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Doch worum geht es genau? Das Forschungsgebiet Recht und Literatur besteht allgemein gesehen aus zwei Teilbereichen: „Recht in der Literatur“ (law in literature) und „Recht als Literatur“ (law as literature). Ersterer befasst sich – wie der Name schon sagt – mit rechtlichen Motiven und Fallbezügen innerhalb der (fiktionalen) Literatur. Zweiterer untersucht Rechtstexte in sprachlicher Hinsicht. Unter „law as literature“ können aber auch weitergehende Zusammenhänge zwischen Recht und anderen Disziplinen fallen.
Die Recht und Literatur-Bewegung hat ihre Ursprünge im anglo-amerikanischen Kulturkreis der frühen 1970er Jahre. Als Ursprung der Bewegung gilt das 1973 erschienene Buch „The Legal Imagination“ von James Boyd White, einem US-amerikanischen Juraprofessor und Literaturkritiker. In seinem Werk bietet er Studierenden der Rechtswissenschaften eine unkonventionelle Anleitung, ihre sprachlichen Fähigkeiten zu verbessern: Unter anderem vergleicht Boyd Rechtstexte mit literarischen Texten.
Der Ansatz, der Recht und Literatur im Zusammenhang betrachtet, sah sich zunächst vor allem als Kontrast zu einem anderen „akademischen Paar“: Law and Economics, also Recht und Wirtschaft. Dieser interdisziplinäre Ansatz bedient sich ökonomischer Konzepte, um die Auswirkungen und die Effektivität von Recht zu bewerten. Dem setzt sich die Recht und Literatur-Bewegung entgegen, indem sie eine nichtökonomische Betrachtungsweise verfolgt, die auch der ethischen und politischen Sensibilisierung dient. Denn im Zusammenspiel von Recht und Literatur geht es häufig um Fragen der Gerechtigkeit und Antidiskriminierung. Auch kann eine literarische Analyse von Rechtstexten dabei helfen, den Textinhalt im Lichte des sozialen und historischen Entstehungskontexts zu betrachten.
Während Kurse, die Recht und Literatur miteinander verknüpfen, beispielsweise in den USA schon länger nichts Besonderes mehr sind, fehlt es an den rechtswissenschaftlichen Fakultäten Deutschlands häufig noch an interdisziplinären Angeboten. Allerdings erfuhr die Forschung in diesem Bereich in den letzten Jahren einen Aufschwung. An der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster wurde 2019 der Sonderforschungsbereich 1385 „Recht und Literatur“ eingerichtet. Akademiker:innen verschiedener Fachbereiche forschen hier zu fundamentalen Fragen aus dem Zusammenspiel von Recht und Literatur. Auch ein Graduiertenkolleg und eine Online-Enzyklopädie gehören zum Forschungsbereich. Außerdem finden regelmäßig Veranstaltungen wie Vorträge, Kongresse oder Filmvorführungen zu Themen im Schnittbereich von Recht und Literatur statt.
Weiterhin haben die Gießener Anglistikprofessorin Greta Olson und die Juraprofessorin Jeanne Gaakeer von der Erasmus Universität Rotterdam gemeinsam das „European Network for Law and Literature“ ins Leben gerufen. An der Universität Regensburg existiert ein „Arbeitskreis Sprache und Recht“, der vor der Covid-19-Pandemie verschiedene Veranstaltungen angeboten hat.
Neben dem Besuch von solchen Veranstaltungen bietet es sich literaturinteressierten Jurist:innen natürlich an, selbst Werke an der Schnittstelle zwischen Recht und Literatur zu lesen. In der Kolumne „Recht literarisch“ der Zeitschrift „justament“ werden beispielsweise Werke mit Rechtsbezug besprochen. Auch die LTO stellt in einem Beitrag acht Romane rund ums Recht vor.
Romane mit Rechtsbezug zu lesen ist noch nicht anspruchsvoll genug? Dann können einige der Dissertationsprojekte zu Recht und Literatur als Inspiration dienen. Die Rechtsreferendarin und wissenschaftliche Mitarbeiterin Dr. Daria Bayer hat mit ihrer Dissertation „Tragödie des Rechts“ die Grenzen zwischen Jura und Theater gesprengt, indem sie einen Teil der Arbeit als Theaterstück verfasst und inszeniert hat. Der Klappentext bezeichnet das Zusammenspiel von Stück und Reflexion als „eine neuartige Form der wissenschaftlich-künstlerischen Darstellung, die einen Beitrag zur Demokratisierung von (Rechts-)Kritik leistet und sich gleichzeitig als eine Aktualisierung des epischen Theaters im 21. Jahrhundert versteht.“
Auch die Promovierenden am Fachbereich Recht und Literatur der WWU Münster verfolgen spannende und zum Teil sehr unterschiedliche Projekte. So geht es beispielsweise um den Spannungsbereich zwischen Kunstfreiheit und allgemeinem Persönlichkeitsrecht in literarischen Werken. Weitere Dissertationsvorhaben befassen sich unter anderem mit der Inszenierung des NSU-Prozesses im Theater oder den Schutzzielen des Buchpreisbindungsgesetzes. Einen konkreten Überblick über die verschiedenen Projekte finden Interessierte auf der Webseite des Graduiertenkollegs. In jedem Fall wird klar: Das Zusammenspiel von Recht und Literatur ist ein weites Feld.
Neben Recht und Literatur existieren noch viele weitere Forschungsgebiete, die Recht und andere Disziplinen vereinen. Zur bereits genannten Fachrichtung „Law and Economics“ existiert an der Universität Bonn sogar ein gleichnamiger Bachelorstudiengang, der rechtswissenschaftliche und wirtschaftswissenschaftliche Lehrveranstaltungen kombiniert.
Vermehrt bilden sich ebenfalls Kurse und Initiativen zum Thema Legal Tech – der Digitalisierung der juristischen Arbeit. Durch den Einsatz digitaler Hilfsmittel können beispielsweise kanzleiinterne Prozesse vereinfacht werden. Doch diese Möglichkeit wirft auch komplexe ethische Fragen auf – beispielsweise, wenn es um den Einsatz von künstlicher Intelligenz geht. In ähnlicher Weise lassen sich auch naturwissenschaftliche Methoden und Erkenntnisse in der juristischen Arbeit nutzen. Dem widmet sich eine weitere interdisziplinäre Verknüpfung: Law and Science.
Schlussendlich steht fest: Das Studiengebiet Recht lässt sich nicht isoliert betrachten. Zunehmend kommen Methoden aus anderen Fachrichtungen zum Einsatz, um Recht und juristische Arbeit zu vereinfachen und besser zu verstehen. Interdisziplinäre Forschungsgebiete wie Recht und Literatur ermöglichen es unter anderem, unterschiedliche Perspektiven auf das existierende Recht einzunehmen und den Horizont von Forschenden und Studierenden der jeweiligen Fachrichtungen zu erweitern. Es bleibt also zu hoffen, dass die Vernetzung von Recht mit anderen Themenkomplexen auch an deutschen Universitäten weiter vorangetrieben wird.
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