Mentalen Druck im Referendariat verringern: Eine Aufgabe für alle Jurist:innen

Hände liegen aufeinander - Gruppenzusammenhalt gegen den Druck im Referendariat
Um den mentalen Druck im Referendariat zu verringern braucht es Reformen. Sich dafür einzusetzen und offen über den Druck während der Ausbildung zu sprechen ist eine Aufgabe, der sich alle Jurist:innen annehmen sollten.
Dass das Jurastudium viel Leistungsdruck generiert und die zwei Staatsexamina kein Zuckerschlecken sind, ist kein Geheimnis. Doch wie weit darf Leistungsdruck gehen und wie kann man ein System ändern, über dessen Reformbedürftigkeit seit mehreren Generationen von der Politik und Jurist:innen aller Generationen gestritten wird? Der Referendarrat Schleswig-Holstein hat sich diesem Thema angenommen und sich dafür eingesetzt, dass Referendar:innen in Schleswig-Holstein Zugang zu psychosozialer Beratung bekommen sollen.

Psychischer Druck im Referendariat ist kein Einzelfall

Im letzten Jahr veröffentlichte die Interessenvertretung aller Referendar:innen, die Referendariatskommission (RefKo), eine Studie, die zeigt, dass 91,8 % der Referendar:innen psychischen Druck empfinden. [1]

Die Studie stellte heraus, dass Frauen mehr Druck als Männer[2] empfinden. Gleichzeitig geht aus einer weiteren Studie hervor, dass Frauen durchschnittlich schlechtere Noten im Staatsexamen bekommen als Männer.[3] Doch die Belastung ist für alle Referendar:innen hoch, egal welches Geschlecht: 40 % leiden unter Schlafstörungen und einige berichten von Angstzuständen.[4]

Diese Faktoren tragen vermutlich dazu bei, dass mehr als ein Viertel der Referendar:innen darüber nachdenken, das Referendariat abzubrechen.[5] Dabei gilt es zu bedenken: An diesem Punkt haben die Jurist:innen in der Regel bereits eine fünfjährige Ausbildung absolviert. Sie haben einen Abschluss, mit dem sie bereits Arbeit finden könnten. Auch wenn das zweite Staatsexamen für die meisten angehenden Jurist:innen zum Pflichtprogramm gehört, werden ihnen auf dem Weg zum Endziel, endlich Volljurist:in zu sein, zusätzliche Steine in den Weg gelegt, obwohl sie den Großteil ihrer Ausbildung schon hinter sich haben.

Die Studie der RefKo zeigt auch, dass lediglich 12 % das Gefühl haben, mit ihren Ausbilder:innen über die Belastung sprechen zu können, während Hilfsangebote weitestgehend unbekannt bleiben.[6] Diese Ergebnisse zeigen, dass die psychische Belastung sehr hoch und gleichzeitig weiterhin ein Tabuthema ist, obwohl es so gut wie jede Referendarin und jeden Referendar betrifft.

Beratungsangebot in Schleswig-Holstein

Dass das Thema mentale Gesundheit im Referendariat mehr in den Fokus gestellt werden sollte, sehen auch Hannah und Isabelle vom Referat Soziales & Psyche des Referendarrats Schleswig-Holstein so. Als sich die beiden letztes Jahr zur Wahl gestellt haben, war ihnen das Thema daher ein besonders großes Anliegen. Eines ihrer ersten Projekte war es deshalb, eine psychosoziale Beratungsstelle für Referendar:innen einzurichten.

Sie nahmen Kontakt zum OLG Schleswig auf und stießen dort auf offene Ohren. Es gab bereits eine psychologische Anlauf- und Beratungsstelle für die Landesbeschäftigten in Schleswig-Holstein, die ebenfalls für Referendar:innen zugänglich gemacht werden konnte. So war der Weg frei für eine psychologische Anlaufstelle für Referendar:innen.

Dabei, so Hannah vom Referendarrat, war es nicht das Ziel eine Therapiestelle für Referendar:innen einzurichten, sondern eine Anlaufstelle, an die sie sich anonym und ohne lange Wartezeiten wenden können. Gleichzeitig handele es sich dabei nur um eine Lösung, die ein bereits bestehendes Problem bearbeite. Damit sich an der Ursache des Problems, also der mentalen Belastung von Referendar:innen langfristig etwas ändere, brauche es Reformen.

Bei dieser Beratungsstelle können sich also alle Referendar:innen ganz unabhängig vom Arbeitgeber melden und einen Beratungstermin vereinbaren. Somit können die Referendar:innen über ihre Belastungen und Probleme sprechen, ohne dass die Einzelausbilder davon erfahren. So müssen Betroffene keine Angst haben, von Ausbilder:innen aufgrund psychischer Belastungen stigmatisiert zu werden. Das ist ein wichtiger Punkt, der auch die Hemmschwelle senken kann, die Beratung wahrzunehmen.

Dass es solche Beratungsangebote gibt, zeigt, dass das Thema mentale Belastung im Referendariat und unter Jurist:innen ernst genommen wird. Gleichzeitig schwankt die Verfügbarkeit solcher Angebote je nach Bundesland. Einen Referendarrat wie in Schleswig-Holstein gibt es nicht in jedem Bundesland und somit gibt es auch nicht in jedem Bundesland ein Gremium, das sich für die Interessen und das Wohlbefinden von Referendar:innen einsetzt.

