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Ob vor der ersten Gerichtsverhandlung im Referendariat oder bei wichtigen Prüfungen im Jurastudium – die Nervosität kann uns alle überwältigen. Doch zum Glück gibt es Strategien, um Herzklopfen, dem leeren Kopf und schwitzenden Händen entgegenzuwirken. Von Atemübungen über mentale Vorbereitungen bis hin zu praktischen Tipps – wir haben uns mit Victoria Hippler unterhalten, was wirklich hilft, um ruhig und selbstbewusst aufzutreten.
Sie ist nicht nur Syndikusrechtsanwältin, sondern auch Leiterin der RA-MICRO Landespräsentanz in Berlin sowie DAV Anwältinnen Regionalbeaftragte in Berlin-Brandenburg und Mentorin. Kurz gesagt: Victoria Hippler ist eine echte Expertin - nicht nur auf dem Gebiet Lampenfieberbekämpfung.
„Studierende und Referendare können sich nicht nur hinter ihren Büchern verstecken, sondern müssen während ihrer akademischen Karriere den einen oder anderen Vortrag halten, allerspätestens in der 1. und 2. Staatsprüfung. Vielen fällt das schwer – und zwar nicht, weil sie mit dem Inhalt kämpfen, sondern weil sie sich mit einer viel kritischeren Herausforderung konfrontiert sehen: Lampenfieber. Mit dieser Situation ist man nicht allein, sondern es geht im Prinzip allen so, nur unterschiedlich graduiert.
Aber warum ist Lampenfieber so kritisch? Weil es spontan auftritt, nur in bestimmten (Druck-)Situationen und sich dazu noch launisch verhält: Und zwar auf einer Skala von »ein leichtes Kribbeln im Bauch« bis hin zu »handfester Panikattacke«. Tipps wie ruhig atmen, sich das Publikum nackt vorstellen o.ä. hatte bei mir jedenfalls keine Wirkung gezeigt. Wer möchte sich auch schon seinen Professor oder Prüfer nackt vorstellen? (lacht)
Wichtig: Löse dich von falschen Glaubenssätzen wie „Ich muss alles wissen“ oder „Mein Prof ist gegen mich.“ Erstens ist das in der vorgegebenen Zeit unmöglich und zweitens will das niemand hören. Deine Aufgabe ist es, die von dir erarbeiteten Ergebnisse darzustellen und in ein Themenfeld einzuordnen. Dabei musst du zeigen, dass du Methoden anwenden kannst und die Zusammenhänge verstanden hast. Die Prüfer solltest du also nicht als Gegenspieler wahrnehmen, sondern als Teil des Ablaufs, bei dem beide am Ende das gleiche Ziel haben, nämlich den Prüfungsprozess erfolgreich abzuschließen.
Hast du schon mal von der sogenannten Spiegelmethode gehört? Diese hat sich Victoria Hippler während ihres Studiums und ihrer Karriere schon öfters zunutze gemacht, so erzählt sie in einem Podcast mit der BRAK. Hier sprechen Rechtsanwältin Stephanie Beyrich und Syndika Victoria Hippler über Zeitmanagement, Networking, Mentorenprogramme, Klischees, den Berufseinstieg und die Fehlerkultur in der Juristerei. Hört rein!
Bei der Spiegel-Methode trägst du vor dem Spiegel den Prüfungsstoff oder die Präsentation vor, die in dir Nervosität schüren. So kannst du nicht nur dein Auftreten hinsichtlich deines Selbstbewusstseins optimieren, sondern kannst zeitgleich vor dem Publikum – also dir selbst – ohne externe Unterstützung üben und dich vorbereiten. Das funktioniert natürlich auch ohne Spiegel und stattdessen vor einer:m Freund:in oder der:m Partner:in wunderbar.
Trotz guter Vorbereitung kommt die böse Überraschung: plötzliches Herzrasen, Beine weich wie Pudding und schwitzige Hände.
Gibt es hier noch einen Rettungsanker?
