Legal Tech in der Praxis: Kanzleien erklären, worauf es ankommt

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Was bedeutet Legal Tech für die Arbeit als Anwältin, welche Anforderungen ergeben sich für Berufseinsteiger?
Wer heute Jura studiert, ist ein „Digital Native“, Teil einer Generation, die sich eine Welt ohne Internet, Social Media und Smartphone-Apps gar nicht vorstellen kann – oder will. Dem Trend zur Digitalisierung kann sich auch der Rechtsberatungssektor nicht mehr entziehen. Die Zukunft gehört Legal Tech. Doch was bedeutet das für den Berufseinstieg? Welche Anforderungen werden Kanzleien künftig an Bewerber stellen und wie wird sich die anwaltliche Arbeitsweise verändern? Und was hat es eigentlich mit Knowledge Management auf sich? In einer groß angelegten Umfrage beantworteten 300 Kanzleien Fragen rund um das große Thema Legal Tech.

So viel vorweg: das Ende des Anwalts­berufs ist nicht in Sicht. Dennoch, die Begeis­terung für Legal Tech hielt sich in weiten Teilen der Anwalt­schaft lange Zeit in Grenzen. Zwar sind Datenbanken wie Beck-Online oder Juris aus dem Kanzlei­alltag kaum wegzudenken. Doch das Internet als Akquise­plattform nutzen, Zeitarbeit für Juristen oder eine digita­li­sierte Due Diligence waren der konser­vativen deutschen Anwalt­schaft eher suspekt. Nun hat sich diese Einstellung geändert. Alle befragten Kanzleien gaben an, dass sie Legal Tech als unausweichliche Entwicklung betrachten, dies aber durchaus positiv sehen. „Jeder sieht, dass wir uns inmitten einer Umwälzung der traditio­nellen Abläufe befinden.“, sagt Beda Wortmann, Rechts­anwalt und Partner bei Clifford Chance. Und auf diese Umwälzungen müssen die Kanzleien reagieren, wenn sie nicht überrollt werden wollen.

 

Umgang mit Legal Tech in Großkanzleien

Deutschlands große Kanzleien haben längst erkannt, dass Legal Tech durchaus Vorteile mit sich bringt: „Datener­fassung und Dokumen­ten­ver­gleich kann eine Maschine im Zweifel besser als ein Mensch. Uns nimmt das wahnsinnig viel Arbeit ab und der Anwalt kann sich wieder auf das Wesentliche konzen­trieren: die Analyse des Problems und die strate­gische Beratung des Mandanten“, fasst Dr. Christian Storck, Rechts­anwalt bei Linklaters, zusammen. Darüber hinaus gibt es zunehmend Druck von außen: „Mandanten sind nicht mehr bereit, für standar­di­sierbare Arbeits­prozesse die volle Arbeitszeit zu zahlen“, erläutert Rechts­anwalt Laurent Meister (Menold Bezler).

Also gehen die Kanzleien in die Offensive, schließen Koopera­ti­ons­verträge mit Software­un­ter­nehmen, investieren in Start-Ups oder entwickeln selbst Produkte. Das wohl prominenteste Beispiel ist die Kooperation von Freshfields mit dem Software-Unternehmen Leverton auf dem Gebiet des Immobi­li­en­wirt­schafts­rechts. „Wir kannten Leverton schon vor den meisten unserer Mandanten. In der Folge haben wir unseren Mandanten Leverton dann vorgestellt“, erzählt Dr. Christina Spenke, Rechts­an­wältin im Knowledge Management bei Freshfields. Im Rahmen der Kooperation nutzt Freshfields die Software von Leverton für die immobi­li­en­wirt­schafts­rechtliche Due Diligence. Im Gegenzug erhält Leverton Feedback, um die Software noch besser an die Bedürfnisse von Kanzleien anzupassen. „Wir machen keine Kompromisse bei der Qualität und prüfen die Leverton-Ergebnisse genau“, sagt Dr. Spenke „Insgesamt können wir mit Leverton ein besseres Produkt liefern. Den Effizi­enz­gewinn geben wir 1:1 an unseren Mandanten weiter.“

 

