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Die Flexibilität im Studium gibt dir zwar die Möglichkeit, Vorlesungen und Seminare nach eigener Planung zu besuchen, verlangt aber auch größtmögliche Disziplin. Dabei sind die Anforderungen an deine eigene Disziplin im Jurastudium besonders hoch. Du allein trägst die Verantwortung für deinen Erfolg, und diese Verantwortung kann sehr belastend sein. Deshalb solltest du bei der Organisation deines Studiums stets an deine psychische Gesundheit denken.
Die meisten Studiengänge arbeiten mit Modulen. Ist ein Modul abgeschlossen, können die dazugehörigen Unterlagen häufig zur Seite gelegt werden. Wie du sicher schon gemerkt hast, ist das im klassischen Jurastudium, das auf den Abschluss mit dem Ersten Staatsexamen abzielt, jedoch ganz anders.
Im Grundstudium gibt es noch große Überschneidungen zu anderen Studiengängen: fest eingeplante Vorlesungen, die mit einer Vorlesungsabschlussklausur enden, teilweise Anwesenheitspflichten in AGs oder Seminaren, Hausarbeiten in der vorlesungsfreien Zeit und Pflichtteile für das Bestehen der Zwischenprüfung. Doch anders als die meisten Studiengänge endet das Jurastudium mit einem anspruchsvollen Examen, in dem du alles drauf haben musst, was du seit dem ersten Semester gelernt hast.
Damit die Menge an Stoff und die fordernden Lerneinheiten nicht zu einer Überlastung führen, solltest du dir möglichst früh zwei Fragen stellen: Wie lerne ich und wieviel lerne ich? Bei beidem gibt es verschiedene Techniken und Aspekte, die zu beachten sind.
Ein fehlendes Lernsystem macht sich spätestens in der Examensvorbereitung bemerkbar. Wer sich erst wenige Monate vor dem Juristischen Examen für eine bestimmte Karteikartengröße oder ein Farbsystem entscheidet, vergeudet kostbare Lernzeit. Deshalb ist es wichtig in den ersten Semestern ein eigenes Ordnungs- und Lernsystem aufzubauen und dieses dann durchzuziehen. Das könnte zum Beispiel so aussehen: kleine Karteikarten für Definitionen, größere für umfangreiche Probleme, verschiedenfarbige Boxen und Ordner für die unterschiedlichen Themen oder Rechtsbereiche. Das alles hilft, den Überblick zu behalten.
Die Wichtigkeit einer eigenen Struktur sollte für das erfolgreiche Jura Lernen nicht unterschätzt werden, denn ein durchdachtes System spart Zeit und kann dich auch noch durchs Referendariat bringen.
Unser Tipp: Zwar sind Markierungen im Gesetz im Ersten Staatsexamen nicht erlaubt, einige Bundesländer geben aber die Möglichkeit, Klebezettel (in beliebiger Anzahl und an beliebiger Stelle) in die Gesetze zu heften. So lässt sich ganz einfach das ewige Blättern umgehen.
Dass einmal Gelerntes häufig wiederholt werden muss, um einen langfristigen Lernerfolg zu erzielen, ist kein Geheimtipp. Trotzdem neigen Jura-Studierende häufig dazu, das Wiederholen zu verschieben. Auch die immer wiederkehrenden Hinweise der Professor:innen ändern daran nichts. Es kommt nicht selten vor, dass in der Examensvorbereitung die kompliziertesten Fälle durchdacht werden, bei den Definitionen zum Betrug aber immer wieder überlegt werden muss. Natürlich: Arbeiten mit neuen Fällen ist ja auch viel spannender, als immer wieder die gleichen Sätze und Stichpunkte auswendig zu lernen. Aber in der sicheren Wiedergabe von Standardproblemen und -definitionen liegt eben immer noch ein großer Teil der Examensleistung.
Wichtig ist es daher, eine gute Mischung zu finden. Die Kompetenz, komplizierte Fälle durchdenken und verstehen zu können, macht euch zu guten Jurist:innen. Die Fähigkeit Definitionen und Streits sicher wiedergeben zu können, ist unerlässlich für gute Bewertungen im Studium. Da beides für eine erfolgreiche berufliche Laufbahn notwendig ist, solltest du auch für beides genügend Zeit in deinen Lernplan einbauen.
