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Pia ist 26 Jahre alt, Mutter einer kleinen Tochter und studiert im 3. Semester Jura an der Universität Hannover, ohne eine gymnasiale Oberstufe jemals von innen gesehen zu haben.
Jura zu studieren war tatsächlich schon ein kleiner Kindheitstraum von mir. Während andere mit fünf gesagt haben: „Ich werde Feuerwehrmann“ oder „Ich werde Prinzessin“, habe ich gesagt: „Ich werde Richterin.“ Das Interesse an diesem Themenbereich hat sich also schon sehr früh herauskristallisiert. Ich fand Recht und Gerechtigkeit immer spannend. Schon in der Grundschule war ich im Streitschlichterteam – es war irgendwie immer da. Ich würde sagen, das lag mir einfach. Das Einzige, was mich lange davon abgehalten hat, war das Abitur. Denn bekanntlich heißt es ja: Zum Studieren braucht man Abi. Dieser Gedanke hat mich ausgebremst. Aber der Traum selbst – der hat immer in mir geschlummert. Auch ohne Abitur.
Ich habe meinen erweiterten Realschulabschluss gemacht und bin danach zunächst auf die Hochschule gegangen, um mein Fachabitur im Bereich Recht und Verwaltung zu absolvieren. Ehrlich gesagt habe ich das vor allem deshalb gemacht, weil meine Eltern wollten, dass ich weiter zur Schule gehe – im Gegenzug durfte ich meinen Motorradführerschein machen. Ein klassischer Kompromiss also.
Nach der elften Klasse hatte ich meinen Führerschein in der Tasche und habe das Fachabi schließlich abgebrochen, weil ich gemerkt habe: Schule ist einfach nichts für mich. Vielleicht war es auch ein bisschen mein Teenager-Dickkopf – ich weiß es nicht genau. Auf jeden Fall habe ich danach eine Ausbildung begonnen und drei Jahre lang Kauffrau für Büromanagement mit dem Schwerpunkt Personal und Buchhaltung gelernt – also etwas komplett anderes.
Während der Ausbildung habe ich gemerkt: Wenn man sich mit Themen beschäftigt, die einen wirklich interessieren, kann Lernen sogar Spaß machen. In meiner Schulzeit musste ich nie wirklich lernen. Es hat immer gereicht, im Unterricht aufzupassen oder mich mit Mitschülern auszutauschen. Zum ersten Mal richtig hingesetzt und gelernt habe ich tatsächlich während der Ausbildung. Dabei habe ich meinen eigenen Weg gefunden – und plötzlich hat es mir Spaß gemacht.
Nach der Ausbildung wollte ich nicht einfach Sachbearbeiterin bleiben. Also habe ich erst einmal ein bisschen „Job-Hopping“ betrieben. Gefühlt habe ich alle sechs Monate das Unternehmen gewechselt, weil es mir nie wirklich gefallen hat. Ich war beim Steuerberater oder im Reifenhandel – ich habe einiges ausprobiert. Aber es war nie der Moment dabei, in dem ich dachte: „Das ist es jetzt.“
Schon während der Ausbildung hatte ich von der Weiterbildung zur Wirtschaftsfachwirtin erfahren. Bei einem Infotag wurde sie vorgestellt und ich fand das sofort spannend. Geplant waren 18 Monate, bis Corona kam. Dann hat sich alles ziemlich in die Länge gezogen. Ich muss auch ehrlich sagen, dass ich zu der Zeit ein bisschen faul war. Allein zu Hause zu sitzen, ohne Freunde, ohne Austausch – das war für mich wirklich hart. Meine Motivation war zeitweise komplett weg. Aus anderthalb Jahren wurden schließlich vier. Aber ich habe durchgehalten. Im Juli 2023 durfte ich mich dann offiziell IHK-geprüfte Wirtschaftsfachwirtin nennen. Mit dem Abschluss hatte ich außerdem die Berechtigung, an einer Universität zu studieren. Kurz vor meiner mündlichen Prüfung hielt ich allerdings einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand – mein ursprünglicher Plan wurde also etwas durcheinandergewirbelt. Die mündliche Prüfung selbst war eine echte Herausforderung: Eine Stunde insgesamt, davon 15 Minuten Präsentation eines Projekts, das man nur 30 Minuten vorher vorbereitet. Eigentlich kommt das Thema aus dem Bereich Ausbildung und Personal – bei mir wurde es Marketing. Ich war völlig vor den Kopf gestoßen und musste stark improvisieren. Danach folgte noch eine 15-minütige Fragerunde.
