Jura und Berufsstart: (Anwalts-)Notariat - die stillen Superheroes der Juristerei

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Der Notar:innenberuf bietet eine völlig andere Herangehensweise an das Mandat.
Warum einfach, wenn‘s auch kompliziert geht? Wer sich als Anwält:in nach einer langen Ausbildung und nach fünf Jahren in der Anwaltschaft entscheidet, noch das „3. Examen“ dranzuhängen, kann im Nebenberuf (Anwalts-)Notar:in werden. Aber wieso sollte man das auf sich nehmen?

„Ich habe mich früh für den Beruf interessiert und im Referendariat die Anwaltsstation in einer Kanzlei abgeleistet, die ein Anwaltsnotariat hatte. Ich hatte den Eindruck: Hier werden die wirklich wichtigen Sachen gemacht“, berichtet Sarah Scherwitzki, Anwaltsnotarin in Berlin, von ihren ersten Begegnungen mit dem Beruf. „Ich war als Rechtsanwältin viel im Bau- und Immobilienrecht tätig, da ist das Notariat nicht ganz fremd“.

 

Wieso eigentlich Notariat?

Unabhängig vom Inhaltlichen bietet der Notar:innenberuf eine völlig andere Herangehensweise an das Mandat. Für Scherwitzki stand im Vordergrund, vermittelnd tätig zu werden und möglichst an gerechten Ergebnissen mitzuwirken. Notar: innen haben ein öffentliches Amt inne und, anders als Anwält:innen, die Pflicht zur Mandatsbearbeitung.

„In der Anwaltstätigkeit hat man widerstreitende Interessen, im notariellen Bereich ist es durchaus schön, dass die Leute die Verhandlung oft glücklich verlassen – selbst, wenn es um eine Scheidung geht“, erklärt Annika Seebach, Anwaltsnotarin in Kassel. Die Notartätigkeit sei ruhiger, man sei ausgeglichener – auch wenn es viele Regeln gebe. Als Anwaltsnotar:in kann man eine Art „full service“ anbieten, so waren sowohl Seebach als auch Scherwitzki jahrelang in Rechtsgebieten tätig, die einen Bezug zum Notariat hatten: Erbrecht, Familienrecht, Immobilienrecht. An Herausforderungen mangelt es trotzdem nicht. Seinen eigenen Zugang zum Notariat muss jede:r allerdings erst einmal finden. Die allgemeine Vorstellung von Notar: innen ist bei den meisten wohl immer noch die eines leicht ergrauten älteren Herren, der monoton Verträge vorliest. Auch wenn es diese Charaktere sicher gibt, kann Seebach diesen Blick auf das Notariat nicht bestätigen: „Es ist nicht stumpf und abgedroschen. Man muss sich vor Augen führen, dass dieser Moment für die meisten Menschen einmalig im Leben ist. Da habe ich auch schon mal einen Sekt herausgeholt und angestoßen“.

Im Gegensatz zur anwaltlichen Tätigkeit, in der man als Dienstleister:in arbeitet, stehen die Pflichten des notariellen Amtes im Vordergrund, ganz egal, wie die Beteiligten das finden. Die beiden Tätigkeiten miteinander zu vereinbaren, ist daher gar nicht so leicht. Eine anwaltliche Interessenvertretung am Morgen unter vollem emotionalen Einsatz steht in starkem Kontrast zur nachmittäglichen Beurkundung bei Wahrung absoluter Neutralität. „Der Stereotyp, dass Notare nur fürs Vorlesen bezahlt werden, ist sehr amüsant. Was dabei nicht gesehen wird ist die umfangreiche Vor- und Nachbereitung“, stellt Scherwitzki klar. Eine große Verantwortung birgt der Job auch für Seebach: „Man muss sehr wach sein, man ist sehr nah am Menschen und haftet für das, was man beurkundet“. Dass es trotzdem Momente gibt, die für alle Beteiligten sehr zäh sein können, steht außer Frage. Sich wiederholende Belehrungen und Nachfragen zwingen die Parteien, sich mit unbequemen und komplizierten Passagen einer Beurkundung auseinanderzusetzen. Genau das ist es aber, was den Job im Notariat ausmacht – freiwillig würden sich die meisten Mandant:innen mit so etwas wohl eher nicht befassen. Als Übersetzer: innen des Rechts müssen Anwaltsnotar: innen sicherstellen, dass alles verstanden wird. Herrschen hier Zweifel, lassen Notar:innen nicht locker – und brechen im Zweifel den Termin ab. „Man muss Entscheidungen ad hoc treffen und sehr selbstsicher sein. Das ist nicht für jedermann“, sagt Seebach. Die Parteien seien generell oft positiv gestimmt. Verglichen mit einem streitigen Verfahren vor Gericht herrscht in einem Notartermin mehr Zufriedenheit. Vielleicht auch ein Grund, warum das Berufsbild immer untergeht. „No drama“ hat eben einen geringeren Sensationswert. „In den Medien ist eine Darstellung vom Notariat schwierig, was soll man da berichten. Das geht bei Richtern und Anwälten besser“, schätzt Scherwitzki. Vielleicht können wir in Zukunft aber doch auf eine neue Drama-Serie rund ums Notariat hoffen?

