Zwischen Weltmeisterschaft und Staatsexamen – Léa Krüger im Interview

Fechterin und Juristin Léa Krüger. Bei JurFuture im Interview.
Was passiert, wenn zwei Leistungssysteme aufeinandertreffen – Spitzensport und Jurastudium? Für Léa bedeutet das jahrelang: Disziplin, Druck und ein gutes Zeitmanagement. Doch welche Hürden musste sie wirklich auf sich nehmen, wie geht sie mit mentaler Belastung um und wie wichtig ist es, den eigenen Wert nicht nur an Leistungen festzumachen? All das beantwortet die ehemalige Spitzenfechterin und Athletenvertreterin Léa Krüger im Interview.

Für alle, die dich nicht kennen: Wer bist du und was machst du?

Ich bin Léa, ich bin 30 Jahre alt und wohne und studiere in Köln. Ich habe 17 Jahre lang Leistungssport im Säbelfechten betrieben und das auch neben dem Jurastudium fortgeführt. Dort war ich auch die letzten zehn Jahre in der Nationalmannschaft aktiv. In dieser Zeit habe ich viele Europa- und Weltmeisterschaften gefochten und auch große Ergebnisse erzielt. Ich wurde beispielsweise deutsche Meisterin, sowie WM 5. im Team und deutsche Vizemeisterin im Einzel. Auf der sportlichen Seite habe ich also einiges erreicht. In meinem Studium, das nebenbei gelaufen ist, habe ich den Schwerpunkt Völker- und Europarecht abgeschlossen und mich dort insbesondere auf Völkerstrafrecht spezialisiert. Außerdem befinde ich mich gerade in der Vorbereitung für meinen Zweitversuch im 1. Staatsexamen. Ohne den Freiversuch ist das jetzt meine letzte Chance. Ein bisschen wie das „Friss oder Stirb-Prinzip“. Ich bin ehrlich gesagt sehr dankbar, dass in NRW der Bachelor eingeführt wurde. Das sollte mittlerweile bundesweit eine Selbstverständlichkeit sein. Außerdem bin ich Athletenvertreterin für alle Athleten in Deutschland, bei dem Verein Athleten Deutschland e.V. und in der DOSB-Athletenkommission. Und ich befinde mich gerade in einem Gründungs-Prozess. Gemeinsam mit dem Rugby Spieler Benn Ellermann gründen wir die Organisation „Mehr als Muskeln“, die sich für mentale Gesundheit im Spitzensport einsetzt.

Wie kam es dazu, dass du begonnen hast, Jura zu studieren, aber den Leistungssport nicht aufgegeben hast? Hattest du zu Beginn Zweifel, dass das klappen könnte?

Für mich war immer klar, dass ich neben dem Leistungssport ein Studium beziehungsweise eine Ausbildung benötige. Vom Fechten alleine kann man nicht leben, weil es eine absolute Randsportart ist. Und ich hatte den Anspruch an mich, dass ich etwas studieren möchte, mit dem ich später viele Möglichkeiten habe. So kam ich auf das Jurastudium. Vielleicht habe ich in der Zeit auch ein bisschen zu viel „Suits“ geschaut und mich der Charakter von Rachel zu der Zeit inspiriert hat. Eine starke und coole Powerfrau, die sich in einem männlich dominierten System durchgesetzt hat. Auch das typische Bild, welches man oft hat – als Anwältin in den Gerichtssaal zu marschieren und dann allen zu zeigen, wo es lang geht – das hat auch ein bisschen meinen Fokus auf das Jurastudium gesetzt. Diese Parallele sehe ich zum Fechten, weil ich dort auch auf der Bahn stehe, kämpfe und mich für mein Team einsetze.

Außerdem war es mir wichtig, dass ich neben dem Studium genug Zeit für meinen Sport habe. Man muss zu Beginn keine besonders guten Noten schreiben, sondern erstmal bestehen. Dadurch hatte ich sehr viel Zeit und Flexibilität für mein Training. Die Priorität lag in den letzten Jahren auf dem Sport. Das Studium lief daneben.

Wie sah ein typischer Tag zwischen Leistungssport und Jurastudium bei dir konkret aus – also von morgens bis abends?

Der Tag beginnt klassisch um 9:30 Uhr mit der ersten Trainingseinheit in Dormagen am Stützpunkt. Das sind ca. 40 min mit dem Auto aus Köln. Das bedeutet aufstehen, frühstücken und dann los. Nach dem Training bin ich oft direkt in die Uni gefahren, um in der Mensa Mittagessen zu bekommen. Danach hatte ich meistens Vorlesungen und habe versucht, die universitären Veranstaltungen so zu wählen, dass sie in der Mittagspause liegen. Häufig bin ich früher aus der Vorlesung weg, weil nachmittags die zweite Trainingseinheit anstand.  Ich war immer diejenige, die in Sportklamotten und Deutschlandrucksack in die Uni kam. Nach den Vorlesungen ging es oft kurz nach Hause, um bewusst kurz runterzukommen, was aber oft nicht richtig geklappt hat. In Klausurphasen habe ich nach dem Abendtraining, das von 18:00 bis 20:00 Uhr ging, teilweise von 22:00 Uhr bis 1:00 Uhr morgens nochmal gelernt.