Und ich war schwanger – mir war übel, ich habe mich wirklich nicht gut gefühlt. Manchmal denke ich, wenn ich nicht schwanger gewesen wäre, hätten sie mich vielleicht durchfallen lassen. Aber ich habe bestanden.
Direkt mit dem Studium zu beginnen, kam für mich während der Schwangerschaft nicht infrage. Ich wollte nicht schwanger ins Studium starten, also habe ich mir ein Jahr Zeit genommen. Meine Tochter wurde im Februar 2024 geboren und im Oktober 2024 habe ich schließlich mein Studium in Hannover begonnen.
Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht mehr genau, wie ich an die Information gekommen bin. Aber ich habe damals eine E-Mail an die Universität geschrieben, weil mich interessiert hat, ob ich mit dem Abschluss als Wirtschaftsfachwirtin überhaupt die Berechtigung habe, dort zu studieren – und wie das mit dem NC geregelt ist.
Von meiner vorherigen Hochschule kannte ich nur die Aussage unseres Professors, der immer wieder betont hat: „Mit diesem Abschluss dürft ihr studieren.“ Aber ich wollte es genau wissen und habe deshalb direkt nachgefragt. Ich weiß nicht mehr, ob ich ans Studierendenwerk oder direkt an die Uni geschrieben habe – das musste ich erst einmal recherchieren. Jedenfalls habe ich eine E-Mail geschickt und nachgefragt. Die Antwort war klar: Ja, ich darf dort studieren.
Also habe ich mich beworben. Im Jurabereich gibt es keinen NC. Normalerweise starten dort etwa 400 Studierende pro Semester, und danach wird ausgelost. Überraschender Weise, hatte unser Semester jedoch 650 Studierende. Entsprechend groß war alles. Auch finanziell ist so ein Semester natürlich nicht ganz ohne – auch wenn der Semesterbeitrag von 434 Euro noch gerechtfertigt ist. Man muss am Ende trotzdem hin und wieder in gut besuchten Vorlesungen stehen oder um die besten Plätze kämpfen. Aber gut. Zwischendurch habe ich auch darüber nachgedacht, mir die FernUniversität in Hagen anzuschauen und Jura im Fernstudium zu studieren. Aber ich hatte einfach Lust auf das klassische Uni-Leben. Ich wollte vor Ort sein, neue Menschen kennenlernen und dieses Studentenleben wirklich erleben. Außerdem habe ich schon während der Weiterbildung gemerkt, dass Präsenzveranstaltungen meinem Lerntyp viel mehr entsprechen. Dieses „Vor-Ort-Sein“ tut mir gut.
Deshalb war für mich am Ende eigentlich klar: Ich gehe nach Hannover an die Uni.
Es ist halt schwierig, weil der klassische, „traditionelle“ Weg ja klar vorgezeichnet ist: Man macht Abitur und studiert anschließend. Da stellt sich die Frage oft gar nicht, ob man das Abi überhaupt braucht, es gehört einfach dazu. Und in der Regel machen die meisten ihr Abitur ja auch mit dem Ziel, zu studieren. Wer kein Abitur macht, hat häufig zunächst gar nicht vor zu studieren – sonst hätte er oder sie es vermutlich gemacht. Trotzdem hast du natürlich recht: Wirklich transparent ist das Ganze nicht.
Durch das Video, über das du auf mich aufmerksam geworden bist, habe ich viele Nachrichten bekommen – von Menschen, die geschrieben haben: „Ich will auch studieren, ich wusste gar nicht, dass das ohne Abi geht. Was muss ich denn dafür tun?“ Und genau da merkt man, wie gering die Transparenz eigentlich ist.
Klar, die Uni in Hannover bietet zum Beispiel Tage der offenen Tür an, bei denen man sich informieren kann. Aber Schüler:innen ohne Abitur interessieren sich dafür meistens gar nicht, weil sie sich selbst gar nicht als Zielgruppe sehen. So wie bei mir kommt der Gedanke oft erst später: Vielleicht könnte ich ja doch noch studieren. Aber bis man diese Möglichkeit überhaupt erkennt, vergeht häufig viel Zeit. Insgesamt finde ich die Informationslage dazu leider wirklich nicht besonders ergiebig.
Unterstützung habe ich wirklich sehr viel – dafür bin ich unglaublich dankbar.
