Dann könnt ihr alles aufschreiben, was euch zu dem Thema einfällt und euer Wissen mit Pfeilen und Strichen auf dem Papier verknüpfen. Wichtig, ist, dass ihr euch auch anschließend selbst kontrolliert (Dunlosky et al. 2013: 35). Wenn ihr mit der Mind Map fertig seid, könnt ihr an Hand eurer Vorlesungsnotizen, eines Lehrbuchs oder einfach dem Medium eurer Wahl die Vollständigkeit eurer Mind Map kontrollieren und Dinge ergänzen, die ihr noch nicht wusstet. Gerade für die inhaltliche Kontrolle von klausurrelevanten Themen ist dies eine gute Lernmethode. Aber am Ende gilt natürlich wie so oft im Jurastudium: Fälle, Fälle und noch mehr Fälle lösen!

 

Distributed Practice

Eine Lernmethode, die sich sehr gut mit Practice Testing verbinden lässt, ist Distributed Practice. Auch dieser Lernmethode schreiben die Forschenden eine sehr hohe Effektivität zu. (Dunlosky et al. 2013: 39)

Beim Distributed Practice geht es darum, die Lernunterlagen nicht innerhalb von zwei Tagen unter Zeitdruck zu wiederholen, sondern sich diese auf einen längeren Zeitraum aufzuteilen und dadurch das Gelernte länger zu behalten. (Dunlosky et al. 2013: 35)

Ihr könnt Distributed Practice auch mit Practice Testing verbinden, denn die Studie zeigt, dass diese Kombination im Vergleich zu dem simplen „distributed study” (Dunlosky et al. 2013: 37) deutlich effektiver ist. In welchem Intervall ihr das Gelernte wiederholen solltet, hängt stark davon ab, wie lange ihr die Inhalte behalten wollt. Die Forschenden schlagen vor, dass man etwas (die Inhalte) alle 12-24 Stunden wiederholen sollte, wenn man es sich eine Woche lang merken will. (Dunlosky et al. 2013: 37)

Sollten Karteikarten eines der Lernmittel eurer Wahl sein, dann kann es von Vorteil sein, eine App wie Anki zu benutzen, die einem vorgibt, wann man die Karteikarten wiederholen muss. So spart ihr euch die Arbeit selbst einen Wiederholungsplan zu erstellen.

 

Fazit

Wir hoffen, wir konnten euch eine kleine Orientierungshilfe in Sachen Lernmethoden geben. Es gilt natürlich wie immer: macht das, was für euch am besten funktioniert und lasst euch nicht von 100 verschiedenen Lernmethoden verwirren. Denn jede:r ist ein anderer Lerntyp.

Auch beim Lernen gilt der Grundsatz „consistency is key“. Verwendet die Lernmethoden, die für euch am besten funktionieren und bleibt beim Lernen am Ball.

Für mehr Tipps zu dem Thema, findet ihr hier diesen Beitrag von uns: 5 Lernmethoden für ein Jurastudium ohne Burn-out.

[1] Dunlosky, John/Katherine A. Rawson/Elizabeth J. Marsh/Mitchell J. Nathan/Daniel T. Willingham (2013): Improving students’ learning with effective learning techniques, in: Psychological Science in The Public Interest, Bd. 14, Nr. 1, S. 4–58, [online] doi:10.1177/1529100612453266.

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