Zukunft von Legal Tech im Kanzleialltag

Mit Nextlaw Labs möchte sich auch Dentons einen Wettbe­werbs­vorteil sichern. Das „independent subsidiary“ fördert als Venture Capital Fonds zum einen vielver­spre­chende Start-Ups. Zum anderen entwickelt es selbst Legal Tech-Produkte. Die Kosten für die Produkte sind noch relativ hoch, ihre Anwendungs­be­reiche bisher auf bestimmte Transak­ti­onstypen ausgerichtet. Dr. Barbara Mayer, Partnerin bei Friedrich Graf von Westphalen & Partner, hat sich in den letzten Monaten viel mit Legal Tech ausein­an­der­gesetzt: „Bisher hat allerdings noch kein Produkt unser Interesse geweckt. Legal Tech ist vor allem beim Massen­ge­schäft interessant, z.B. bei großvo­lumigen Gerichts­ver­fahren. Das ist nicht unser Kernge­schäft.“

Bewerber und Bewerberinnen sollten sich dennoch mit dem Thema ausein­an­der­setzen. Die Arbeitgeber fordern neben Prädikats­examen und Auslands­er­fahrung nun auch eine gewisse Techni­kaf­finität. Doch dass Junganwälte an Legal Tech scheitern könnten, glaubt Andreas Ziegenhagen, Germany Managing Partner bei Dentons, nicht. „Die neue Generation hat das, was sie braucht, schon längst drauf. Sie können alle mit einem iPhone umgehen und kennen die einschlägigen Datenbanken.“ Auch die Befürchtung, die Kanzleien könnten anfangen, weniger Leute einzustellen, scheint unbegründet: „Ich denke nicht, dass der Bedarf an Neuein­steigern aufgrund von Legal Tech sinken wird“, sagt Sybille Hirsch von Hogan Lovells. „Jedoch wird sich die Arbeit der Neuein­steiger verändern.“ Dr. Christina Spenke (Freshfields) sieht darin nur einen Vorteil. „Wir können unseren Bewerbern in Aussicht stellen, dass sie sich mehr auf die spannenden juristischen Themen fokussieren können.“

 

Berufseinstieg im Legal Tech

Legal Tech bietet heute für junge Juristinnen und Juristen mit Unterneh­mergeist ganz neue Chancen. Die Branche boomt und sucht dringend juristischen Nachwuchs. Doch wie sieht die Arbeit in einem Legal-Tech Start-up eigentlich aus und welche Anforde­rungen hat die Branche an juristische Bewerber? Was die Legal Tech Szene so attraktiv macht, ist das Start-up-Feeling, das selbst bei etablierten Unternehmen wie Leverton noch nicht verloren gegangen ist. „Wir sind ein bunt gemischtes Team mit Leuten aus 20 verschiedenen Ländern“, berichtet Geschäfts­führer Micha-Manuel Bues. „Da kann man nicht mit Stempel­karten kommen.“ Neben flexiblen Arbeitszeit- und Arbeits­platz­mo­dellen, setzen die Legal Tech-Unternehmen auf interdis­zi­plinäre Zusammen­arbeit. „Bei uns durchläuft eine Idee alle Abteilungen und jeder kann an der Entwicklung mitwirken“, berichtet Rechts­anwalt Ingo Mahl von Wolters Kluwer. Als Geschäfts­be­reichs­leiter verant­wortet er das Legal Tech-Produkt Smart Law, das seit 2012 seinen Kunden die Möglichkeit gibt, indivi­duelle Rechts­do­kumente zu erstellen, ganz ohne juristische Vorkenntnisse. Auch bei Busylamp sind neben IT-lern und Juristen schon mal Künstler und Medizin­stu­denten an der Produkt­ent­wicklung beteiligt. Das Frankfurter Start-up sorgt mit seiner Legal Management-Software für mehr Kosten­trans­parenz zwischen Mandant und Anwältin.

Bei Juris arbeiten Juristinnen und Juristen vor allem im Lektorat und in der Redaktion. Sie sind dafür verant­wortlich, die Gerichts­ent­schei­dungen für die Veröffentlichung vorzube­reiten. Dies erfordert fokussiertes und akkurates Arbeiten. Busylamp, Leverton und Juris haben eine Sache gemeinsam. Alle drei Unternehmen setzten auch im Vertrieb und beim Marketing auf juristisches Know-How. Dr. Manuel Meder, Co-CEO von Busylamp, erklärt diese so: „Juristen sind besser im Umgang mit Juristen. Sie verstehen das Verhältnis Mandant/Anwalt, auf das es bei uns ankommt, oft besser.“