In meinem Umfeld war die Reaktion anfangs allerdings etwas zwiegespalten. In meiner Familie bin ich die Erste, die überhaupt eine Universität von innen sieht. Bei uns hat niemand studiert, selbst das Abitur ist eher unüblich. Schon die Weiterbildung zur Wirtschaftsfachwirtin war etwas Besonderes. Deshalb waren meine Eltern zunächst skeptisch. Sie wussten ja, wie ich früher gelernt habe – nämlich eigentlich gar nicht. Entsprechend hatten sie Sorge, ob ich das Studium durchhalte. Dazu kamen Ängste, ich könnte mein Kind oder mich selbst vernachlässigen. Diese Bedenken wurden offen ausgesprochen.
Mein Papa war trotzdem von Anfang an total begeistert. Er fand es großartig, war unglaublich stolz und hat es überall gern erzählt. Und insgesamt bekomme ich von meinen Eltern sehr viel Unterstützung – sowohl finanziell als auch bei der Betreuung meiner Tochter. Da sind sie wirklich immer für mich da. Im Freundeskreis sieht es etwas anders aus. Meine beste Freundin hat selbst einen Masterabschluss, auch wenn sie nicht Rechtswissenschaften studiert hat. Viele meiner Freunde haben ebenfalls studiert oder studieren noch. Von ihnen kam eher: „Why not? Mach es!“ Der Austausch mit ihnen tut sehr gut. Natürlich gab es auch Stimmen, die meinten: „Du bist Mama, das gehört doch nicht in die Uni – und dann schleppst du dein Kind auch noch mit.“ Im ersten Semester war meine Tochter acht Monate alt und tatsächlich oft dabei. In Vorlesungen habe ich sie nicht mitgenommen – da habe ich schnell gemerkt, dass das Format nicht meins ist. Ich habe häufig einfach nicht richtig zugehört. Eine Ausnahme war Strafrecht, das fand ich vor allem wegen einer wirklich großartigen Professorin spannend. Aber viele Inhalte in den ersten beiden Semestern waren für mich ohnehin Wiederholung aus der Weiterbildung.
Zu den Arbeitsgemeinschaften (AGs) habe ich meine Tochter dagegen oft mitgenommen. Meine AGs waren alle abends von 18:00 bis 19:30 Uhr. Tagsüber habe ich mich um sie gekümmert, während mein Partner gearbeitet hat. Wenn sie geschlafen hat, habe ich gelernt. Abends bin ich in die Uni gegangen und nachts habe ich weitergelernt. Morgens war ich dann wieder ganz Mama. Die AG-Leiter fanden das größtenteils sogar toll. Es gab niemanden, der gesagt hätte, das ginge nicht. Einer war besonders begeistert – er hatte allerdings keine Ahnung, wie alt meine Tochter war, und dachte wohl, sie sei schon drei oder vier. Im Strafrecht hatte er extra einen kleinen Fragenkatalog vorbereitet, etwa: „Was machst du, wenn dein Kind dich haut?“ Als dann klar wurde, wie klein sie noch ist, musste er seinen Plan etwas anpassen.
Aber insgesamt war es nie ein Problem, im Gegenteil: Viele haben es begrüßt, dass ich sie mitgebracht habe. Es war eine nette Abwechslung und sie ist zum Glück ein sehr fröhliches Kind. Schlechte Laune gibt es bei ihr selten. Für alle war es einfach mal etwas anderes.
Nein, auf keinen Fall. Das habe ich wirklich nie angezweifelt. Für mich war das einfach mein Weg. Es wäre für mich falsch gewesen, klassisch Abitur zu machen und dann direkt ins Studium zu starten. Das entspricht einfach nicht meinem Typ. Ich bin, glaube ich, zu extrovertiert dafür und musste mich erst einmal ausprobieren. Ich musste in der Arbeitswelt erfahren, was mir liegt – und vor allem, was mir nicht liegt. Ich habe wirklich vieles gemacht: von Entgeltabrechnung über Buchhaltung bis hin zu technischer Zeichnung und sogar handwerklichen Bereichen. Und immer hatte ich das Gefühl, irgendwo stößt du an. Irgendetwas fehlt. Irgendetwas passt nicht ganz.
In all der Zeit habe ich es kein einziges Mal bereut. Wirklich nicht.
