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Tatsächlich wollte ich gar nicht Jura studieren – mein Traumstudiengang war eigentlich Medizin. Aber das hat mit dem NC nicht geklappt. Mein Bruder hat mir viel von seinem Jurastudium erzählt und mich dann auch dazu motiviert
Ich habe ein Schülerpraktikum bei der Staatsanwaltschaft gemacht. Die Juristerei hat mich interessiert, weil sie überall eine Rolle spielt.
Bei mir war es auch eher Zufall: Ich habe mich für Jura eingeschrieben, weil ich mich gar nicht ums Studium gekümmert hatte und dann dachte: O.k., fange ich das mal an. Dabei geblieben bin ich vor allem wegen der gesellschaftspolitischen Themen im Staats- und Verfassungsrecht.
Ich würde gern international, interdisziplinär und auf verschiedenen Sprachen arbeiten – vielleicht in der Anwaltschaft oder auch in internationalen Organisationen.
Eigentlich habe ich noch keine konkrete Vorstellung. Das liegt auch daran, dass ich immer das am interessantesten finde, was ich gerade mache. Aktuell bin ich in der Zivilstation im Referendariat und kann mir deshalb gut vorstellen, Richter zu werden. Zum einen, weil das so abwechslungsreich ist und wegen der Möglichkeit, frei nach dem eigenen Rechtsbewusstsein zu entscheiden. Während des Studiums habe ich auch in Kanzleien gearbeitet, aber da hat mich der Dienstleistungscharakter gestört, der einen manchmal zwingt, in Richtungen zu argumentieren, die nicht der eigenen Überzeugung entsprechen.
Ich würde gerne in einer internationalen Großkanzlei arbeiten.
Schwierige Frage. Eigentlich kann man das Jurastudium nur als absolute Zumutung bezeichnen: der Examensstress, die lange Ausbildung und kein Abschluss, auf den man zurückfallen kann. Vor dem Hintergrund würde ich das Studium eigentlich kaum jemandem empfehlen, der nicht unbedingt Richter:in, Anwält:in oder Staatsanwält:in werden will. Natürlich ist es trotzdem ein spannendes Fach mit vielen interessanten Berufsperspektiven später. Ja, und was Schwarze Personen und BIPoC angeht: Klar muss man da noch mal mit anderen Hürden rechnen. Und sich bewusst sein, dass es ein vergleichsweise weißer Studiengang ist, dass viele Themen aus einer sehr weißen Perspektive diskutiert werden und man sich als Schwarze Personen oder BIPoC vielleicht eine gewisse Dickhäutigkeit angewöhnen muss. Trotzdem sollte einen das nicht abschrecken, im Gegenteil, es ist gerade der Sinn unseres Vereins, die Leute dazu zu motivieren, das Studium trotzdem durchzuziehen, denn je mehr wir werden, desto einfacher wird es für die, die nach uns kommen.
Ich fände es wichtig, Bewusstsein dafür zu wecken, dass das Recht keinen Selbstzweck erfüllt, sondern für Menschen gemacht wird, Menschen dient und nicht umgekehrt. Dies sollte stärker Eingang in die Ausbildung finden. Das kann schon damit beginnen, dass Räume dafür geschaffen werden, um über Recht und Diskriminierung zu sprechen. Ich sehe insbesondere diejenigen, die künftige Generationen von Jurist:innen ausbilden, in der Verantwortung, mit diesen Dingen sensibler und geschärfter umzugehen und Ausbildungsmuster nicht einfach zu übernehmen, nur weil sie schon immer so waren.
Ich bin für den integrierten Bachelor, damit man auch vor dem Examen schon einen Abschluss hat. Viele Freund:innen, die zeitgleich mit mir angefangen haben, sind schon längst in ihrem Master und ich hänge immer noch beim Staatsexamen fest. Es sollte ein Sicherheitsnetz geben.
Unseren Verein gibt es seit Februar 2022, nachdem wir uns ein Jahr während der Pandemie unverbindlich zunächst in einer kleineren Gruppe online getroffen hatten. Die Treffen haben sich dann rumgesprochen und wir sind immer mehr geworden, bis wir schließlich beschlossen haben, dass wir uns nicht nur austauschen, sondern auch etwas verändern wollen. Dafür mussten wir uns irgendwie organisieren. Der Verein ist inzwischen von den 18 Gründungsmitgliedern auf 110 herangewachsen. Für uns als Vorstand eine riesige Herausforderung, weil wir eigentlich gar keine Erfahrung in Vereinsarbeit hatten.
