„Future Skills“ im Jurastudium – Bereitet das Jurastudium auf die Zukunft vor?

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Bereitet das Jurastudium auf die Zukunft vor?
Die juristische Welt verändert sich aktuell schneller denn je, was die juristische Ausbildung vor die Frage stellt, was Jurist:innen von morgen eigentlich können müssen. Wie gut bereiten aber die Universitäten Studierende auf diese sich wandelnde Welt vor?

Eine Studie des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) beschäftigt sich in der Studie „Future Skills in der Hochschullehre: Relevanz und Umsetzungsstand im Fächervergleich“ genau mit diesem Thema. Aus dieser lässt sich ablesen, inwiefern das Jurastudium auf die Zukunft vorbereitet und wo noch Potenzial zur Entwicklung besteht.

Was sind „Future Skills“ überhaupt?

„Future Skills“ sind Handlungskompetenzen, die Menschen befähigen, in sich schnell
wandelnden Situationen selbstorganisiert komplexe Probleme zu lösen und
handlungsfähig zu bleiben. Es geht hierbei also vor allem um überfachliche Fähigkeiten.
Typische Beispiele sind: kritisches Denken, Problemlösungsfähigkeit oder
Selbstorganisation. In einer Welt, in der juristische Datenbanken Wissen in
Sekundenschnelle ausspucken, verschiebt sich der Wert der Jurist:innen, weg vom
wandelnden Lexikon hin zum strategischen Problemlöser. Man kann sich „Future Skills“
also wie ein Immunsystem für den Arbeitsmarkt von morgen vorstellen. Mit diesen
„Skills“ kann auf Veränderungen passend reagiert werden.
Der Aspekt dieser Skills ist nicht völlig neu, jedoch liegt der Fokus an Universitäten
traditionell besonders auf der Vermittlung fachlicher Inhalte. Die Entwicklungen der
letzten Jahre spielen dabei eine große Rolle, denn die Digitalisierung, Globalisierung
sowie der Einsatz von Ki rücken „Future Skills“ immer mehr in den Vordergrund.
Universitäten sollen demnach auch verstärkter neben Fachwissen auch andere
Kompetenzen fördern. Deshalb hat das CHE eine Befragung von 9.000 Professor:innen
verschiedenster Fächer und Universitäten durchgeführt. Die Professor:innenn sollten
dabei angeben, inwiefern sie bestimmte „Future Skills“ in ihren Lehrveranstaltungen
fördern würden. Die „Future Skills“ umfassten siebzehn Nicht-digital-Kompetenzen und
fünf digital-Kompetenzen.

Fehlende digitale Kompetenzen an Universitäten

Die Ergebnisse sind ernüchternd, aber kaum überraschend. Die nicht-digitalen
„Future Skills“, bis auf die Resilienz und Missionsorientierung, werden zumindest
ausreichend gefördert. Allerdings ist fachübergreifend festzustellen, dass gerade die
eigentlich wegweisenden Fähigkeiten der digitalen Welt oft zu kurz kommen. Gerade bei
sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Fächern werden digitale Kompetenzen kaum
gefördert. Wie sieht das Ganze aber nun aus bei Jura, einem Studium, welches stark auf
methodische und analytische Fähigkeiten ausgerichtet ist?

Radar-Diagramm eines Future-Skills-Kompetenzprofils mit 22 Dimensionen. Höchste Werte: Kommunikation (97%), Kreativität (96%), Lernkompetenz (92%), Interkulturelle Kommunikation (91%). Starke Werte: Eigeninitiative (87%), Resilienz (87%), Selbstorganisationskompetenz (86%), Ambiguitätskompetenz (85%), Problemlösekompetenz (80%). Mittlere Werte: Kollaboration (79%), Urteilskompetenz (ca. 78%), Digitale Ethik (75%), Innovationskompetenz (68%), Veränderungskompetenz (65%), Digitales Lernen (65%), Dialog-/Konfliktkompetenz (64%), Entscheidungskompetenz (62%), Missionsorientierung (ca. 60%). Niedrigste Werte: Digital Literacy (59%), Agiles Arbeiten (59%), Digitale Kollaboration (58%), Kritisches Denken (ca. 90% – geschätzt). Dieser Text wurde mit KI erstellt
Darstellung der Förderung von "Future Skills" fächerübergreifend in Lehrveranstaltungen an deutschen Universitäten. © Centrum für Hochschulentwicklung

„Future Skills“ in der Rechtswissenschaft – Ergebnisse der Studie

Nicht verwunderlich wird in Jura gerade auf eine hohe Urteils- und
Entscheidungskompetenz gesetzt. Auch kritisches Denken, sowie das Lösen von
Problemen wird ausreichend gelehrt.