„Wenn man während einer mündlichen Prüfung oder Gerichtsverhandlung plötzlich körperliche Symptome des Lampenfiebers wie Zittern, Schwitzen oder Herzklopfen erlebt, ist es wichtig, sich sofort auf seine Atmung zu konzentrieren. Tiefes, bewusstes Atmen kann helfen, das Nervensystem zu beruhigen und die Kontrolle zurückzugewinnen. Zudem ist es hilfreich, kleine Bewegungen wie das Drücken eines Stressballs oder das sanfte Drücken der Handflächen zusammen zu machen, um die Nervosität abzubauen.“
„Auch, wenn es unangenehm ist, solche Situationen gezielt “provozieren”: Das kann man auch beim Sport zum Beispiel mit vielen Zuschauern oder im Familienkreis mit kleinen Reden. Drucksituationen können so auch zur Routine werden.
Und einmal ganz anders: Lampenfieber auch mal zulassen! Den Druck kann man nicht wegreden, sondern nur einen Umgang damit lernen. Also lassen wir den Druck auch einmal zu, akzeptieren, dass das Lampenfieber kommen wird und schaffen so keinen zusätzlichen Gegner, sondern lernen nur mit ihm umzugehen.“
„Der staatsanwaltliche Sitzungsdienst im Referendariat bietet eine gute Vorbereitung auf die ersten Gerichtsverhandlungen. Dazu gehört das Durcharbeiten der Handakten und das Berücksichtigen verfahrensspezifischer Erwägungen wie unentschuldigte Abwesenheit von Zeugen und Angeklagten, Beweisanträge, Asservate und Einstellungen sowie Vorüberlegungen zu beabsichtigten Anträgen, rechtlicher Würdigung und Vorbesprechung mit dem Ausbilder.
Am Tage der Hauptverhandlungen sollte man etwa 30 Minuten vor Beginn erscheinen und sich nach Möglichkeit kurz dem zuständigen Richter als Referendar vorstellen. Gelegentlich sprechen die Richter dann schon kurz die einzelnen Strafsachen an und können wertvolle Hinweise geben. Danach begibt man sich „bewaffnet“ mit Akten, Kommentaren, Schreibutensilien und Taschenrechner in den Sitzungssaal und richtet sich an seinem Platz ein.
Vor dem „ersten Mal“ lohnt ein Blick in Nr. 123 ff. der Richtlinien für das Strafverfahren und Bußgeldverfahren (RiStBV). Daraus lassen sich die wesentlichen Basics für die Tätigkeit des Sitzungsvertreters der Staatsanwaltschaft ablesen. Referendare haben weitreichende Befugnisse in der Hauptverhandlung und sind damit Staatsanwälten nahezu gleichgestellt, dürfen jedoch nicht eigenständig einer Einstellung des Verfahrens zustimmen oder einen Rechtsmittelverzicht erklären. Das wird einem aber auch vorher alles vom Ausbilder gelehrt.
Während der Hauptverhandlung geht es los mit der Verlesung der Anklageschrift, Ausübung des Fragerechts und Plädoyer. Der Staatsanwalt hat darauf hinzuweisen, dass das Gesetz in der Hauptverhandlung eingehalten wird. Sollte man einige Minuten benötigen, um das Plädoyer vorzubereiten, bittet man um Unterbrechung. Dies ist allerdings nur in Fällen üblich, in denen viele Zeugen vernommen wurden oder eine Vielzahl von Straftaten angeklagt sind.
Letztendlich ist es wichtig, sich mit möglichst vielen Szenarien auseinanderzusetzen, um eine gewisse Souveränität auszustrahlen. Sitzungsdienste sind sehr abwechslungsreich, passagenweise auch mal langweilig, meist aber spannend. Gelegentlich ist man bemüht, sich das Lachen zu verkneifen.“
Oft hilft es Studierenden auch, zu wissen, dass bereits erfahrene Jurist:innen den gleichen Feuerweg wie sie selbst gehen mussten – und dabei keineswegs von unangenehmen (Druck-)Situationen verschont geblieben sind. So musste auch Victoria Hippler mit einigen Herausforderungen umgehen zu lernen
„Meine größte Hürde am Anfang war, dass ich als junge Frau oftmals vor Gericht unterschätzt wurde, gerade von den eigenen Mandanten. Teilweise wurde gefragt, ob ich die Praktikantin sei und wann „der Anwalt“ käme. Das Blatt hat sich dann aber schnell gewendet, als sie gesehen haben, dass ich weiß, wovon ich spreche. Vor Gericht kommt es auf deine Kompetenz an, und damit kann man diese Hürden überwinden.“
Aber auch der berühmte „Ich will am liebsten im Erdboden versinken“-Moment, hat sie in ihrer Karriere eingeholt.