Was du dagegen – jedenfalls in der Examensvorbereitung – getrost unter den Tisch fallen lassen kannst, ist das einmalige Lesen von vermeintlich wichtigen Entscheidungen, nur „um schon mal davon gehört zu haben“. Das befähigt dich vielleicht zu einem selbstgefälligen Nicken, wenn in der Lerngruppe ein bekanntes Stichwort fällt, aber durchs Examen bringt dich dieses Vorgehen nicht.
Also: Lieber (halbwegs) Bekanntes wiederholen bis es richtig sitzt, als der 12. Fußnote zu einer Mindermeinung in einer Entscheidung von 1986 nachzugehen.
Außerdem wollen wir dir noch ganz konkrete Tipps an die Hand geben: 5 Jura-Lernmethoden, die dir das Lernen für Jura hoffentlich etwas erleichtern!
Weltweit bekannt: die Pomodoro-Technik. Der Name dieser recht simplen Lerntechnik leitet sich vom italienischen Wort für Tomate ab. Dabei handelt es sich um eine Technik zur effektiven Zeiteinteilung beim Lernen. Eine Lerneinheit wird pomodoro genannt und besteht aus fünf einfachen Schritten: 1. Aufgabe schriftlich formulieren, 2. Wecker auf 25 Minuten stellen, 3. Aufgabe konzentriert, ohne Ablenkung bearbeiten, 4. Aufgabe abhaken und 5. schließlich 5 Minuten Pause machen. Nach vier pomodori machst du 15-20 Minuten Pause.
Die Technik kombiniert die allseits bekannte Visualisierung bestehender Aufgaben mittels To-Do-Liste mit einem einfachen Zeitmanagement. Das befriedigende Gefühl beim Abhaken der Aufgaben und das Erfolgserlebnis nach jeder bewältigten Einheit werden hier aufgegriffen und mit einer effektiven Einteilung der Lernzeit gepaart. Durch die klare Abgrenzung von Arbeitszeit und Pause versucht die Pomodoro-Technik die Ablenkung durch gedankliches Abschweifen oder durch äußere Umstände auf ein Minimum zu reduzieren. Bei der Anwendung dieser Technik versteht es sich daher von selbst, dass das Handy außer Reichweite liegt und keine Tabs nebenbei geöffnet sind.
Ein wichtiger, zusätzlicher Bestandteil dieser Methode ist die nachträgliche Selbstreflexion anhand der abgehakten Aufgaben. So lässt sich die Technik besser verinnerlichen und auf ihre individuelle Effektivität überprüfen. Die ursprüngliche Technik setzt die Zeiten strikt fest. Unserer Meinung nach ist die Technik aber flexibel an dein Jurastudium anpassbar. Je nach Schwierigkeitsgrad der Aufgabe und persönlicher Konstitution können Pausenlängen angepasst werden. Wichtig ist aber, dass die Länge der Arbeits- und Pausenintervalle nicht überdehnt und vor Beginn der Arbeit festgesetzt wird. Wenn du dich nicht an die Zeiten hältst, kannst du schnell wieder in die Prokrastination oder Überarbeitung fallen.
Während die Pomodoro-Methode die Organisation des Lernens in zeitlicher Hinsicht umfasst, geht es bei der Mnemotechnik um die Art und Weise der Einprägung. Vor allem beim Auswendiglernen examensrelevanter Inhalte wird dieser simple Trick zur optimalen Gedächtnisleistung gerne verwendet. Indem du an bekannte Wörter, Bilder und einfache Strukturen in deinem Gehirn anknüpfst, sind die unbekannten Informationen deutlich stärker verankert, als beim Aufbau völlig neuer Strukturen. Eine neue Sprache, die einer dir bekannten Sprache ähnlich ist, lässt sich bekanntlich auch viel leichter erlernen als eine völlig fremde.
Eine einfache Form der Mnemotechnik sind Eselsbrücken. Schon als Kinder haben wir sie kennen und lieben gelernt. Dabei gibt es hier große Unterschiede in der Qualität. Logischerweise bleiben uns die Eselsbrücken am meisten im Kopf, die wir in besonderen Situationen kennen gelernt haben, die sich reimen oder auch die, die einfach nur witzig sind. Je mehr Verknüpfungen mit bekannten Strukturen hergestellt und je mehr Teile unseres Gehirns beim Erfassen von neuen Informationen beansprucht werden, desto leichter bleiben die neuen Informationen im Kopf. Das Internet ist voll von Seiten mit juristischen Eselsbrücken. Geh ruhig mal ein paar davon in deiner Lerngruppe durch oder denkt euch am besten selbst welche aus.
