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So viel vorweg: das Ende des Anwaltsberufs ist nicht in Sicht. Dennoch, die Begeisterung für Legal Tech hielt sich in weiten Teilen der Anwaltschaft lange Zeit in Grenzen. Zwar sind Datenbanken wie Beck-Online oder Juris aus dem Kanzleialltag kaum wegzudenken. Doch das Internet als Akquiseplattform nutzen, Zeitarbeit für Juristen oder eine digitalisierte Due Diligence waren der konservativen deutschen Anwaltschaft eher suspekt. Nun hat sich diese Einstellung geändert. Alle befragten Kanzleien gaben an, dass sie Legal Tech als unausweichliche Entwicklung betrachten, dies aber durchaus positiv sehen. „Jeder sieht, dass wir uns inmitten einer Umwälzung der traditionellen Abläufe befinden.“, sagt Beda Wortmann, Rechtsanwalt und Partner bei Clifford Chance. Und auf diese Umwälzungen müssen die Kanzleien reagieren, wenn sie nicht überrollt werden wollen.
Deutschlands große Kanzleien haben längst erkannt, dass Legal Tech durchaus Vorteile mit sich bringt: „Datenerfassung und Dokumentenvergleich kann eine Maschine im Zweifel besser als ein Mensch. Uns nimmt das wahnsinnig viel Arbeit ab und der Anwalt kann sich wieder auf das Wesentliche konzentrieren: die Analyse des Problems und die strategische Beratung des Mandanten“, fasst Dr. Christian Storck, Rechtsanwalt bei Linklaters, zusammen. Darüber hinaus gibt es zunehmend Druck von außen: „Mandanten sind nicht mehr bereit, für standardisierbare Arbeitsprozesse die volle Arbeitszeit zu zahlen“, erläutert Rechtsanwalt Laurent Meister (Menold Bezler).
Also gehen die Kanzleien in die Offensive, schließen Kooperationsverträge mit Softwareunternehmen, investieren in Start-Ups oder entwickeln selbst Produkte. Das wohl prominenteste Beispiel ist die Kooperation von Freshfields mit dem Software-Unternehmen Leverton auf dem Gebiet des Immobilienwirtschaftsrechts. „Wir kannten Leverton schon vor den meisten unserer Mandanten. In der Folge haben wir unseren Mandanten Leverton dann vorgestellt“, erzählt Dr. Christina Spenke, Rechtsanwältin im Knowledge Management bei Freshfields. Im Rahmen der Kooperation nutzt Freshfields die Software von Leverton für die immobilienwirtschaftsrechtliche Due Diligence. Im Gegenzug erhält Leverton Feedback, um die Software noch besser an die Bedürfnisse von Kanzleien anzupassen. „Wir machen keine Kompromisse bei der Qualität und prüfen die Leverton-Ergebnisse genau“, sagt Dr. Spenke „Insgesamt können wir mit Leverton ein besseres Produkt liefern. Den Effizienzgewinn geben wir 1:1 an unseren Mandanten weiter.“
Mit Nextlaw Labs möchte sich auch Dentons einen Wettbewerbsvorteil sichern. Das „independent subsidiary“ fördert als Venture Capital Fonds zum einen vielversprechende Start-Ups. Zum anderen entwickelt es selbst Legal Tech-Produkte. Die Kosten für die Produkte sind noch relativ hoch, ihre Anwendungsbereiche bisher auf bestimmte Transaktionstypen ausgerichtet. Dr. Barbara Mayer, Partnerin bei Friedrich Graf von Westphalen & Partner, hat sich in den letzten Monaten viel mit Legal Tech auseinandergesetzt: „Bisher hat allerdings noch kein Produkt unser Interesse geweckt. Legal Tech ist vor allem beim Massengeschäft interessant, z.B. bei großvolumigen Gerichtsverfahren. Das ist nicht unser Kerngeschäft.“
Bewerber und Bewerberinnen sollten sich dennoch mit dem Thema auseinandersetzen. Die Arbeitgeber fordern neben Prädikatsexamen und Auslandserfahrung nun auch eine gewisse Technikaffinität. Doch dass Junganwälte an Legal Tech scheitern könnten, glaubt Andreas Ziegenhagen, Germany Managing Partner bei Dentons, nicht. „Die neue Generation hat das, was sie braucht, schon längst drauf. Sie können alle mit einem iPhone umgehen und kennen die einschlägigen Datenbanken.“ Auch die Befürchtung, die Kanzleien könnten anfangen, weniger Leute einzustellen, scheint unbegründet: „Ich denke nicht, dass der Bedarf an Neueinsteigern aufgrund von Legal Tech sinken wird“, sagt Sybille Hirsch von Hogan Lovells. „Jedoch wird sich die Arbeit der Neueinsteiger verändern.“ Dr. Christina Spenke (Freshfields) sieht darin nur einen Vorteil. „Wir können unseren Bewerbern in Aussicht stellen, dass sie sich mehr auf die spannenden juristischen Themen fokussieren können.“
Legal Tech bietet heute für junge Juristinnen und Juristen mit Unternehmergeist ganz neue Chancen. Die Branche boomt und sucht dringend juristischen Nachwuchs. Doch wie sieht die Arbeit in einem Legal-Tech Start-up eigentlich aus und welche Anforderungen hat die Branche an juristische Bewerber? Was die Legal Tech Szene so attraktiv macht, ist das Start-up-Feeling, das selbst bei etablierten Unternehmen wie Leverton noch nicht verloren gegangen ist. „Wir sind ein bunt gemischtes Team mit Leuten aus 20 verschiedenen Ländern“, berichtet Geschäftsführer Micha-Manuel Bues. „Da kann man nicht mit Stempelkarten kommen.“ Neben flexiblen Arbeitszeit- und Arbeitsplatzmodellen, setzen die Legal Tech-Unternehmen auf interdisziplinäre Zusammenarbeit. „Bei uns durchläuft eine Idee alle Abteilungen und jeder kann an der Entwicklung mitwirken“, berichtet Rechtsanwalt Ingo Mahl von Wolters Kluwer. Als Geschäftsbereichsleiter verantwortet er das Legal Tech-Produkt Smart Law, das seit 2012 seinen Kunden die Möglichkeit gibt, individuelle Rechtsdokumente zu erstellen, ganz ohne juristische Vorkenntnisse. Auch bei Busylamp sind neben IT-lern und Juristen schon mal Künstler und Medizinstudenten an der Produktentwicklung beteiligt. Das Frankfurter Start-up sorgt mit seiner Legal Management-Software für mehr Kostentransparenz zwischen Mandant und Anwältin.