Radar-Diagramm eines Future-Skills-Kompetenzprofils mit 22 Dimensionen. Höchste Werte: Kreativität (94%), Resilienz (93%), Problemlösekompetenz (91%), Ambiguitätskompetenz (89%). Mittlere Werte: Urteilskompetenz (ca. 82%), Kommunikation (ca. 75%), Kritisches Denken (ca. 72%), Agiles Arbeiten (70%), Innovationskompetenz (ca. 70%), Kollaboration (69%), Interkulturelle Kommunikation (69%), Digital Literacy (ca. 68%), Entscheidungskompetenz (ca. 66%), Digitale Ethik (ca. 65%), Dialog-/Konfliktkompetenz (64%). Niedrigste Werte: Eigeninitiative (62%), Selbstorganisationskompetenz (62%), Veränderungskompetenz (62%), Digitale Kollaboration (ca. 60%), Missionsorientierung (ca. 58%), Lernkompetenz (57%), Digitales Lernen (ca. 55%). Dieser Text wurde mit KI erstellt
Darstellung der Förderung von "Future Skills" in rechtswissenschaftlichen Lehrveranstaltungen an deutschen Universitäten. © Centrum für Hochschulentwicklung

Blickt man auf die anderen „Future Skills“, zeigt sich ein ernüchterndes Bild. Zunächst
fällt auf, dass im Vergleich zum allgemeinen Stand der „Future Skills“ das Studium der
Rechtswissenschaften eines der lückenhaftesten Future-Skills-Profile ist. Daneben
sticht ins Auge, dass die digitalen „Future Skills“ praktisch nicht gefördert werden.
Weiter zeigen sich auch erhebliche Mängel bei Kollaboration, interkultureller
Kommunikation oder Resilienz. Gerade diese Aspekte werden in der juristischen Welt deutlich an Bedeutung gewinnen. Kanzleien setzen mittlerweile technologisches Verständnis oftmals voraus. Routineaufgaben werden häufig jetzt schon durch Legal Tech erledigt. Auch beim Einsatz von KI verändert sich einiges. Zum Beispiel erwarten laut dem Beck Stellenmarkt Ratgeber 73 % der Juristen, dass KI bald Teil ihrer täglichen Arbeit wird.
Neben KI kommt es auch immer häufiger vor, dass neben dem juristischen Fachwissen
Interdisziplinarität gefragt ist. Die Jurist:innen der Zukunft sind gerade auch ein
Bindeglied zwischen Recht, Technologie und Wirtschaft. Weiter sind auch „Future
Skills“ wie Kommunikation beziehungsweise gerade interkulturelle Kommunikation
gefragt. Denn die Zusammenarbeit mit internationalen Kolleg:innen ist längst
Normalität. Hinzu kommt auch, dass in größeren Kanzleien ein hoher Zeitdruck herrscht
und somit Resilienz eine wichtige Fähigkeit ist und bleiben wird.
Bei Betrachtung dieser Umstände erscheint es sehr befremdlich, dass gerade die
Fähigkeiten, die in einer modernen Rechtslandschaft entscheidend sind, im Studium
kaum gelehrt werden. Bei einem näheren Blick in die Struktur des Jurastudiums wird
jedoch einiges klarer.

Struktur und Kompetenzprofil des Jurastudiums

Das Jurastudium ist besonders auf methodische und analytische Fähigkeiten
ausgerichtet. Einige Eigenheiten des Jurastudiums erklären, warum das Studium aktuell
so unzureichend auf die Zukunft vorbereitet.

Übermäßige Examensorientierung

Einer der Gründe ist die übermäßige Klausurorientierung. Das Studium ist rückwärts
vom Examen her geplant. Es geht ausschließlich um die Staatsexamina, Studierende
ignorieren daraus schlussfolgernd alles, was nicht examensrelevant ist. Das heißt sogar,
wenn den Studierenden etwas außerhalb des rein juristischen Studiums gelehrt wird,
vergessen es die Studierende sofort nach Abschluss der Einheit. Somit bleiben „Future
Skills“ auf der Strecke.