 

Abweichende Einstellungskriterien

Nicht jeder ist für die Arbeit in einem Legal Tech Start-up geeignet. „Mit dem typischen Juristen können wir wenig anfangen, wenn er nicht in der Online-Welt angekommen ist.“, sagt Philipp von Bülow, Geschäftsführer von lawpilots, das Online-Schulungen in verschiedenen Rechtsgebieten anbietet. „Wir brauchen jemanden mit Verständnis für die neue Mobilität“ Dem kann sich Dr. Ralf-Michael Schmidt von Smart Law nur anschließen: „Wichtig ist, dass die Arbeit­nehmer eine Technik-Affinität mitbringen. Sie müssen nicht selber program­mieren können, aber eine gewisse Faszination für digital-technische Systeme haben.“ Ein Prädikats­examen ist da weniger gefragt. Natürlich wollen auch diese Unternehmen gute Juristen, doch es muss nicht immer ein Volljurist sein. Alle befragten Unternehmen konnten es sich vorstellen, auch Berufs­an­fänger mit einem Bachel­or­ab­schluss einzustellen oder haben es bereits getan. Die Fähigkeit, kreative Lösungen zu finden und sie für einen juristischen Laien verständlich zu präsen­tieren, ist vor allem für Unternehmen mit Mandan­tenfokus relevant. Es zählen aber auch die klassischen Einstel­lungs­vor­aus­set­zungen wie Englisch­kenntnisse, Teamfä­higkeit und unterneh­me­risches Denken.

Dr. Meder fordert von einem Bewerber vor allem eins: Einsatz­be­reit­schaft. „Wer sich wegducken und nach dem Motto „dabei sein ist alles“ tätig sein möchte, ist in einem Start-up falsch. In einem vergleichsweise kleinen Team muss jeder voll zupacken.“ Doch wenn die Dinge richtig gut laufen, dann gibt es bei Busylamp den Champagner schon mal nachmittags. Auch das gehört zum Start-up Spirit, genauso wie die Tatsache, dass sich die meisten Unternehmen zum Gehalt nicht äußern wollten. Die überwiegende Mehrheit der Juristen und Juristinnen beginnt ihre Karriere nicht mit einer eigenen Kanzlei, sondern in Anstellung. Für viele Berufs­an­fänger ist es allerdings gar nicht so einfach, zu entscheiden, wo sie sich bewerben wollen. Perconex bietet die Möglichkeit, verschiedene Optionen auszupro­bieren. Das Unternehmen hat sich auf Legal Outsourcing spezia­lisiert. Neben Legal Process Outsourcing, der Übernahme von beispielsweise Vertrags­ma­nagement oder E-Discovery für Kanzleien und Unternehmen, vermittelt Perconex auch Projekt­anwälte. Das Modell funktioniert wie Zeitarbeit für Juristen: Die Projekt­anwälte sind beim Unternehmen angestellt und bekommen ein festes Monats­gehalt. Die Vergütung richtet sich nach Qualifi­kation und Tätigkeit. Bewerben kann sich praktisch jeder. Weder Berufs­er­fahrung noch Traumnoten sind Voraus­setzung. Man sollte allerdings örtlich flexibel sein und Englisch­kenntnisse mitbringen.

