Feministisches Engagement schon im Studium – Die Sommerakademie Feministische Rechtswissenschaft

Hände halten feministische Plakate in die Höhe; Feministisches Engagement; Paragraphenzeichen; Feministische Rechtswissenschaft
Für diejenigen, die sich schon im Studium, im Referendariat oder zu Beginn des Arbeitslebens feministisch engagieren möchten, könnte die Sommerkademie Feministische Rechtswissenschaft eine tolle Möglichkeit sein, dies umzusetzen.
Nicht erst seit dem Fall Fernandes gegen Ulmen ist klar: Recht ist nicht geschlechtsneutral. Um FLINTA*-Personen zu schützen, ist noch so viel zu tun – auch im Jurastudium kommen diese Inhalte zu kurz. Die Sommerakademie Feministische Rechtswissenschaft will dazu beitragen, diese Lücke zu füllen. Für unseren nächsten Beitrag in der Reihe „feministische Rechtswissenschaft“ haben wir deshalb mit Friederike Schlüter aus dem Vorstand der Sommerakademie darüber gesprochen, was die Akademie erreichen will, wie man teilnehmen kann und warum sich ehrenamtliches Engagement lohnt – auch wenn es erstmal einschüchternd sein kann!

Die wichtigsten Fakten zur Sommerakademie Feministische Rechtswissenschaft:

  • Gegründet 2020
  • Ziel: Die Auseinandersetzung mit feministischen Perspektiven auf Recht fördern
  • Engagieren kann man sich im Verein und im Orga-Team
  • 2026 findet die Akademie vom 12. - 14. Juni in Halle an der Saale statt

 

Hier findet ihr weitere Informationen zur Sommerakademie und hier die Informationen zur Akademie 2026.

Hier geht's zum Instagram-Account der Akademie.

Zum Einstieg: Kannst du erklären, was die Sommerakademie Feministische Rechtswissenschaft ist?

Die Sommerakademie ist ein Projekt, das 2020 am Lehrstuhl von Prof. Dr. Nora Markard in Münster begonnen hat. Sie wurde von Student:innen und wissenschaftlichen Mitarbeitenden mit der Idee, feministische Inhalte ins Jurastudium zu integrieren, gegründet. Es ist kein Geheimnis, dass sich im Studium viel zu wenig mit kritischen und so auch feministischen Perspektiven befasst wird. Die Sommerakademie ist ein Raum, welcher genau diese Auseinandersetzung ermöglicht. Dafür haben die Teilnehmenden die Möglichkeit einmal im Jahr an der Akademie teilzunehmen.

Du hast es ja schon ein wenig angeschnitten, aber warum ist euch das Thema Feministische Rechtswissenschaft ein wichtiges Anliegen?

Es ist uns ein wichtiges Anliegen, weil wir natürlich alle täglich bewusst oder unbewusst merken, dass das Recht nicht geschlechtsneutral ist. Jetzt jüngst mit dem Fall Collien Fernandes merken wir alle nochmal, wie wichtig es ist, die Perspektive von Frauen und FLINTA*-Personen ins Recht miteinzubeziehen und, dass das bestehende Recht aber eben auch nicht immer dazu geeignet ist, Frauen zu schützen. Es ist wichtig, dass wir offenlegen, dass dies kein Einzelfall ist, sondern ein strukturelles Problem. Dafür braucht es entsprechende Angebote, in deren Rahmen sich Menschen damit beschäftigen können. Da setzten wir an und hoffen, dass wir gemeinsam daran arbeiten können, das Recht ein bisschen geschlechtergerechter zu machen.

Wie war denn bisher der Weg der Sommerakademie? Wie ging es nach der Gründungsphase weiter?

Die Gründungsphase war geprägt von dem Wunsch, auch abseits vom Feministischen Juristinnentag (FJT), der sich primär an im Studium weiter fortgeschrittene oder auch schon arbeitende Juristinnen richtet, ein Angebot für Studierende zu schaffen.

Seit der ersten Akademie in Münster wird sie jährlich von einem neuen, stetig wechselnden und städteübergreifenden Team organisiert, sodass auch immer wieder neue Ideen dazukommen. 2022 ging es an die FU nach Berlin, dann nach Köln, wo ich als Teilnehmerin tatsächlich auch das erste Mal in den Kontakt mit der Sommerakademie gekommen bin. Diese Akademie war besonders, weil dort der Verein gegründet wurde, der jetzt neben dem Orga-Team für Kontinuität sorgen soll, sodass garantiert werden kann, dass jedes Jahr eine neue Akademie stattfindet. Anschließend ging es für die Sommerakademie nach Marburg und letztes Jahr nach Hamburg. In diesem Jahr wird die Akademie vom 12. – 14. Juni in Halle an der Saale stattfinden.