Wenn du mehr mit der Mnemotechnik lernen möchtest, kannst du es auch mit der Technik des Gedächtnispalasts versuchen. Hierbei wird in Gedanken ein Gebäude erbaut, das je nach Umfang des Lernstoffs mit unterschiedlich vielen Räumen ausgestattet ist. Das Gebäude ist beliebig erweiterbar und kann jede denkbare Form haben. Der Fantasie sind schließlich keine physikalischen Grenzen gesetzt. Mit der gedanklichen Visualisierung in Räumen lassen sich im Jurastudium große Mengen an Stoff ordnen und bei der richtigen Ordnung später auch wiederfinden. Dabei gilt wie im echten Leben: Je öfter du eine Schublade öffnest – oder in diesem Fall die Türen in deinem Gedächtnispalast –, desto bekannter ist dir deren Inhalt.
Wer gut mit Bildern und Visualisierungen arbeiten kann, sollte sich auch einmal am Lernen mit Sketchnotes versuchen. Auch diese Lernmethode nutzt die Funktionsweise der Mnemotechnik. Du kombinierst beim Lernen komplizierte Sachverhalte mit simplen Zeichnungen und Grafiken. Diese Technik lässt sich nicht nur beim Lernen zu Hause anwenden, sondern auch ganz leicht direkt in die Vorlesung oder Klausur integrieren. In der Lösungsskizze lassen sich Sachverhalte leicht ordnen und verstehen. Auch deine Notizen und Karteikarten bekommen einen ganz besonderen Charme, der das spätere Auswendiglernen aufpeppt. Dabei ist für den Lernerfolg sogar egal, wie gut man malen kann. Versprochen!
Man kann es nicht oft genug sagen: Ein erholsamer Schlaf muss vor allem in der Examensvorbereitung oberste Priorität haben. Nicht nur für eine optimale Gehirnleistung, sondern vor allem für die psychische Gesundheit. Wer starke Schlafstörungen hat, sollte sich dringend ärztlich beraten lassen. Schlafstörungen und wiederkehrende Unruhezustände sind häufig die ersten Zeichen sich anbahnender psychischer Probleme. Aber auch leichtere Ein- und Durchschlafprobleme solltest du nicht ignorieren und dringend etwas für deine Schlafhygiene tun. Der Schlaf lässt sich durch viele äußere Faktoren beeinflussen. Daher solltest du bei der Organisation deines Selbststudiums Aspekte wie Sport, Spaziergänge oder auch Meditation fest in deinen Lernplan einbauen. „Keine Zeit“ ist kein Argument, wenn es um Entspannung im Jurastudium geht. Auch alternative Therapien, die mit Massage, Hypnose oder Akkupunktur arbeiten, können für die Erholung wahre Wunder wirken.
Eine Kombination aus verschiedenen Jura-Lernmethoden kann die Wahrscheinlichkeit für ein erfolgreiches Jurastudium maximieren. Die Examensprüfungen stellen uns aber nicht nur fachlich vor riesige Herausforderungen: Aufgaben, mit denen die Prüflinge nicht rechnen und Anforderungen, die unmöglich in 5 Stunden zu bewerkstelligen sind. Rauchende Köpfe und Schmerzende Hände. Das veraltete System der juristischen Ausbildung ist dringend reformbedürftig. Auch die beste Lerntechnik ist leider nicht immer von Erfolg im Examen gekrönt. Mache dir klar, dass du nicht schlecht bist und dass es (fast) allen so geht. Evaluiere deinen Anspruch an die eigene Leistung stetig und passe ihn an die Anforderungen des Arbeitsmarkts an. Welche Leistungen sind in deiner Lebenssituation realisierbar? Welche Noten benötigst du wirklich? Was willst du eigentlich? Und die Antwort auf diese Fragen sollte besser nicht sein: „Ich will ein Voll Befriedigend um jeden Preis“. Viel wichtiger, als die richtige Lernmethode zu finden, ist bei allem das Streben nach Zufriedenheit mit der eigenen Leistung.
Es ist okay nicht zu genügen. Damit bist du im Jurastudium definitiv nicht allein. Ein Lernsystem und die richtige Methoden können dir helfen, deinen vom Examensdruck geprägten Alltag zu strukturieren und dich zum Lernen zu motivieren. Falls du es aber nicht schaffst, die Technik anzuwenden oder lange durchzuhalten, dann mach dich nicht verrückt. Probiere einfach etwas Anderes aus. Finde deinen eigenen Weg. Halte durch.
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