Bei Juris arbeiten Juristinnen und Juristen vor allem im Lektorat und in der Redaktion. Sie sind dafür verantwortlich, die Gerichtsentscheidungen für die Veröffentlichung vorzubereiten. Dies erfordert fokussiertes und akkurates Arbeiten. Busylamp, Leverton und Juris haben eine Sache gemeinsam. Alle drei Unternehmen setzten auch im Vertrieb und beim Marketing auf juristisches Know-How. Dr. Manuel Meder, Co-CEO von Busylamp, erklärt diese so: „Juristen sind besser im Umgang mit Juristen. Sie verstehen das Verhältnis Mandant/Anwalt, auf das es bei uns ankommt, oft besser.“
Nicht jeder ist für die Arbeit in einem Legal Tech Start-up geeignet. „Mit dem typischen Juristen können wir wenig anfangen, wenn er nicht in der Online-Welt angekommen ist.“, sagt Philipp von Bülow, Geschäftsführer von lawpilots, das Online-Schulungen in verschiedenen Rechtsgebieten anbietet. „Wir brauchen jemanden mit Verständnis für die neue Mobilität“ Dem kann sich Dr. Ralf-Michael Schmidt von Smart Law nur anschließen: „Wichtig ist, dass die Arbeitnehmer eine Technik-Affinität mitbringen. Sie müssen nicht selber programmieren können, aber eine gewisse Faszination für digital-technische Systeme haben.“ Ein Prädikatsexamen ist da weniger gefragt. Natürlich wollen auch diese Unternehmen gute Juristen, doch es muss nicht immer ein Volljurist sein. Alle befragten Unternehmen konnten es sich vorstellen, auch Berufsanfänger mit einem Bachelorabschluss einzustellen oder haben es bereits getan. Die Fähigkeit, kreative Lösungen zu finden und sie für einen juristischen Laien verständlich zu präsentieren, ist vor allem für Unternehmen mit Mandantenfokus relevant. Es zählen aber auch die klassischen Einstellungsvoraussetzungen wie Englischkenntnisse, Teamfähigkeit und unternehmerisches Denken.
Dr. Meder fordert von einem Bewerber vor allem eins: Einsatzbereitschaft. „Wer sich wegducken und nach dem Motto „dabei sein ist alles“ tätig sein möchte, ist in einem Start-up falsch. In einem vergleichsweise kleinen Team muss jeder voll zupacken.“ Doch wenn die Dinge richtig gut laufen, dann gibt es bei Busylamp den Champagner schon mal nachmittags. Auch das gehört zum Start-up Spirit, genauso wie die Tatsache, dass sich die meisten Unternehmen zum Gehalt nicht äußern wollten. Die überwiegende Mehrheit der Juristen und Juristinnen beginnt ihre Karriere nicht mit einer eigenen Kanzlei, sondern in Anstellung. Für viele Berufsanfänger ist es allerdings gar nicht so einfach, zu entscheiden, wo sie sich bewerben wollen. Perconex bietet die Möglichkeit, verschiedene Optionen auszuprobieren. Das Unternehmen hat sich auf Legal Outsourcing spezialisiert. Neben Legal Process Outsourcing, der Übernahme von beispielsweise Vertragsmanagement oder E-Discovery für Kanzleien und Unternehmen, vermittelt Perconex auch Projektanwälte. Das Modell funktioniert wie Zeitarbeit für Juristen: Die Projektanwälte sind beim Unternehmen angestellt und bekommen ein festes Monatsgehalt. Die Vergütung richtet sich nach Qualifikation und Tätigkeit. Bewerben kann sich praktisch jeder. Weder Berufserfahrung noch Traumnoten sind Voraussetzung. Man sollte allerdings örtlich flexibel sein und Englischkenntnisse mitbringen.