Warum ist euch die angesprochene Kontinuität so wichtig? Was hofft ihr damit, auf individueller Ebene bei den Teilnehmenden bewirken zu können?

Die Idee ist es, dass wir neuen Studis und jungen Jurist:innen die Möglichkeit geben können, an der Akademie teilzunehmen. Jedes Jahr gibt es 60 bis 70 Plätze, aber meistens wesentlich mehr Bewerbungen. Durch den jährlichen Rhythmus haben also auch Teilnehmende, die keinen Platz erhalten haben, eine Chance, die Sommerakademie in den nächsten Jahren zu besuchen. Außerdem können wir so an unterschiedliche Orte gehen und dadurch auch Menschen, die keine weite Reise auf sich nehmen können, die Möglichkeit geben, die Akademie zu besuchen.

Auf inhaltlicher Ebene erhoffen wir uns, dass die Teilnehmenden viele Dinge mitnehmen und lernen, aber auch, dass sie sich mit Menschen vernetzen, für die feministische und intersektional feministische Perspektiven auch wichtig sind.

Wie sieht denn die unmittelbare Zukunft der Sommerakademie aus? Was kannst du uns über die bevorstehende Sommerakademie erzählen?

Wie bereits gesagt, wird die sechste Sommerakademie vom 12. – 14. Juni in Halle stattfinden.  Es wird drei inhaltliche Tracks geben. Die Teilnehmenden können sich im Track „Recht arm“ über feministische rechtswissenschaftliche Perspektiven auf Geld, zum Beispiel den Sozialstaat, beschäftigen. In „Recht ungesund“ wird es unter anderem um feministische Medizin gehen. Im Track „Recht machtlos“ geht es um das Thema Gewaltschutz.

Darum erwartet die Teilnehmer:innen ein spannendes Rahmenprogramm.  Wir können schon mal ankündigen, dass Anne Brorhilker[1] den Einführungsvortrag halten wird. Die Akademie in Halle ist eine wichtige Plattform für uns als Verein und wir erhoffen uns natürlich auch langfristig, dass die Akademie genügend Menschen motiviert, die Sommerakademie im nächsten Jahr erneut zu organisieren. Vor der Akademie ist schließlich nach der Akademie.

Auch wenn Engagement im ersten Moment einschüchternd seinen kann, ist es eine positive Herausforderung, an der man wächst.

Das bringt uns perfekt zur nächsten Frage: Wie kann man sich bei euch engagieren? Und was sollte man dafür mitbringen?

Mitbringen muss man bei uns natürlich nichts außer Interesse. Ich weiß aus persönlicher Erfahrung, wie wahnsinnig einschüchternd es sein kann, an solchen Dingen überhaupt teilzunehmen und sie mit zu organisieren. Aber wir suchen immer fleißig Leute, und wir freuen uns über jede einzelne Person, die Lust hat, das zu unterstützen. Auch für die Akademie im Juni werden nach wie vor noch Leute gesucht, oder auch langfristig für die Vereinsarbeit und den Vorstand selbst. Das sind auch die drei Ebenen, auf denen man sich einbringen kann. Wir haben einmal die Sommerakademie, die jährlich stattfindet. Wer von Anfang an dabei sein möchte, kann ab August/ September das neue Team mitgründen. Dafür braucht man auch keine Vorkenntnisse, denn das Orga-Team aus dem vorherigen Jahr sowie der Verein stehen jederzeit für Fragen zur Seite.

Außerdem kann man sich auf Vereinsebene einbringen. Wir haben zum Beispiel einen Arbeitskreis, der unseren Newsletter schreibt und einen Arbeitskreis, der den Lesekreis organisiert, an dem man als Vereinsmitglied auch immer teilnehmen kann. Ansonsten freuen wir uns natürlich auch immer über Mitarbeit auf Vorstandsebene.

Wie funktioniert denn die Arbeit des Orga-Teams? In welchen Themenbereichen kann man sich dort einbringen?

Das hört sich in der Tat erst mal leicht überfordernd an, so eine Akademie auf die Beine zu stellen. Die Orga läuft meistens so ab, dass man sich ein- bis zweimal im Monat über Zoom im Plenum mit dem ganzen Team trifft, um sich gegenseitig auf dem Laufenden zu halten. Der Großteil der Arbeit findet in Arbeitskreisen statt, in denen einzelne Themen in kleineren Gruppen angegangen werden.