Wie bist du mit Phasen umgegangen, in denen sich Klausuren und Wettkämpfe überschnitten haben?

Es gab definitiv Phasen, in denen beispielswiese eine Weltmeisterschaft in der Klausurenphase lag und ich befürchten musste, dass ich das Semester „verschwende“, weil ich keine Klausur mitschreiben kann. Ich hatte allerdings an der Uni Köln das große Glück, sehr kulante Professor:innen zu haben, die mich sehr unterstützt haben und mir extra Klausuren gestellt haben, die ich dann vor oder nach den Wettkämpfen schreiben konnte. Genau das hat mich auch motiviert, am Studium dran zu bleiben, weil ich wusste, dass es eine Lösung gibt, wenn es doch mal zu einer Überschneidung kommt.

Wie hast du es geschafft, trotz Stress noch Erholungsphasen einzubauen?

Mir ist an dieser Stelle nochmal wichtig zu sagen, dass ich das Studium gestreckt und nicht in Regelstudienzeit studiert habe, weil ich Zeit für den Sport haben wollte. Deswegen habe ich pro Semester meistens nur zwei oder drei Vorlesungen besucht und Klausuren geschrieben. Mehr als das hätte nicht funktioniert. Ich habe allerdings immer versucht, mir Zeit zu nehmen und ein Buch zu lesen oder einfach mal einen Serienmarathon zu schauen. Außerdem habe ich Yoga für mich entdeckt, was mir nach wie vor hilft, auf meinen Körper und Geist zu hören. Diese Dinge baue ich regelmäßig in meinen Alltag ein.

Hattest du jemals den Moment, in dem du dich überfordert gefühlt hast oder alles hinwerfen wolltest?

Ja absolut, ich hatte einige Momente, in denen ich am Studium oder auch dem Sport gezweifelt habe. Ich glaube, dass es absolut notwendig ist, dass wir genau diese Momente haben und immer wieder hinterfragen, was wir eigentlich gerade tun. Und auch hinterfragen, ob wir diesen Workload, und der Prioritätensetzung – die in meinem Fall zum Teil sehr extrem war, noch schaffen können und wollen.

Wie hast du dich aus diesen herausfordernden Zeiten rausgeholt?

Ich hatte ein Ziel. Ich wusste immer, warum ich das alles mache und habe mir diesen Grund und das Ziel bewusst vor Augen geführt. Für mich war klar, ich möchte am Ende Juristin sein und ich möchte am Ende auch mein Bestes im Sport gegeben haben und erfolgreich sein. Und dann war es okay und fast schon selbstverständlich, dass ich Phasen hatte, wo ich kaum zur Ruhe gekommen bin, aber genauso gibt es dann auch Semesterferien und die Saisonpause. Genau diese Ruhephasen habe ich genutzt, um eine Balance zu finden. Ich denke jedoch, dass man gerade für das Jurastudium eine gewisse Leidenschaft braucht, um durchzuhalten.

Siehst du Gemeinsamkeiten zwischen Fechten auf hohem Niveau und dem Lernen für Jura?

Es gibt sogar extrem viele Gemeinsamkeiten. Jura ist ein Studiengang, bei dem man durchhalten muss. Wir haben dabei zwar viele einzelne Klausuren, die am Anfang nicht viel zählen und dann zunehmend wichtiger werden.

Das Examen ist der Höhepunkt des Studiums – wie eine Weltmeisterschaft oder die Olympischen Spiele im übertragenen Sinne.

Und genau darauf habe ich mich mental vorbereitet. Ich glaube, das Wichtigste ist die Einstellung, dass eine Klausur ein Höhepunkt oder eine Extremsituation ist, die ich in dem Moment nicht beeinflussen kann. Ich kann nicht beeinflussen, ob ich zum Beispiel etwas Schlechtes am Tag davor gegessen habe, ob mir kalt oder warm ist oder ob ich als Frau meine Periode habe. In genau diesem Moment muss ich funktionieren, mein Bestes geben und mit der Situation umgehen können. Dieses Denken ist das, was ich im Sport durch die vielen Wettkämpfe viele Jahre geübt habe und gewöhnt war. Selbst wenn es nicht klappt, stehe ich auf und versuche es nochmal.

Du setzt dich im Sport sehr für mentale Gesundheit ein, bist Gründerin der Initiative „Mehr als Muskeln“ und redest offen über deine eigenen Erlebnisse in Verbindung mit mentaler Stärke: Wie äußert sich mentaler Druck im Leistungssport im Vergleich zum Studium?

