Jurastudium im Osten: Wenige Fakultäten, wenige ostdeutsche Lehrstühle und blinde Flecken im Rechtsstaat?

Jurastudium im Osten
Gibt es immer noch eine unsichtbare Mauer und welche Folgen hat das für den Rechtsstaat?

Wer in Ostdeutschland Jura studieren möchte, hat nur eine begrenzte Auswahl. Während sich juristische Fakultäten im Westen dicht an dicht reihen, verteilen sie sich im Osten auf wenige Standorte: Greifswald, Frankfurt (Oder), Berlin, Potsdam, Halle und Leipzig. In Sachsen wurde der Studiengang in Dresden aus Kostengründen geschlossen. Die strukturelle Ungleichverteilung ist seit Jahren bekannt. Weniger sichtbar ist jedoch, welche Folgen sie für Studium, Lehre und langfristig auch für die Rechtsstaatsbildung in den neuen Bundesländern haben könnte.

Rechtsstaat entsteht im Hörsaal

Klar ist: Ein starker Rechtsstaat braucht mehr als gute Gesetze. Er braucht Menschen, die ihn tragen und er braucht Orte, an denen diese Menschen ausgebildet werden, an denen sie lernen, Macht zu begrenzen und staatliches Handeln zu kontrollieren.

In Ostdeutschland ist beides unter Druck. Während demokratische Institutionen dort zunehmend politisch infrage gestellt werden, ist die juristische Ausbildungslandschaft seit Jahren strukturell ausgedünnt: wenige Fakultäten, geschlossene Standorte, eine Professorenschaft, in der ostdeutsche Lebensläufe selten sind.

Die Frage ist daher nicht nur, wie stabil der Rechtsstaat heute ist, sondern, wie er morgen aussehen soll, wenn seine Ausbildung regional vernachlässigt bleibt.

"Das Studium ist durch die Professor:innen geprägt". Jette studiert im siebten Semester Jura an der Universität Potsdam. Ursprünglich kommt sie aus Nordrhein-Westfalen. Dass sie an einer ostdeutschen Universität studiert, sei für sie im Alltag kaum spürbar. Potsdam liege nahe an Berlin, vieles wirke austauschbar. Gleichzeitig nimmt sie wahr, dass ostdeutsche Perspektiven im Studium kaum sichtbar sind.

„Gleich repräsentiert ist es nicht“, sagt Jette mit Blick auf die Professorenschaft. Die meisten Lehrenden, die sie in den ersten Semestern hatte, seien in Westdeutschland sozialisiert worden. „Das Studium ist durch die Professor:innen geprägt“, sagt sie. Gerade in den Anfangssemestern seien Studierende ein „unbeschriebenes Blatt“. Wer Strafrecht, Staatsorganisationsrecht oder Grundrechte zum ersten Mal höre, übernehme zwangsläufig Perspektiven, Gewichtungen und Selbstverständlichkeiten derjenigen, die vorne stehen.

Diese Prägung bleibt oft unsichtbar, gerade weil sie nicht offen thematisiert wird. Ostdeutschland spiele an der Universität Potsdam kaum eine Rolle, sagt Jette. Es gebe keine Veranstaltungen, kaum Diskussionen, keine explizite Auseinandersetzung mit ostdeutscher Rechtsgeschichte oder Transformations­erfahrungen.

Ostdeutsche Studierende, westdeutsche Lehrstühle

Auch an der Universität Leipzig, einem der größten juristischen Standorte im Osten, ist die Lage ähnlich. Adrian, Jurastudent im fünften Semester, kommt aus Rostock und studiert nun in Leipzig.

Unter den Studierenden nimmt er viele ostdeutsche Biografien wahr – aus Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg. In der Professorenschaft spiegele sich das jedoch kaum wider. Auch er erlebt überwiegend Lehrende aus der „alten Bundesrepublik“. Das sei für ihn persönlich kein Problem, sagt Adrian, aber ein Repräsentationsdefizit. „Es wäre schön für die Repräsentanz, wenn es mehr ostdeutsche Professoren gäbe, damit alle irgendwie abgebildet sind.“

Diese fehlende Abbildung betrifft nicht nur Herkunft, sondern auch Themen. DDR-Recht, SED-Unrecht oder juristische Aufarbeitung der Transformationszeit sind im regulären Studium kaum relevant. Adrian ist damit nur über eine studentische Initiative in Kontakt gekommen, nicht über Pflichtveranstaltungen. Dabei, so sagt er, zeigten gerade diese Epochen, „warum Recht eigentlich so wichtig ist“ und wie Recht auch zur Stabilisierung von Unrecht genutzt werden könne.

Folgen für Rechtsstaat und Vertrauen

Das Jurastudium bildet nicht nur Juristinnen und Juristen aus, sondern zentrale Träger des Rechtsstaats: Richterinnen, Staatsanwälte, Verwaltungsjuristen. Wer später über Grundrechtseingriffe entscheidet, Verwaltungshandeln überprüft oder Gesetze auslegt, bringt die Prägungen aus dem Studium mit, oft unbewusst, aber dauerhaft.

Wenn dieses Studium überwiegend westdeutsch sozialisiert ist, ostdeutsche Erfahrungen kaum sichtbar sind und Transformationsgeschichte randständig bleibt, stellt sich die Frage nach langfristigen Folgen. Es geht dabei nicht um Schuldzuweisungen, sondern um Perspektivenvielfalt. Recht ist nie völlig neutral. Es wird gelehrt, interpretiert und angewendet von Menschen mit bestimmten biografischen und historischen Prägungen.

Gerade in Ostdeutschland, wo staatliche Institutionen immer häufiger mit besonderer Skepsis betrachtet werden und der Rechtsstaat politisch stärker unter Druck steht als in vielen westdeutschen Bundesländern, ist diese Frage nicht abstrakt. Vertrauen in Recht und Justiz entsteht auch dadurch, dass sich Menschen in ihren Institutionen wiederfinden, in ihrer Geschichte, ihren Erfahrungen und ihren Lebenswegen.

Mehr ostdeutsche Professorinnen und Professoren allein würden diese strukturellen Fragen nicht lösen. Aber sie könnten Sichtbarkeit schaffen, Themen setzen und Studierenden zeigen, dass juristische Karrieren auch aus ostdeutschen Biografien heraus möglich sind. Sie könnten dazu beitragen, Transformationsgeschichte nicht als Randthema, sondern als Teil der deutschen Rechtsgeschichte zu begreifen.

Ein starker Rechtsstaat der Zukunft wird nicht allein in Karlsruhe oder Berlin entschieden. Er entsteht dort, wo Juristinnen und Juristen ausgebildet werden: im Hörsaal und im Seminar. Sowie in der Art, wie Recht erklärt, hinterfragt und historisch eingeordnet wird. Wenn Ostdeutschland in dieser Ausbildung dauerhaft vernachlässigt bleibt, ist das nicht nur ein hochschulpolitisches Problem, sondern ein rechtsstaatliches.

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