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Es gibt Sprünge in der Karriere von Juristen, die von außen betrachtet so zwingend erscheinen, dass Beobachter sie lange Zeit mit der Logik mathematischer Gleichungen behandelten. Wenn „Examen“ gleich „Prädikat“ und „Promotion“ „summa cum laude“, dann kann nach X aufgelöst das Ergebnis nur „Partner in einer Großkanzlei“ bedeuten.
Doch das Zeitalter der Mathematik in der Rechtswissenschaft ist vorüber. Wer heute als Anwalt mit exzellenten Voraussetzungen zum Karrieresprung ansetzt, findet sicher einen Platz zum Landen. Was er dort sieht, sind jedoch nicht mehr unbedingt die strengen Glaspaläste der großen Kanzleien mit ihrem Heer aus Angestellten auf dem Weg nach oben. Die Top-Juristen springen heute ab und landen zum Beispiel in einem großzügigen Altbaubüro mitten in Berlin. Das Büro haben sie nach ihren eigenen Vorstellungen eingerichtet, im Konferenzraum wacht eine überlebensgroße Holz-Plastik aus Burkina Faso über das Geschehen. Und nicht vierhundert, sondern vier Rechtsanwälte zählen zu den insgesamt zehn Mitarbeitern, die sie selbst ausgewählt und eingestellt haben.
Anja Mengel hat das so gemacht, sie gehört zu jenen Spitzenanwälten, die ihre Karrieregleichung auf eigene Art gelöst haben. Mitte vierzig, Ausbildung mit Auszeichnung, Promotion, LL.M., zwölf Jahre Erfahrung in den größten Kanzleien des Landes. Und jetzt: Boutiquen-Besitzerin. Partnerin der Kanzlei Altenburg, Arbeitsrechtskoryphäe, Leiterin des Berliner Büros, in kleinen, feinen Verhältnissen: 16 Anwälte insgesamt, acht in München, drei in Hamburg und fünf in Berlin, ein junges Team. Für die nächsten fünf Jahre steht viel Aufbauarbeit an.
„Die beiden Gründungspartner und ich, wir haben uns – wenn man das im beruflichen Umfeld so sagen möchte – beim Kennenlernen gleich ein bisschen verliebt, als ich 2011 dazustieß“, sagt Anja Mengel, „in die gemeinsame Arbeit und die Eröffnung des Berliner Büros.“ Die damals noch drei Partner teilten berufliche Erfahrungen, aber auch Motive und Vorstellungen, wie sie die Kanzlei entwickeln wollten. „Und so sind wir dann ins kalte Wasser gesprungen und es hat sich absolut bewährt“, sagt Mengel.
Der Abschied aus der Großkanzlei fällt ihr leicht. Nicht nur, weil sie das Unternehmerische an der neuen Aufgabe schätzt. Während Mengel in den großen Kanzleien Erfahrungen sammelt, ändern sich die Zeiten, neue Karrieregleichungen werden nötig. „ Es war einfach, nein, es ist zutiefst frustrierend, wenn man sehr viel arbeitet für ein Wachstum, das dann personell nicht umgesetzt wird“, sagt sie diplomatisch. Die Großkanzleien können nicht mehr einfach jeden guten Anwalt aufsteigen lassen und zu Partnern machen. Das Geschäft wächst nicht mehr so stark, dass bei steigender Partnerzahl die Gewinnanteile für jeden einzelnen mindestens gleich hoch bleiben. „Irgendwann war für mich deutlich, dass das Wachstum nicht ausreichend für die Entwicklung des Teams sein würde. Um einen riesigen Schneeball um fünf Prozent zu vergrößern, muss er weiter rollen, als ein kleiner.“ Sie zieht die Konsequenz und sieht sich nach Alternativen um.
Mengel gehört zu einer Generation von Anwälten, die mit den scheinbar unaufhaltsamen Wachstumszahlen der Neunziger in den Beruf startet, als etwa die Abwicklung der DDR Wirtschaftsanwälten viel Arbeit beschert, gleichzeitig internationalisiert sich der Markt enorm. Als dann um die Jahrtausendwende die Wirtschaft kriselt, spüren das junge Anwälte wie sie besonders stark. Zu jung, um Partner zu sein, zu erfahren, um sich mit weniger zu begnügen.