„Meine schlimmste Panne beim Gericht war, als ein Mandant plötzlich der Klagerücknahme während der Verhandlung zustimmte, obwohl unsere Verfahrensstrategie eine andere war. Für mich war das eine gefühlte Niederlage, weil die Strategie sich hätte realisieren lassen. Seitdem ich verheiratet und Mutter bin, ist mir das nicht nochmal passiert (lacht).“
So zeigt sich deutlich, dass wohl (fast) niemand von solchen oder ähnlichen Situationen verschont bleibt. Oder kennt ihr eine:n erfolgreiche:n Jurist:in ohne einen einzigen peinlichen Moment in der Karriere? Also: Augen zu und durch! Aber ganz allein möchten wir euch dabei nicht lassen, deshalb gibt’s noch ein hilfreiches Learning von Victoria Hippler:
„Rückblickend hätte mir ein stärkeres Selbstbewusstsein und besseres Zeitmanagement von Anfang an geholfen. Es ist wichtig, Prioritäten zu setzen und Nein zu sagen, wenn es notwendig ist. Techniken zur Stressbewältigung wie tiefe Atemübungen und positive Visualisierung hätten mir sicherlich geholfen, Nervosität zu reduzieren und Selbstsicherheit zu stärken. Zudem hätte ich von Anfang an mehr Wert auf Networking und den Aufbau von Beziehungen legen sollen. Mit dem Wissen von heute würde ich auch früher beginnen, mich mit digitalen Tools und Technologien vertraut zu machen, um Arbeitsprozesse zu optimieren.“
„Ohne Bühne wären die meisten Events eher langweilig, oder? Im Rampenlicht wird aus einer Show ein Ereignis. Lassen wir das zu, dann können wir es irgendwann sogar genießen, das ist das Wundervollste. Egal wann sich das bei jedem entwickelt, ganz klar ja,
ich sehe auf diesem Weg auch positive Aspekte des Lampenfiebers. Es zeigt, dass einem die Sache wichtig ist und man sich intensiv damit auseinandersetzt. Eine gewisse Nervosität kann die Sinne schärfen und die Konzentration erhöhen, was dazu beitragen kann, eine bessere Leistung zu erbringen. Lampenfieber kann auch dazu motivieren, sich noch gründlicher vorzubereiten und so sicherzustellen, dass man wirklich alle Aspekte eines Falls oder einer Präsentation bedacht hat.
Und wenn wir es mal einordnen, ist es doch so, dass Lampenfieber auch Teil der Prüfung ist. Wie gehe ich damit um, wie kann ich mein Wissen in Drucksituationen umsetzen? Also betrachten wir es als eigenes Prüfungsfeld mit einer schönen Botschaft: Wenn es auch nur eine Prüfung ist, kann man sich darauf vorbereiten, das ist denke ich sehr positiv (lacht).“

„Das Thema Nachwuchsförderung liegt mir sehr am Herzen, und ich engagiere mich aktiv, um werdende und frischgebackene Juristinnen und Juristen zu unterstützen. Als ehrenamtliche Mentorin und Regionalbeauftragte für die Arbeitsgemeinschaft (ARGE) Anwältinnen in Berlin und Brandenburg setze ich mich dafür ein, mein Wissen und meine Erfahrungen weiterzugeben. Mein Engagement in diesen Rollen entstand aus der Freude an der Arbeit für andere und dem Wunsch, ein Vorbild zu sein. Ich möchte nicht nur meine Fähigkeiten und Erfahrungen teilen, sondern auch neue Menschen kennenlernen und in einer Gemeinschaft gemeinsam für ein Ziel arbeiten.“
„Mein wichtigster Rat an junge Juristinnen ist, sich ein Netzwerk aufzubauen und Unterstützung zu suchen. Niemand muss alles alleine schaffen, und es gibt viele erfahrene Kollegen, die bereit sind zu helfen. Es ist auch wichtig, sich selbst Pausen zu gönnen und auf die eigene Gesundheit zu achten. Stressbewältigungstechniken wie tiefe Atemübungen und positive Visualisierung können ebenfalls helfen, sich zu entspannen und neue Energie zu tanken.“
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