Zum Inhalt springen
„Wir waren von der hohen Akzeptanz völlig überrascht“, sagte Ralf Burgdorf, Präsident des Landesjustizprüfungsamtes, am Donnerstag. Gerade einmal drei der 50 Referendarinnen und Referendare schrieben ihre Prüfungen weiterhin von Hand – eine aus Überzeugung, zwei waren aus familiären Gründen an Magdeburg als Prüfungsort der handschriftlichen Klausuren gebunden. Denn die elektronisch unterstützte Prüfung fand in den Räumen des Zentrums für Multimediales Lehren und Lernen (LLZ) der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg statt. Das hatte auch das in der Prüfung verwendete Schreibprogramm geschrieben und stellte die Laptops und das IT-Personal für die Prüfungsbegleitung.
Legal Tech muss nicht High Tech sein: „Das Programm enthält einige Formatierungsvorlagen, keine Rechtschreibkorrektur und nur wenige durch Befehle belegte Tastenkombinationen“, sagte Burgdorf. „In den drei Testläufen vorab wurden zum Teil versehentlich Tastenkombinationen gedrückt, die dazu führten, dass der Computer herunterfuhr. Diese Probleme konnten wir so im Vorfeld erkennen und für die Zukunft vermeiden.“ Er gehe davon aus, dass aber auch künftig kleinere technische Probleme nicht auszuschließen sein. Während der April-Kampagne musste ein Computer ausgetauscht werden, ansonsten verliefen die Prüfungen störungsfrei. Für die schnelle Behebung technischer Probleme standen den Aufsichtspersonen von der ersten bis zur letzten Minute der Prüfungen IT-versierte Mitarbeiter des LLZ zur Seite, um gegebenenfalls schnell zu reagieren. „Die Zeit, die ein Examenskandidat durch technische Störungen verliert, muss ihm gegebenenfalls im Nachhinein zusätzlich gewährt werden. Da ist es wichtig, dass schnell gehandelt wird“, so Burgdorf. Die enge Kooperation zwischen dem Justizministerium und der Universität erleichterte hier die Durchführung der Klausuren am Laptop erheblich, da eine anderweitige Begleitung durch ausreichend externes, technisch geschultes Personal über einen Zeitraum von zwei Wochen sehr kostspielig gewesen wäre. Diese finanzielle Hürde bei der Umsetzung elektronischer Prüfungen sei insbesondere für Bundesländer mit hohen Absolventenzahlen problematisch.
Kein Lärm, kein Netz, noch Papier: Die Referendarinnen und Referendare waren mit dem Klausurenschreiben am Laptop bereits vor der Examensprüfung vertraut. Durch entsprechende AG-Klausuren konnte Skeptikern unter anderem die Angst vor einer Lärmbelästigung durch laute Tastaturanschläge genommen werden. Für die Klausuren wurden die privaten Laptops der Referendarinnen und Referendare verwendet. „Aber wer hier seinen Internetzugang nutzt und so Bedingungen schafft, die er im Examen nicht hat, betrügt sich letztendlich selbst“, sagte Burgdorf. Die Prüfungslaptops verfügen über keinen Internetzugang. Die Prüfungsarbeiten werden in Zeitintervallen auf dem jeweiligen Laptop und parallel auf einem im Prüfungsraum befindlichen, nicht mit der Außenwelt verbundenen Server gespeichert. Am Ende der Klausuren werden die Klausuren vom jeweiligen Computer auf einen Stick übertragen, ins LJPA nach Magdeburg verbracht, dort ausgedruckt und in den altbewährten Mantelbögen an die Korrektoren verschickt. „Durch das Ausdrucken bleibt die Schriftform gewahrt. Von der kompletten E-Klausur, die auch elektronisch übermittelt und korrigiert wird, sind wir noch weit entfernt. Hier müssten dann vor der Einführung auch rechtliche Fragen geklärt werden“, sagte Burgdorf.
Bei den Korrektoren stößt aber auch schon die teilweise elektronische Klausurbearbeitung auf große Sympathie. „Die bessere Lesbarkeit ist eine deutliche Erleichterung für die Korrektoren“, so Burgdorf. Und auch für die Referendare ergebe sich neben der – nicht zu unterschätzenden - physischen Entlastung der Schreibhand auch ein psychologischer Vorteil: „Die Kandidaten haben beim Schreiben nicht mehr die Angst im Hinterkopf, dass irgendwann ein Prüfer doch nicht mehr aus ihrer Handschrift schlau wird.“ Aber auch inhaltlich wirke sich die elektronische Bearbeitung nach Einschätzung der Kandidaten der April-Kampagne positiv auf die Klausuren aus. Die nach den Prüfungen nach einer Zeitersparnis durch die Laptops befragten Kandidaten äußerten gegenüber dem LJPA teils, dass sie in der Zeit mehr schreiben konnten, teils dass sie mehr Zeit zum Nachdenken gehabt hätten - in jedem Fall hätten sie ihre Ausführungen am Computer aber strukturierter und durchdachter niederlegen können.
Vertreter anderer Justizprüfungsämter nutzten Anfang April die Chance, sich ein Bild von der praktischen Umsetzung der elektronischen Klausurbearbeitung zu machen. „Im Gespräch ist das ja bundesweit schon seit fast vier Jahren“, sagte Burgdorf. „Aber ich denke, dass jetzt die anderen Länder die Einführung auch mutiger und schneller vorantreiben werden.“ In Sachsen-Anhalt hatte es von der ersten Idee bis zur Durchführung der Prüfungen gerade einmal 15 Monate gedauert. Aber der Erfolg bedeutet für Burgdorf keinen Stillstand: „Das nächste Ziel ist es, auch die Arbeitsmaterialien wie Gesetze und Kommentare über einen geteilten oder zweiten Bildschirm elektronisch zur Verfügung zu stellen. Auch wenn das jetzt noch Zukunftsmusik ist.“ Ebenfalls fänden Überlegungen zu einer Einführung der elektronischen Klausurbearbeitung im ersten Staatsexamen statt. Hierfür müssten insbesondere die Fragen nach der Gestaltung entsprechender Übungsklausuren geklärt werden. „Ich bin gespannt, welches Bundesland als nächstes die elektronische Klausurbearbeitung einführt“, sagt Burgdorf. „Ich wüsste jedenfalls nicht, was passieren sollte, dass wir von der elektronischen Möglichkeit wieder Abstand nehmen.“ Neugier und Interesse wurden in jedem Fall geweckt - und vielleicht ist die elektronische Klausurbearbeitung für den Einen oder die Andere auch ein Anreiz mehr, das Referendariat in Sachsen-Anhalt zu absolvieren.
Habt ihr Erfahrungen oder Tipps, die das Jurastudium bereichern? Schreibt uns an: magazin-jurfuture@anwaltverein.de oder bei Instagram.
Die Kategorie bündelt Beiträge zum Thema Ausbildung.
Im Fokus: die vielfältige Praxis als Rechtsanwält:in und wie der Berufseinstieg so läuft.
Die Kategorie bündelt Beiträge, die dir für deinen persönlichen Weg Denkanstöße geben können.
Die Kategorie bündelt Beiträge zur Verfassung des juristischen Kosmos.