Ich war damals im Arbeitskreis „Finanzen“, der sich um die Finanzierung der Sommerakademie kümmert. Wir haben zum Beispiel Förderanträge gestellt und die Ausgaben der anderen AKs koordiniert. Im Arbeitskreis Öffentlichkeitsarbeit wird sich um die Social Media Präsenz der Sommerakademie gekümmert. Dann gibt es auch noch die AKs Logistik, Verpflegung, Teilnehmendenbetreuung und Rahmenprogramm. Zudem findet zeitgleich die inhaltliche Vorbereitung statt. Dabei wird zunächst das Oberthema der Akademie festgelegt und danach überlegen sich die einzelnen Tracks ihre eigene thematische Ausrichtung und suchen nach Speaker:innen. Als Teil des Orga-Teams hat man also wirklich die Chance mitzubestimmen und Themen einzubringen, die einem persönlich im Studium zu kurz kommen, oder wo einem die feministische Perspektive drauf fehlt.

Du hattest gerade schon angesprochen, dass es für dich am Anfang auch eine Überwindung war, dich bei der Sommerakademie zu engagieren. Kannst du über dieses Gefühl sprechen und wie du dich dann überwinden konntest?

Als ich das erste Mal von der Sommerakademie gehört habe, war ich im zweiten Semester.  und ich fand die Veranstaltung total interessant , also habe ich mich beworben. Ich war dann total begeistert davon, wie herzlich mich alle Leute aufgenommen haben und wie gut wir uns untereinander verstanden haben, auch wenn die meisten älter waren als ich und vielleicht auch schon im Arbeitsleben standen. Das hätte aber egaler nicht sein können und ich konnte schnell Anschluss finden. Dadurch habe ich tolle Kontakte knüpfen können, die mir auch alle Mut gemacht haben in Bezug auf die juristische Ausbildung und gesagt haben, ich soll mich immer wieder melden, falls ich irgendwelche Fragen habe. Insgesamt war die Atmosphäre sehr positiv und ermutigend.

Die gesamte Akademie war eine sehr positive Erfahrung, die mich dazu gebracht hat, die Sommerakademie im folgenden Jahr mit zu organisieren. Bei unseren ersten Orga-Treffen saß ich dann in der Runde und hörte von vielen Leuten, wie weit sie schon im Studium sind und auch wie viel Erfahrung sie schon im Bereich des feministischen Engagements haben. Das hat mich im dritten Semester natürlich schon etwas eingeschüchtert, aber ich kann sagen, dass es das eigentlich nicht muss. Ganz im Gegenteil: Es kann sowohl extrem wertvoll sein, eine Mischung aus, Menschen mit viel Erfahrung, sowie Student:innen, die noch am Anfang des Studiums stehen dabeizuhaben. Auch wenn Engagement im ersten Moment einschüchternd seinen kann, ist es eine positive Herausforderung, an der man wächst.

Der FJT hat dieses Jahr keine Fördergelder vom Bundesfamilienministerium mehr bekommen. Wie ist es für euch, Fördergelder zu bekommen? Steht ihr vor ähnlichen Schwierigkeiten und mit welchem Blick schaut ihr auf diese Entwicklung?

Uns hat es im ersten Moment schockiert und natürlich auch sofort traurig gemacht, diese Nachricht zu sehen, weil wir auch gar nicht damit gerechnet haben, dass eine Institution wie der FJT von einem auf den anderen Tag praktisch keine Förderung mehr bekommt. Gleichzeitig sind wir sehr froh darüber, dass wir unser Projekt weiterhin finanzieren können. Wir können die Sommerakademie dieses Jahr zum Teil aus Eigenmitteln, die wir dank Fördermitgliedern haben, stemmen. Der andere Teil der Finanzierung kommt bei uns unter anderem von den Universitäten, an denen die Akademie stattfindet, wir sind also auf einer kleineren Ebene als zum Beispiel die Bundesministerien, unterwegs. Das heißt, da läuft unsere Förderung gerade noch relativ gut. Wir hoffen sehr, dass die fehlende FJT-Finanzierung ein Einzelfall bleibt.

Um es jetzt nochmal auf den Punkt zu bringen, was kann man als potenziell teilnehmende Person von der nächsten Sommerakademie erwarten? Was kann man lernen, worauf kann man sich freuen?

Man kann sich natürlich auf tiefe Auseinandersetzungen mit intersektionalen rechtswissenschaftlichen Themen freuen und dabei Neues lernen. Genauso können die Teilnehmenden auf persönlicher Ebene total viel mitnehmen. Man kann über Altersgruppen und Studienabschnitte hinweg Kontakte knüpfen, ein Netzwerk bilden, und vielleicht auch einen Verein und ein Projekt kennenlernen, in dem man sich in Zukunft engagieren und teilnehmen möchte. Das ist unser Motto: Bildet Banden.

Vielen Dank für das Gespräch und deine Zeit.

Das Interview für die JurFuture-Redaktion führte Johanna Buck.

[1] Anne Brohilker leitete als Oberstaatsanwältin die Ermittlungen im Cum-Ex-Fall. Mittlerweile ist sie Vorständin der Bürgerbewegung Finanzwende.

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