„Gerade Berufseinsteiger, die nicht im Olymp des Doppelprädikats schweben, haben eine gute Chance über das Projektgeschäft einen Fuß in die Tür zu kriegen“, sagt Dr. Olaf Schmitt, Gründer und Geschäftsführer von Perconex. Für viele ist das Projektgeschäft nur eine Zwischenlösung, doch immer mehr entscheiden sich, zu bleiben. „Es gab schon mehrfach Leute, die ein Übernahmeangebot vom Kunden abgelehnt haben.“ Mit der Rightmart Rechtsanwaltsgesellschaft haben die Gründer ein Kanzleimodell entworfen, dass Legal Tech fest in den Arbeitsalltag integriert. Die Kanzlei hat sich auf den Verbraucher-Rechtsmarkt spezialisiert. Angefangen haben die Gründer mit einer Software, die Hartz IV-Bescheide überprüft. „Die Software analysiert vorab die Erfolgschancen des Mandanten. So können wir kostengünstig und effizient arbeiten, da der Rechtsanwalt nur noch an den richtigen Stellen auf das Mandat schaut.“, erklärt COO Marco Klock. Mittlerweile hat die Kanzlei ihr Angebot auf weitere Rechtsgebiete wie Erbrecht und Verkehrsrecht ausgeweitet. Neu sind diese Ideen nicht. Flightright.de und geblitzt.de bieten einen ähnlichen Service. Dennoch gäbe es, so Klock, einen entscheidenden Unterschied: „Wir sind als Kanzlei auf allen Ebenen der Ansprechpartner und wir bieten dem Mandanten einen persönlichen Kontakt.“ An dieser Stelle zeigen sich die Grenzen von Legal Tech. Sicher lassen sich viele Prozesse standardisieren und es ist sehr wahrscheinlich, dass sich das Geschäftsmodell „Kanzlei“ künftig ändern wird. Doch Rechtsberatung ist und bleibt ein „people’s business“. Samuel van Oostrom, Geschäftsführer von Juris, bringt es auf den Punkt: „Rechtsberatung ist eine Tätigkeit, bei der es um Menschen geht und menschliches Denken und Gefühle kann man nicht wirklich automatisieren.“
Schnell, kostengünstig und von hoher Qualität, das ist der Anspruch der Mandanten an die Arbeit ihrer Rechtanwälte. Legal Tech ist ein Weg, um den gestiegenen Erwartungen gerecht zu werden. An der Schnittstelle von juristischem Arbeiten und Standardisierung setzt aber auch das Knowledge Management (KM) an. In vielen Großkanzleien ist die Position des „Knowledge Management Lawyers“ längst etabliert und hat in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen. „Die Erfahrung hat gezeigt, dass wir effizienter und profitabler beraten können, wenn wir ein etabliertes Know-How-System zur Verfügung haben und nicht jedes Mal bei null anfangen müssen.“, erklärt Dr. Spenke, Freshfields, die Entwicklung. Doch wie sieht der Arbeitsalltag eines KM-Lawyers aus, welche Anforderungen sind zu erfüllen und ist der Bereich auch für Berufsanfänger geeignet?
Die letzte Frage beantwortet Rechtsanwältin Dr. Mareike Weidemann, die für Linklaters im Knowledge Management tätig ist, mit einem klaren Nein. Denn Knowledge Management erfasst weit mehr als das Sammeln, Verwalten und Updaten von Vertragsmustern. „Horizon Spotting“ nennt Anke Bechtold, KM-Lawyer bei Hogan Lovells, die Suche nach neuen Produkten und Bereichen mit Beratungsbedarf. Wer im Knowledge Management erfolgreich sein möchte, muss neben hervorragenden Kenntnissen in seinem Rechtsgebiet auch kommunikative Fähigkeiten und eine gewisse Hartnäckigkeit mitbringen. Es gilt, das Netzwerk der Praxisgruppe zu pflegen und aktiv das Gespräch mit Rechtsanwälten und Partnern auf Augenhöhe zu suchen. Dafür braucht es einen hohen juristischen Sachverstand und fundierte Berufserfahrung. In das tägliche Mandatsgeschäft ist ein KM-Lawyer nicht mehr eingebunden. Dafür sind die Arbeitszeiten deutlich planbarer. Damit ist das Knowledge Management auch eine Option für all jene, die die Arbeit in einer Großkanzlei mit der Familienplanung unter einen Hut kriegen wollen.
Die Beispiele zeigen, dass es sich lohnt, die Augen nach der Schnittstelle offenzuhalten, die das Jurastudium mit den eigenen Interessen verbindet, sei es Technik, Journalismus oder etwas ganz Anderes. Der Rechtsberatungssektor ist im Umbruch. Wer die Zukunft mitgestalten will, muss bereit sein, Risiken einzugehen, Recht und vor allem Rechtsberatung neu zu denken, und darf auch vor unkonventionellen Ideen nicht zurückschrecken. Die Möglichkeiten sind unendlich.
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