Wären die Zeiten andere, wäre Mengel mit großer Wahrscheinlichkeit Partnerin einer großen Kanzlei. Aber neue Zeiten bedeuten auch neue Erfahrungen. Mengel merkt man an, wie sehr sie diesen Umstand genießt. „Egal, ob man Partner der Anfänger in einer Großkanzlei ist“, sagt sie, „die Abhängigkeit in diesen Strukturen ist enorm, der einzelne hat kaum Freiheiten. Und jetzt hab ich das hier“, sagt sie, während sie über den Flur ihrer Kanzlei geht. Die Türen stehen offen, die Atmosphäre ist konzentriert, aber gelöst. „Ich gestalte, baue auf, entscheide, bin Anwältin und Arbeitgeberin gleichermaßen.“
Die neue Rolle dürfte ihr nicht fremd sein. Seit Studienzeiten ist Arbeitsrecht ihr Spezialgebiet – und das meist aus Arbeitgeberperspektive. Heute zählen DAX-Konzerne, Mittelständler und Start-ups zu ihren Mandanten, die Rechtsberatung brauchen. „Den klassischen Mandanten gibt es bei uns aus Überzeugung nicht, wir betreuen sehr unterschiedliche Unternehmen“, sagt Mengel. Im Alltag bewegt sich die Anwältin zwischen zwei Polen – dem großen Mandat, wie etwa eine Restrukturierung bei einem DAX-Konzern, und dem kleinen Mittelständler bei der ersten Betriebsratswahl. „Natürlich bin ich froh über spannende, große Mandate, bei denen ich das Team entsprechend größer besetzen kann und logischerweise steht dahinter auch ein Umsatzinteresse. Aber mir gefällt eben auch die Abwechslung in der Arbeit, die ein komplexes Mandat bedeutet“, sagt sie. Dann sitzt sie in Betriebsratsverhandlungen, muss moderieren, beraten und schlichten. „Das ist eine völlig andere Art der Herausforderung, als wenn ich am Telefon sitze und mit meinem langjährigen Mittelstandsmandanten spreche, der sich nie oder nur selten mit dem Betriebsrat streitet und nur Fragen zur Arbeitsvertragsgestaltung oder einer einzelnen Kündigung hat.“
Diese Bandbreite, glaubt Mengel, sei gut für das Heranführen der jungen Kollegen an die Vielfältigkeit des Arbeitsrechts. „Kleinere Mandate kann ich sie auch mal alleine betreuen lassen, bei den größeren arbeiten wir eng zusammen.“ Junge Anwälte könnten in der Kommunikation mit ebenso jungen Mandanten auch einen anderen menschlichen Zugang finden. „Da wird dann geduzt und die Stimmung ist gleich ein bisschen lockerer, als wenn die alte Mengel anruft, die ja schon graue Haare hat.“
Das ist ein bisschen Koketterie, ein Fünkchen rheinischer Frohsinn und ein gutes Stück Führungsqualität: Mengel weiß, wann ihr Einsatz kommt, sie drängt sich nicht nach vorne, weil sie die Chefin ist. Bei den in Berlin zahlreich vertretenen Start-ups unter den Mandanten ist das ähnlich. „Die wollen oft erst mal einfache Arbeitsvertragsberatung. Doch die Erfahrung zeigt, dass man auch da eine Menge falsch machen kann.“ Das zeigt sich meist dann, wenn es darum geht, sich von einmal eingestellten Mitarbeitern zu trennen.
Greifen sie Entlassungen auch persönlich an? „Wenn jemand anruft, weil er Mitarbeiter kündigen muss, verstehe ich das als Herausforderung an meine Professionalität. Ich bin mit Leidenschaft Anwältin und mit ebenso großer Leidenschaft Arbeitgeberanwältin“, sagt Mengel. „In meinen über 15 Jahren Erfahrung in dem Metier habe ich immer wieder erfahren, dass die Kündigung zur Marktwirtschaft gehört, zum Wettbewerb, den wir hierzulande als Wirtschaftsform haben“. Wenn ein Unternehmen in einem Segment kein Geld mehr verdiene, müssten dort Jobs abgebaut werden. „Da geht es nicht um Gut und Böse, sondern um Betriebswirtschaft.“
Grundsätzlich hält Mengel das Arbeitsrechtssystem in Deutschland für einen Garant an Stabilität und Verlässlichkeit. Gleichzeitig erlebt sie in der Praxis eine Wirtschaft, deren Protagonisten in manchen Wissensbranchen immer flüchtiger zusammenarbeiten – woraus Probleme erwachsen können, für die das deutsche Arbeitsrecht keine angemessenen Lösungen bereit hält. „Gerade Internetunternehmen, die Dienstleistungen verkaufen, brauchen beispielsweise viele Webdesigner. Viele von ihnen sind überhaupt nicht auf der Suche nach einem Angestelltenverhältnis“, sagt Mengel. Diese Experten kommen aber über längere Zeiträume bei ihrem Auftraggeber zusammen, treffen sich im Konferenzraum, haben ihr festes Zimmer, nutzen die Büroinfrastruktur und erwarten eigentlich nichts von ihrem Auftraggeber, als das pünktliche Begleichen ihrer Rechnungen. „Und dann kommt die Rentenversicherung und fordert wegen Scheinselbständigkeit vom Auftraggeber die Beiträge zur Sozialversicherung der letzten vier Jahre nach.“ Ein klassischer Fall für Mengel.