Digital? Ja, aber ...

Apropos Zukunft: Die Digitalisierung macht auch vor dem Notariat nicht halt. Vor allem bei der Vertragsgestaltung wird man künftig von Künstlicher Intelligenz profitieren. Eine vollständige Digitalisierung sehen Seebach und Scherwitzki eher kritisch. Insbesondere sensiblere Bereiche der Tätigkeit verlangen Fingerspitzengefühl, wie zum Beispiel die Prüfung der Geschäftsfähigkeit einer Partei. Wenn da die Internetverbindung hakt, leidet am Ende auch die Qualität der Arbeit. Davon abgesehen hat es für alle Beteiligten auch einen Mehrwert, sich live zu begegnen: „Das Menschliche macht das Notariat sehr abwechslungsreich. Hingegen sitzt man als Anwalt manchmal wochenlang an einem Schriftsatz, ohne den Mandanten zu begegnen“, sagt Scherwitzki. International arbeitet man als Anwaltsnotar:in jedoch nicht, da lässt sich nichts schönreden. Zwar kommen internationale Bezüge häufig vor, der Amtssitz ist jedoch strikt vorgegeben. Das Amt müsse immer besetzt sein, gibt Seebach zu. Dadurch könne es schwieriger sein, Nachwuchs zu finden.

Stressresistente aufgepasst!

Wer Anwält:in und Notar:in kombinieren will, kann das allerdings nur in Berlin, Bremen, Hessen, Niedersachsen, in Teilen von Nordrhein-Westfalen oder in Schleswig- Holstein. Nur dort ebnet die notarielle Fachprüfung den Weg ins Amt. Seebach hat Glück, weil sie in Hessen arbeitet. „Mit 32 habe ich mich entschieden, das Notariat anzugehen. Ich hatte auch einen Punkt erreicht, an dem ich mich als Frau gefragt habe, wie ich weiter vorgehe. Es hat damals Sinn ergeben, weil ich noch keine Kinder hatte“. Ob einem die Notarprüfung einfacher oder schwieriger von der Hand geht, ist unterschiedlich. Fakt ist, dass die Vereinbarung von Arbeit, Familie und hohem Lernpensum nicht für jeden denkbar ist, da letztendlich – wenig überraschend – eine Bestenauslese stattfindet. Fakt ist aber auch, dass gerade in ländlichen Regionen die Note der notariellen Fachprüfung wegen eines Mangels an Bewerbungen häufig nicht so entscheidend ist – und die Durchfallquoten deutlich niedriger als im ersten Examen sind. Außerdem ist man als Frau eine Rarität, auch wenn in den Prüfungskampagnen inzwischen mehr als 30 Prozent Frauen sind. Die Kommentare der Mandant:innen seien laut Seebach zwar durchweg positiv, man spiegele aber trotzdem nicht das Bild wider, welches Menschen von Notar:innen haben. Auf jeden Fall wünscht sich Seebach, dass Frauen den Beruf stärker in Betracht ziehen – schließlich gäbe es auch Mandant:innen aller Geschlechter.

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