Ja, dafür läuft es echt ziemlich gut und ich bin stolz darauf, was wir auf die Beine gestellt haben. Wir organisieren zum Beispiel regelmäßige Kamingespräche, wo wir Jurist:innen einladen, die von ihrem Werdegang erzählen, um so sichtbare Vorbilder zu schaffen für die Mitglieder aus unserem Verein, die jetzt noch in der Ausbildung sind. Und im November veranstalten wir eine Fachtagung in Berlin.
Der Hauptauslöser war Nellys und mein Engagement in der Initiative „N-Wort stoppen“, die als Reaktion auf ein Urteil des Landesverfassungsgerichts in Mecklenburg-Vorpommern entstanden ist.
Ein AfD-Abgeordneter hatte im Landtag das N-Wort gesagt, wurde dafür gerügt und hat dagegen geklagt. Das Gericht hat ihm mit der Begründung rechtgegeben, dass das N-Wort ja nicht immer diskriminierend sei. Dass es so ein Urteil auf höchster Instanz geben kann in Deutschland, hat bei uns beiden als Jurist:innen ein massives Störgefühl ausgelöst. Wir haben uns gefragt, ob ein solches Urteil möglich gewesen wäre, wenn eine Schwarze Person gefragt worden wäre, oder vielleicht sogar eine Schwarze Person mitentschieden hätte. Als wir im Rahmen der Initiative über den Fall aus juristischer Sicht schreiben wollten, haben wir uns auf die Suche nach Volljurist:innen gemacht, die uns hierbei ein bisschen unterstützen könnten. Und da ist uns aufgefallen, dass wir, obwohl wir fast am Ende unserer Ausbildung standen, keine einzige Schwarze Volljurist:in kannten. Und googlen kann man das ja auch schlecht. Also brauchten wir ein Netzwerk.
Ich bin davon überzeugt, dass es in Deutschland sehr viele Richter:innen gibt, die ganz unabhängig von ihrer Hautfarbe in der Lage sind, sich in unterschiedliche Perspektiven hineinzuversetzen und faire Urteile zu fällen. Dieses konkrete Beispiel war so schockierend, weil das N-Wort für die meisten, die damit schon mal konfrontiert waren, auf flagrante Art und Weise für Rassismus steht. Die Tatsache, dass das Gericht die Diskriminierungswirkung des Wortes vom Kontext abhängig gemacht hat, zeigt, dass es ggf. nicht die Notwendigkeit gesehen hat, sich mit den geschichtlichen Hintergründen auseinanderzusetzen.
Die Kanzlei, in der ich arbeite, Dentons (größte Kanzlei der Welt, in 80 Ländern; Anm.d.R.), ist sehr divers aufgestellt, deswegen kann ich mir das auch vorstellen, dort später tätig zu werden. Mir ist Diversität im Job wichtig, weil es mich schon im Studium glücklich und zuversichtlich gemacht hat, zu sehen, dass es Menschen gibt, die so aussehen wie ich und auch Jura studiert haben.
Meiner Meinung nach kann es Arbeitsprozesse nur bereichern, wenn Personen mit unterschiedlichen Persönlichkeiten und Hintergründen in der Arbeitswelt aufeinandertreffen. Sei es die Hautfarbe, das Geschlecht, sexuelle Orientierung, Identität, ich glaube fest daran, dass die damit verbundenen unterschiedlichen Erfahrungen und Sichtweisen positiv zusammenwirken können. Ein Karriereweg, bei dem gar kein Wert darauf gelegt wird, Diversität ehrlich zu fördern, wäre für viele von uns sicher nicht der richtige, weil das doch frustriert auf Dauer.
Das ist sicherlich manchmal ein Problem, vergleichbar mit Greenwashing. Aber es ist zumindest besser als nichts und es bleibt einem jeden selbst überlassen, den Kanzleien, die mit diesen Schlagworten werben, auf den Zahn zu fühlen und zu schauen: Wie sieht denn die Arbeit konkret aus? Gibt es Förderprogramme und Vernetzungsangebote auch während der Arbeitszeit? Sind die Chefs ernsthaft daran interessiert, zu verstehen, warum uns bestimmte Dinge wichtig sind? Ich finde es gut, dass heutzutage Unternehmen, Kanzleien usw. darauf achten und verstehen, dass unsere Gesellschaft sich verändert und dass Menschen Vielfalt erwarten
Tatsächlich organisieren wir zusammen mit dem Verein Multikultureller Jurist:innen ein Austauschformat zum Thema „Vielfalt in der Justiz“, bei dem wir uns der Frage widmen, was Schwarze Menschen, BIPoC und Menschen mit Migrationsgeschichte von einer Justizkarriere abschreckt und wie dieser Karriereweg inklusiver und attraktiver werden kann. Die Ergebnisse wollen wir in einem zweiten Schritt auch mit Vertreter:innen der Justiz und Entscheidungsträger:innen diskutieren. Als Referendar nehme ich die Justiz als einen sehr weißen Ort wahr, bei uns im Verein sind auch nur zwei Richter:innen und zwei Staatsanwält:innen von über 100 Mitgliedern.