Ja, man merkt hin und wieder auf jeden Fall, dass mir meine Lebenserfahrung einiges bringt. Ich meine, so alt bin ich nun auch wieder nicht – ich bin 26. Aber man spürt den Unterschied schon. Ich würde sagen, ich bin sehr diszipliniert. Vielleicht disziplinierter als manche, die „nur“ studieren und nebenbei einen Nebenjob haben, was ich übrigens überhaupt nicht kleinreden möchte. Gerade neben einem Jurastudium ist das wirklich anspruchsvoll. Aber wenn ich Zeit zum Lernen habe, dann nutze ich sie konsequent. Dann gibt es für mich nichts drum herum. Diese Zeit ist fürs Lernen reserviert und die wird auch genutzt. Meine Lebenserfahrung hilft mir auch bei manchen Sachverhalten. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich Dinge einfach anders einordnen kann. Ich habe seit fast zehn Jahren meinen Führerschein und bin entsprechend lange im Straßenverkehr unterwegs. Gerade im Strafrecht, wenn es um Verkehrsdelikte geht, sind viele Situationen für mich sehr lebensnah – sei es, dass mir die Vorfahrt genommen wurde oder ich als Opfer in einen Verkehrsunfall verwickelt wurde. Einige Inhalte fühlen sich deshalb weniger abstrakt an, weil ich vieles schon selbst erlebt oder zumindest im Alltag beobachtet habe. Das hilft mir, die Fälle greifbarer zu machen und besser zu verstehen.
Teilweise ist es schon etwas schwieriger. Viele meiner Kommilitoninnen und Kommilitonen sind bis zu sechs Jahre jünger als ich, viele kommen direkt aus dem Abi. Allein bei der Sprache merkt man manchmal schon einen Unterschied. Ich will wirklich nicht alle über einen Kamm scheren – aber bei manchen merkt man einfach: Das ist nicht so meine Welt. Ich bin zum Beispiel überhaupt keine Partymaus. Sollen sie ihre Studentenpartys feiern – alles gut. Aber das ist einfach nicht mein Ding. Da bin ich raus. Das ist definitiv ein Unterschied.
Im Großen und Ganzen habe ich aber vor allem viel Erstaunen erlebt. Oft kam so etwas wie: „Wie, und du hast auch noch ein Kind?“ In meinem Semester bin ich, soweit ich weiß, die Einzige mit einem so kleinen Kind. Zumindest habe ich bisher niemanden getroffen, der ebenfalls ein kleines Kind hat, kein Abi gemacht hat und studiert. Ohne Abitur zu studieren, ist tatsächlich eher eine Seltenheit. Ich kenne nur einen bei uns im Semester, der Jura studiert. Er studiert dual im Bereich Verwaltungswissenschaften und betreibt Jura quasi nebenbei. Er ist Kfz-Meister. Das geht auch.
Ich würde sagen, dass es grundsätzlich bei Jura natürlich am einfachsten ist, wenn man direkt nach dem Abitur startet. Einfach, weil man zeitlich mehr Spielraum nach hinten hat. Wobei ich nicht das Gefühl habe, dass mir Zeit „fehlt“. Die Frage ist doch: Arbeite ich bis 67 oder 70 – oder wie lange auch immer – in einem Job, der mir keinen Spaß macht? Oder investiere ich jetzt noch einmal Zeit ins Studium und arbeite später in einem Beruf, der mich erfüllt? Das war der Kompromiss, den ich für mich eingegangen bin. Selbst wenn man meinen Weg geht – auch ohne Kind – halte ich das absolut für machbar. Und gerade weil Jura so lebensnah ist, bringt Lebenserfahrung meiner Meinung nach sogar einen echten Vorteil.
Ob ich meinen Schritt weiterempfehlen würde? Auf jeden Fall. Wirklich, auf jeden Fall. Erst letzte Woche hat mir eine frischgebackene Mama geschrieben. Sie ist Lackiermeisterin beziehungsweise Malermeisterin und möchte Lehramt an einer Berufsschule studieren. Sie war total skeptisch und hat gefragt, wie ich das gemacht habe.
Ich kann da nur sagen: Mach es. Du bereust im Leben meistens die Dinge, die du nicht getan hast. Das war schon immer mein Motto. Und genau deshalb würde ich es jedem empfehlen, der auch nur mit dem Gedanken spielt: Probiere es aus. Wenn es nicht klappt, dann klappt es nicht – aber dann weißt du es wenigstens und du hast es versucht.
Das Interview für die JurFuture-Redaktion führte Greta Brenzel
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