Auch wenn es Beratungsangebote für Referendar:innen gibt, legt die Studie der RefKo nahe, dass diese oftmals nicht sehr bekannt sind. Ein Ziel sollte es also sein, auf die Beratungsangebote aufmerksam zu machen. Dies kann zum Beispiel durch die AG-Leiter:innen geschehen. Doch dafür bräuchte es auch auf ihrer Seite eine Sensibilisierung für die Thematik.

Bestehende Beratungsangebote bekannter zu machen, ist eine Aufgabe, der wir uns alle annehmen können.

Reformen sind notwendig, um die mentale Belastung zu verringern

Insgesamt nehmen viele Referendar:innen die Arbeitsbelastung im Referendariat als zu hoch wahr. Hannah aus dem Referat Soziales & Psyche des Referendarrats setzt sich deshalb in Schleswig-Holstein dafür ein, dass die Arbeitsbelastung geringer wird. Gerade das „Tauchen“, verdeutlicht, wie hoch die Arbeitsbelastung ist. Unter dem Begriff „Tauchen“ versteht man, dass Referendar:innen von der Stationsarbeit freigestellt werden, damit sie mehr Zeit fürs Lernen haben. Die meisten Referendar:innen „tauchen“ während der Anwaltsstation. Dass dies eigentlich rechtlich nicht erlaubt ist, aber trotzdem von allen in Anspruch genommen wird, weil die Kombination aus Ausbildung in der jeweiligen Station und dem eigenständigen Lernen anders nicht zu bewältigen ist, stellt nach wie vor ein großes Problem dar. Im Referendariat kann man sich die Situation aus studentischer Perspektive oftmals so vorstellen, als würdet ihr, nachdem ihr von 8-17 Uhr in der Uni wart, noch weiterlernen müssen, nur dass es dabei nicht um Klausuren im Grundstudium geht, sondern um die Klausuren, die eure Noten bestimmen und damit entscheidend sind für eure spätere Karriere.

Doch anstatt, dass sich die Politik ernster Reformen annimmt, werden die Klausuren im ersten Staatsexamen immer schwieriger.[7] Diese Entwicklung zeigt, wie hoch die Anforderungen und der Druck schon vor dem Referendariat sind. Eine Entwicklung, die sich dann in der nächsten Ausbildungsphase fortsetzt.

Auch die RefKo setzt sich dafür ein, das Referendariat zu verändern. Dazu gehört auch die Einrichtung von Unterstützungsangeboten für Referendar:innen. Dabei sollen ebenso die bereits bestehenden Angebote sichtbarer gemacht werden.

Ihr seid gefordert, über mentalen Druck und Beratungsangebote zu sprechen

Bestehende Beratungsangebote bekannter zu machen, ist eine Aufgabe, der wir uns alle annehmen können. Sei es im Gespräch mit Freund:innen, als AG-Leiter:in oder als Dozent:in. Wenn diejenigen, die wissen, dass es entsprechende Beratungsangebote gibt, wie das in Schleswig-Holstein, und diese Information weitergeben, können wir alle dazu beitragen, dass die Angebote auch bei den Menschen ankommen, die sie brauchen.

Dabei ist das Beratungsangebot, das der Referendarrat in Schleswig-Holstein eingerichtet hat, ein guter Schritt, um zu zeigen, dass psychische Probleme und Belastungen im Referendariat ernst genommen werden und die Referendar:innen nicht allein sind. In Zukunft bleibt abzuwarten, ob andere Bundesländer dem Beispiel folgen werden.

So wichtig wie solche Beratungsangebote auch sind, so bleiben sie am Ende doch eine Symptombekämpfung. Die Ursache liegt in der hohen Arbeitsbelastung im Referendariat. In Zeiten, in denen wir über Fachkräftemangel und die große Bedeutung von Nachwuchsjurist:innen für die Verteidigung des Rechtsstaates sprechen, sollte eine Reform dieses Systems, unter dem so viele leiden, eine Aufgabe für alle Jurist:innen sein.

Fußnoten

[1] RefKo (2025): Psychischer Druck im juristischen Vorbereitungsdient – Executive Summary, S. 1, abrufbar unter: https://bundesfachschaft.de/psychischer-druck-im-juristischen-vorbereitungsdienst/ (zuletzt abgerufen am 16.04.2025).

[2] Ebd.

[3] Mehr dazu im JurFuture-Artikel „Systematische Ungleichbehandlung von Frauen? Die Notengebung im juristischen Staatsexamen

[4] RefKo (2025): Psychischer Druck im juristischen Vorbereitungsdient – Executive Summary, S. 1.

[5] Ebd.

[6]Ebd.

[7] Hemler/ Krukenberg (2025): Examensklausuren werden immer schwieriger, abrufbar unter: https://www.lto.de/karriere/jura-studium/stories/detail/examensklausuren-werden-immer-schwieriger-studie (zuletzt abgerufen am 16.04.2025).

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