Die Fachtagung steht unter dem Titel „Zugang zu Recht für Menschen afrikanischer Abstammung in Deutschland – Herausforderungen und Lösungsansätze“. Hier wollen wir verschiedene Aspekte beleuchten, z.B. die Perspektive der Rechtssuchenden oder die Frage des Zugangs zu bestimmten juristischen Posten. Wir haben als Programm Podiumsdiskussionen und Workshops geplant, auch um einen Eindruck davon zu bekommen, wie die aktuelle Situation ist und welche Lösungsvorschläge wir für uns formulieren können, die dann hoffentlich auch Eingang in politische Forderungen finden.
Weil du jetzt „intuitiv“ gesagt hast: Mir fällt direkt das Stichwort „Betroffenen zuhören“ ein. Das passt zu vielen unterschiedlichen Arten der Diskriminierung und kommt manchmal viel zu kurz. Es ist so wichtig, Raum für Perspektiven, Sichtweisen, Erfahrungen zu schaffen, Räume, damit betroffene Menschen sich mitteilen und Lösungsvorschläge machen können.
Wir bekommen viele Anfragen von Schwarzen Personen, die sich Rechtsberatung durch Schwarze Jurist:innen wünschen, weil sie das Gefühl haben, dass sie einfach nicht ernst genommen werden von weißen Anwält:innen. Als Notlösung vermitteln wir unsererseits Rechtsberatung von Schwarzen Personen für Schwarze Personen. Aber natürlich wäre es wünschenswert, wenn es das nicht bräuchte, weil jede Person mit ihrem Anliegen, egal ob sie zu einem Schwarzen oder weißen Anwalt geht, gleichsam ernst genommen wird. Rassismus ist etwas, das erlernt wurde und das deshalb auch aktiv verlernt werden muss. Es kann zum Beispiel helfen, sich als rechtsberatende oder auch rechtssprechende Person selbst zu reflektieren und zu fragen: Warum nehme ich dieses Anliegen nicht ernst? Spreche ich bei einer BIPoC ein härteres Urteil oder beantrage als Staatsanwalt eine höhere Strafe, als ich das bei einer weißen Person in derselben Situation gemacht hätte?
Klar, das wäre erstrebenswert. Auch wenn es viele Antirassismus-Trainer:innen in verschiedenen Bereichen gibt, wäre es sicher gut, das auf den juristischen Bereich noch genauer zuzuschneiden. Gleichzeitig ist es auf Dauer etwas frustrierend, als Betroffene immer diejenigen zu sein, die da so viel Zeit und Energie reinstecken. Natürlich macht uns die Vereinsarbeit auch Spaß und wir haben Erfolgserlebnisse, aber letzten Endes ist ja eigentlich nur unser Ziel, einfach ganz normal unser Leben zu leben, wie jeder andere auch und Jura zu studieren, ohne sich um Diskriminierung Sorgen zu machen. Idealerweise wird unser Verein irgendwann überflüssig, weil es diese Probleme nicht mehr gibt. Und auch wenn sich da in den letzten Jahren schon viel getan hat, sehen wir eine gesellschaftliche Entwicklung, die krass in die andere Richtung geht, was uns allen Sorgen macht. Als einzelne Person oder kleine Gruppe ist die Bedrohung besonders groß. Aber der Verein gibt uns Sicherheit, weil wir wissen, dass es im Zweifelsfall eine Gruppe gibt, in der sich alle gegenseitig unterstützen, wenn es darauf ankommt und das ist einfach ein sehr gutes Gefühl.
Ivie Gabriel studiert Jura an der Ruhr- Universität Bochum.
Nelly Bihegue ist Referendarin am Oberlandesgericht Köln
Timo Peters ist Referendar am Oberlandesgericht Hamburg. Er und Nelly Bihegue sind zusammen mit Edith Mayungululu Vorstandsvorsitzende des Afro-Deutsche Jurist:innen e.V.
* Redaktionelle Anmerkung: „Schwarz“ wird hier großgeschrieben, weil es sich dabei nicht um eine reelle „Eigenschaft“, sondern um eine Selbstzuschreibung von Menschen mit gemeinsamen Rassismuserfahrungen handelt.
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