Individualisierte Lern- und Prüfungsstruktur

Zum anderen bildet das Jurastudium vor allem Einzelkämpfer:innen aus. Obgleich
Klausuren, Hausarbeiten oder das Examen, faktisch wird jede einzelne Leistung alleine
erbracht, alleine bewertet und auch alleine bestanden oder eben auch nicht. Zwar findet man sich ab und zu zusammen, etwa in Lerngruppen, aber das ist keine
zwingende Anforderung oder systematisch gewollt. Es ist theoretisch möglich das Erste
Staatsexamen zu erreichen, ohne auch nur mit einer einzigen Person geredet zu haben.
Darunter leiden kommunikationsbezogene „Future Skills“ wie die (interkulturelle)
Kommunikation oder Kollaboration.

Geringe Interdisziplinarität

Grundsätzlich ist das Jurastudium ein geschlossenes System. Studierende lernen
juristische Probleme anhand von juristischen Methoden zu lösen. Andere Disziplinen
beziehungsweise andere Aspekte werden innerhalb des Studiums ausgeblendet. Das
hat vor allem mit der oben bereits genannten Examensorientierung zu tun. Verstärkend
kommt jedoch dazu, dass juristische Fakultäten oft organisatorisch und räumlich vom
Rest der Universitäten getrennt sind. Anrechenbare Fremdleistungen oder
fakultätsübergreifendes Engagement sind die Ausnahme und erfordern oft einen hohen
bürokratischen Aufwand. Dies verhindert, dass Studierende Perspektiven aus anderen
Wissenschaften kennlernen. Darunter leiden die „Future Skills“. Innovation zum Beispiel
entsteht immer da, wo unterschiedliche Wissensbestände aufeinandertreffen. Aber
auch die Missionsorientierung leidet: Die großen gesellschaftlichen Herausforderungen
wie auch der Klimawandel sind interdisziplinär. Juristen, die nur in Rechtskategorien
denken, können diese Probleme nicht durchsteigen.

Fehlende Feedbackkultur

Hinzu kommt , dass es im Jurastudium wenig systematisches, konstruktives Feedback
gibt. Die Vorlesungen sind meistens viel zu groß, in der AG herrscht ein hoher Zeitdruck
und das Feedback aus der Korrektur der Klausur besteht meistens nur aus der
Punktzahl. Die Entwicklung der einzelnen Studierenden wird kaum bis gar nicht
begleitet. Darunter leiden verschiedene „Future Skills“, allen voran die
Veränderungskompetenz. Ohne Feedback ist nämlich kein gezieltes Wachstum möglich
und demnach wird die Möglichkeit zur Veränderung durch Feedback nicht trainiert. Aber
auch die Resilienz leidet, weil Scheitern dadurch selten als Lernchance verstanden
wird, sondern fast ausschließlich als Misserfolg.

Langsame Integration digitaler Kompetenzen

Auch die Digitalisierung ist im Jurastudium alles andere als angekommen. Bislang gibt
es das E-Examen nur teilweise in einzelnen Bundesländern, geschweige denn den
Einsatz von technologischen Hilfsmitteln. KI, Datenbanken oder Legal-Tech dürfen nicht
verwendet werden. Dadurch lernen Studierende unterbewusst: „Ich muss es selbst
wissen, ohne Hilfsmittel“. Diese Denkweise ist dabei das genaue Gegenteil von dem,
was die zukünftige Arbeitswelt verlangt. Wenn Studierende nun ihr ganzes Studium
gegen Legal-Tech ankämpfen, dann werden diese vermutlich auch nicht intuitiv im Beruf
angewendet. Gerade die „Future Skills“ Digital Literacy und Agiles Arbeiten werden
somit durch eine zu langsame Integration von Technologien in das Studium sabotiert.

Das Jurastudium hat somit nicht nur ein didaktisches Problem, es ist der strukturelle
Mechanismus, der Defizite produziert und aufrechterhält. Solange vor allem das
Staatsexamen alles dominiert, was im Studium als wertvoll gilt, werden „Future Skills“
systematisch als irrelevant aussortiert – unabhängig davon, wie dringend sie die
Berufswelt einfordert.

Reformbedarf im Kontext

Die Schlussfolgerung muss also sein: Die Juristen von morgen müssen auch besser auf
die Welt von morgen vorbereitet werden. Das Studium darf diese Kompetenzen nicht
aus dem Blick verlieren. Es braucht deswegen dringend Reformen.
Zum aktuellen Zeitpunkt erscheint es jedoch unrealistisch das Staatsexamen an sich
vollständig zu reformieren. Die Universitäten könnten die Prüfungsformate auch
innerhalb des bestehenden Systems verändern. Besonders der Schwerpunktbereich
sollte noch viel stärker als ohnehin schon als Experimentierraum genutzt werden. Hier
könnte der Fokus auf „Future Skills“ liegen und trotzdem würde das Staatsexamen in
seiner bestehenden Form weiter existieren.