Dass sie eines Tages die Interessen von Unternehmern vertreten würde, dass Fachma-gazine sie zu den 25 besten Arbeitsrechtsanwälten Deutschlands wählen würden, dass sie an der Hamburger Bucerius Law School Studenten das Thema Compliance näher bringen würde – das ahnte die junge Anja Mengel kurz vor dem Abitur überhaupt nicht. „Ich bin zum Jurastudium im Ausschlussprinzip gekommen. Die Schule fiel mir leicht, meine Deutschnoten waren sehr gut und Medizin wollte ich aufgrund meiner Behinderung nicht studieren“, sagt sie. Vom ersten Semester an merkt sie, dass ihr das Fach liegt. „Mir wurde schnell klar, dass ich Zivilrechtlerin sein wollte, öffentliches Recht und Strafrecht habe ich erledigt, aber ohne Leidenschaft.“
Als sie 1988 mit dem Studium in Köln beginnt, stößt sie auf die noch junge Juristenvereinigung Elsa (European Law Students’ Association), die heute an mehr als 300 Universitäten in Europa lokale Fakultätsgruppen unterhält und mit circa 40.000 Mitgliedern als weltweit größte Vereinigung von Jurastudenten gilt. „Ich bin da ein bisschen zufällig in eine ziemlich kleine Veranstaltung an der Uni reingetapst. Ich war Schülersprecherin gewesen und dachte, Elsa sei vielleicht ein guter Ort, sich weiter zu engagieren.“ Aus dem Zufall wird Leidenschaft: Für eineinhalb Jahre gehört Mengel schließlich dem Bundesvorstand der Vereinigung an und trifft heute noch Freunde aus dieser Zeit. „Elsa war auch ein Weg, Europa kennenzulernen. Damals war es keineswegs so, dass man mal eben irgendwo hinflog.Wir waren in Fahrgemeinschaften im Auto unterwegs und haben in Turnhallen in Schlafsäcken übernachtet. Sponsoring gab es noch nicht und so kam es vor, dass sich 250 Delegierte von 25 Fakultätsgruppen in Bayreuth oder in Konstanz oder in Hamburg auf dem Segelschulschiff getroffen haben, um über die Zukunft zu diskutieren.“ An der Universität arbeitet sie als studentische Hilfskraft am Lehrstuhl eines Arbeitsrechtlers, der ihr nach einem Frankreichaufenthalt und dem Ersten Staatsexamen ein Promotionsthema aus dem Umwandlungsrecht anvertraut. „Das war damals ein neues Gesetz und sehr spannend. Bis heute ist das Thema inmeiner Praxis relevant und ein Steckenpferd von mir geblieben.“
Nach den Elsa-Jahren und der Promotion hatte Mengel viel von Europa gesehen, weshalb sie sich für Stipendien und ein Masterstudium an der Columbia University in New York bewirbt – und rundum Zusagen erhält. „Das war für mich der Jackpot. Examenssorgenfrei, in New York, finanziert und ohne allzu großen Druck verschiedene Themen ausprobieren, das war wirklich fantastisch.“ Zurück in Deutschland beginnt sie ihr Referendariat in Berlin, entschwindet jedoch während der Wahlstation für ein halbes Jahr nach Israel. Dort sammelt sie auf Vermittlung zweier Freunde von der Columbia am Supreme Court Erfahrungen als „Clerk“, einer Art wissenschaftlicher Mitarbeiter der höchsten israelischen Richter.
1999 wird Anja Mengel Anwältin und arbeitet im Berliner und Stuttgarter Büro von Gleiss Lutz. Drei Jahre später ist sie Fachanwältin für Arbeitsrecht und wechselt bis 2004 zu Linklaters in Berlin, bevor sie sieben Jahre lang bei Wilmer Hale die deutsche Praxisgruppe Arbeitsrecht leitet, zuletzt in Berlin und Frankfurt a.M.. „In New York hatte ich Großkanzleien kennengelernt und war fasziniert von der Arbeit dort und der Internationalität.“ Für Anja Mengel beginnt die Zeit, in der das Jahr 3.000 „billable hours“ hat und die schlimmen Wochen aus um die 100 Stunden in der Kanzlei bestehen. „Dafür sind Rossnaturen wie ich besonders gut geeignet“, sagt sie, „aber es ist auch eine Mischung aus Adrenalin und großer Überzeugung für das, was ich tue. Auch wenn es abgedroschen klingt, habe ich das Dienen und Leisten aus dem Wort Dienstleistung von Anfang an mit dem Anwaltsberuf in Verbindung gebracht.“
Inzwischen arbeitet Mengel immer noch viel, aber deutlich weniger als noch vor einigen Jahren. „Was mich heute motiviert, ist die Teamentwicklung. Noch vor meinem fünfzigsten Geburtstag möchte ich meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter so weit gebracht haben, dass ich nur noch die Mandate machen kann, die in ein vernünftiges Pensum passen.“ Bis es soweit ist, will Altenburg planvoll wachsen – mit jungen, talentierten Arbeitsrechtsexperten. Exzellente Noten sollen sie mitbringen, gern internationale Erfahrung, Expertise im Arbeitsrecht und das Gefühl dafür, was es heißt, Mandanten zum Wiederkommen zu bewegen. „Man kann es leicht auf einen Nenner bringen.Wir suchen Unternehmertypen.“
Der Beitrag ist in Anwaltsblatt Karriere Heft 1/2015 erschienen.
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