Der Sport und das Studium sind beides Leistungssysteme. Es geht am Ende darum, Leistung zu erbringen, was in einer Leistungsgesellschaft, in der wir leben, eben normal ist. Das Besondere bei Jura ist jedoch das Staatsexamen. Dieses Absolute, ist im Vergleich zu anderen Studiengängen nochmal deutlich extremer. Und es ist etwas, was ich im Sport kennengelernt habe. Der Blick auf das Staatsexamen verdeutlicht das. Entweder du schaffst es oder du schaffst es nicht. Wenn du es nicht schaffst, wird oft noch vermittelt, dass du "nichts wert" und keine Juristin bist. Jedenfalls ist das das Bild, das nach wie vor in der Gesellschaft vorherrscht. Diese Denkweise löst bei vielen Studierenden einen extremen Druck aus. Das Gefühl, nicht gut genug zu sein und die Panik und Angst davor, dass man Durchfallen könnte, ist eine sehr große mentale Belastung.

Einen ähnlichen Druck habe ich im Leistungssport gehabt, bis ich irgendwann nicht mehr damit zurechtgekommen bin und mental erkrankt bin. Zwei Jahre hatte ich eine Essstörung aus der ich mich wieder rausgekämpft habe. Ich sehe weiterhin absolut ähnliche Gefühle durch diese Absolutheit des Jurastudiums, die an so viele junge Menschen mitgegeben wird. Dieses Konkurrenzdenken, der Notenvergleich, all das sollte nicht normal sein. Vielmehr ist es normal, dass man keine 18 Punkte schreibt und es ist normal, wenn man durch eine oder auch mehrere Klausuren fällt. Am Ende sitzen wir Jurist:innen alle im selben Boot. Ich wünsche mir sehr, dass wir das Studium in Zukunft menschlicher gestalten können und eine Chance haben, dieses Konkurrenz-Denken und das System so zu ändern, dass man Gesund und mit Freude an Jura das Studium beenden kann.

Hat dir der Leistungssport beim Lernen geholfen, zum Beispiel einen guten Ausgleich geschaffen – oder eher zusätzlichen Druck erzeugt?

Teilweise war es sehr herausfordernd, aber im Großen und Ganzen hat es mir geholfen. Ich denke ein großer Vorteil war, dass ich eben nicht nur das Jurastudium oder nur das Fechten hatte. Wir alle sind mehr als nur eine Sache. Diese Balance herzustellen ist mir wichtig geworden. Ich bin gerne ins Training gegangen und ich habe das Training zum Teil als Ausgleich für mein Studium genommen. Aber genauso hatte ich auch dann, wenn es im Sport mal nicht gut gelaufen ist, immer noch das Studentenleben. Nach einem Wettkampf bin ich bin zurück nach Deutschland geflogen und saß am nächsten Tag in der Vorlesung. Ich bin in die Uni gegangen, weil da noch ein anderes Leben ist, ein anderer Teil, der mich interessiert. Das war mir immer wichtig vor Augen zu führen.

Gibt es Fähigkeiten aus dem Leistungssport, die dir im Studium einen echten Vorteil verschafft haben?

Ich glaube, mit Gelassenheit in Klausuren zu gehen, eine gewisse Art von Disziplin und natürlich das Zeitmanagement. Wenn ich am Schreibtisch sitze und lernen muss, dann mache ich das und lenke mich nicht ab, ich weiß, dass ich sonst hinten raus keine Zeit habe und fertig werden muss, um ins Training zu gehen. Dieses Mindset habe ich insbesondere bei meinem ersten Durchgang im Staatsexamen gemerkt. Ich war während der Klausuren regelrecht entspannt. Ich hatte alles gemacht was mir möglich war zur Vorbereitung. Ab hier kann ich nichts mehr ändern - gucken wir mal was passiert.

Zum Abschluss noch eine persönliche Frage: Dein wichtigster Rat an dein jüngeres Ich im ersten Semester?

Meinem ganz persönlichen Erstsemester würde ich mitgeben: Genieße das Studium. Lebe im Hier und Jetzt und nehme diese Uni-Zeit richtig wahr und renne nicht von der einen Klausur zur nächsten. Für mich war das Studium oft wie eine Checkliste, anstatt die Klausuren mal zu „genießen“, denn das alles sind neue Erfahrungen, die unheimlich spannend sind. Und eine Klausur schreibt man im besten Fall nur einmal. Das Jurastudium ist nicht alles im Leben. Den eigenen Wert sollte nicht an einer Note festzumachen habe ich erst spät gelernt, und hat mir ab da viel geholfen. Man ist neben dem Studium schließlich auch Tochter, Freundin oder Sportlerin. Das sollte man nicht Vergessen und sich Zeit für die schönen Dinge im Leben nehmen.

Vielen Dank für das Interview!

Das Interview für die JurFuture-Redaktion führte Greta Brenzel

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