Hausarbeiten machen bereits vor, wie die individualisierte Lern- und Prüfungsstruktur
gelockert werden könnte. Diese werden in der Praxis bereits jetzt schon oft in
Gruppenarbeit erledigt. Da stellt sich doch die Frage, wieso dies nicht direkt von der
Universität angestoßen wird. Eine Prüfung im Team-Format. Die Studierenden müssten
hier zusammenarbeiten und würden ihre „Future Skills“ wie zum Beispiel die
Kollaboration schärfen. Pflicht-Moot-Courts und der Ausbau von Law Clinics würden
parallel ihr Übriges beitragen.

Realistische Lösungsansätze gibt es auch für die fehlende Interdisziplinarität.
Fachfremde Leistungen müssen anrechenbar sein. Module aus Informatik, BWL oder
Naturwissenschaften müssen häufiger als vollwertige Studienleistung anerkannt
werden. Das würde die Kalkulation vieler Studierender sofort ändern: Interdisziplinarität
wird vom Risiko zur Investition. Auch hier wäre das Schwerpunktstudium ein guter
Zeitpunkt. Joint Modules, also gemeinsame Vorlesungen mit anderen Fakultäten,
würden die Interdisziplinarität fördern. Gastvorlesungen von Nicht-Juristen als reguläre
Lehrende würde auch mehr sichtbar, wie Recht in andere Disziplinen wahrgenommen
und gebraucht wird. Für diese Verbesserung bräuchte es übrigens auch keine
Gesetzesänderung, sondern lediglich eine Änderung der Studienordnung.

Die Feedbackkultur ließe sich im Vergleich sogar noch einfacher verändern. Statt die
Klausurnote einfach als Zahl online im Universitätsaccount einzustellen, wäre es viel
hilfreicher, die Rückgabe der Klausuren als Lehrveranstaltung zu gestalten: Was war gut
und was könnte man nächstes Mal besser machen? Scheitern wird dadurch
normalisiert und als Entwicklungsimpuls verstanden. Auch könnte es Weiterbildung für
die Lehrenden selbst geben, um mehr auf entwicklungsorientiertes, statt rein
bewertungsorientiertes Feedback zu setzen. Die „Future Skills“ der Veränderungskompetenz und auch die Resilienz könnten damit unterbewusst besser
vermittelt werden.

Gegen die langsame Integration von digitalen Kompetenzen gibt es derzeit schon im
aktuellen Zeitpunkt Lösungsansätze, die nur besser integriert werden müssen. Klar ist:
Das E-Examen sollte in ganz Deutschland eingeführt werden. Stift und Papier wirken
heutzutage eher wie ein Relikt der Vergangenheit und sind im Alltag kaum noch relevant.
Diese Entwicklung muss auch im Studium stattfinden. Für die Implementierung von
Legal Tech sind auch wieder die Hausarbeiten ein gutes Beispiel. Hier werden bereits
Datenbanken von Beck-online oder Juris anerkannt. Auch in Klausuren könnte dieses
System gut funktionieren. Das würde das Auswendiglernen von Urteilen verhindern,
sondern die Fähigkeit prüfen, in kurzer Zeit rechtssicher zu recherchieren. Hier kämen
digitale „Future Skills“ vollständig zur Geltung.

Fazit

Solange das Staatsexamen alles dominiert, geraten die „Future Skills“ systematisch
unter die Räder. Die Lösungen müssen deshalb auf zwei Ebenen gleichzeitig ansetzen.
Zum einen innerhalb des bestehenden Systems, Universitäten müssen dabei ihren
vollen Spielraum nutzen, den sie haben, um „Future Skills“ zu fördern. Gerade das
Schwerpunktstudium und Hausarbeiten bieten einen guten Rahmen, um Strukturen zu
verändern, ohne allzu stark in das System Rechtswissenschaft eingreifen zu müssen.
Zum anderen durch einen strukturellen Wandel, also außerhalb des Systems. Der
Elefant im Raum ist und bleibt das Staatsexamen. Es ist das strukturelle Kernproblem,
warum „Future Skills“ kaum gefördert werden an juristischen Fakultäten. Es geht hierbei
nicht um eine gänzliche Abschaeung, sondern eher um eine Erweiterung. Ein
Staatsexamen, das technologieoeen ist, Kollaboration der Studierenden sowie
interdisziplinäres Denken fördert, würde die gesamte Anreizstruktur des Studiums
verändern. Das ist zwar leider aktuell politisch kaum umzusetzen, wäre jedoch die
nachhaltigste Lösung.

 

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Kurt Wippel