„Gerade Berufs­ein­steiger, die nicht im Olymp des Doppel­prä­dikats schweben, haben eine gute Chance über das Projekt­ge­schäft einen Fuß in die Tür zu kriegen“, sagt Dr. Olaf Schmitt, Gründer und Geschäfts­führer von Perconex. Für viele ist das Projekt­ge­schäft nur eine Zwischen­lösung, doch immer mehr entscheiden sich, zu bleiben. „Es gab schon mehrfach Leute, die ein Übernahmeangebot vom Kunden abgelehnt haben.“ Mit der Rightmart Rechts­an­walts­ge­sell­schaft haben die Gründer ein Kanzlei­modell entworfen, dass Legal Tech fest in den Arbeits­alltag integriert. Die Kanzlei hat sich auf den Verbraucher-Rechtsmarkt spezia­lisiert. Angefangen haben die Gründer mit einer Software, die Hartz IV-Bescheide überprüft. „Die Software analysiert vorab die Erfolgs­chancen des Mandanten. So können wir kosten­günstig und effizient arbeiten, da der Rechts­anwalt nur noch an den richtigen Stellen auf das Mandat schaut.“, erklärt COO Marco Klock. Mittlerweile hat die Kanzlei ihr Angebot auf weitere Rechtsgebiete wie Erbrecht und Verkehrsrecht ausgeweitet. Neu sind diese Ideen nicht. Flightright.de und geblitzt.de bieten einen ähnlichen Service. Dennoch gäbe es, so Klock, einen entschei­denden Unterschied: „Wir sind als Kanzlei auf allen Ebenen der Ansprech­partner und wir bieten dem Mandanten einen persön­lichen Kontakt.“ An dieser Stelle zeigen sich die Grenzen von Legal Tech. Sicher lassen sich viele Prozesse standar­di­sieren und es ist sehr wahrscheinlich, dass sich das Geschäfts­modell „Kanzlei“ künftig ändern wird. Doch Rechts­be­ratung ist und bleibt ein „people’s business“. Samuel van Oostrom, Geschäfts­führer von Juris, bringt es auf den Punkt: „Rechts­be­ratung ist eine Tätigkeit, bei der es um Menschen geht und mensch­liches Denken und Gefühle kann man nicht wirklich automa­ti­sieren.“

 

Knowledge Management

Schnell, kosten­günstig und von hoher Qualität, das ist der Anspruch der Mandanten an die Arbeit ihrer Rechtanwälte. Legal Tech ist ein Weg, um den gestiegenen Erwartungen gerecht zu werden. An der Schnitt­stelle von juristischem Arbeiten und Standar­di­sierung setzt aber auch das Knowledge Management (KM) an. In vielen Großkanzleien ist die Position des „Knowledge Management Lawyers“ längst etabliert und hat in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen. „Die Erfahrung hat gezeigt, dass wir effizienter und profitabler beraten können, wenn wir ein etabliertes Know-How-System zur Verfügung haben und nicht jedes Mal bei null anfangen müssen.“, erklärt Dr. Spenke, Freshfields, die Entwicklung. Doch wie sieht der Arbeits­alltag eines KM-Lawyers aus, welche Anforde­rungen sind zu erfüllen und ist der Bereich auch für Berufs­an­fänger geeignet?

Die letzte Frage beantwortet Rechts­an­wältin Dr. Mareike Weidemann, die für Linklaters im Knowledge Management tätig ist, mit einem klaren Nein. Denn Knowledge Management erfasst weit mehr als das Sammeln, Verwalten und Updaten von Vertrags­mustern. „Horizon Spotting“ nennt Anke Bechtold, KM-Lawyer bei Hogan Lovells, die Suche nach neuen Produkten und Bereichen mit Beratungs­bedarf. Wer im Knowledge Management erfolgreich sein möchte, muss neben hervor­ra­genden Kenntnissen in seinem Rechts­gebiet auch kommuni­kative Fähigkeiten und eine gewisse Hartnä­ckigkeit mitbringen. Es gilt, das Netzwerk der Praxis­gruppe zu pflegen und aktiv das Gespräch mit Rechts­an­wälten und Partnern auf Augenhöhe zu suchen. Dafür braucht es einen hohen juristischen Sachverstand und fundierte Berufs­er­fahrung. In das tägliche Mandats­ge­schäft ist ein KM-Lawyer nicht mehr eingebunden. Dafür sind die Arbeits­zeiten deutlich planbarer. Damit ist das Knowledge Management auch eine Option für all jene, die die Arbeit in einer Großkanzlei mit der Famili­en­planung unter einen Hut kriegen wollen.

Die Beispiele zeigen, dass es sich lohnt, die Augen nach der Schnitt­stelle offenzu­halten, die das Jurastudium mit den eigenen Interessen verbindet, sei es Technik, Journa­lismus oder etwas ganz Anderes. Der Rechts­be­ra­tungs­sektor ist im Umbruch. Wer die Zukunft mitgestalten will, muss bereit sein, Risiken einzugehen, Recht und vor allem Rechts­be­ratung neu zu denken, und darf auch vor unkonven­tio­nellen Ideen nicht zurück­schrecken. Die Möglich­keiten sind unendlich.

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Zakiya Mzee
Berlin | Die Autorin studierte Jura an der Humboldt-Universität in Berlin und schrieb regelmäßig für Anwaltsblatt und Anwaltsblatt Karriere – das heutige katzenkönig.
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