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katzenkönig besucht Jurastudentin Lina Krawietz an der D.School in Babelsberg, wo sie täglich mit der Design Thinking-Methode Projekte für echte Auftraggeber realisiert. Das Besondere an der Methode: Sie arbeitet dabei in einem Team, das mit ganz verschiedenen Fachrichtungen besetzt ist. Dadurch soll eine möglichst breite Ideen-Vielfalt entstehen. Für Lina bedeutet es nach der langen Examensvorbereitung endlich wieder kreativ sein zu dürfen und in einem spannenden Team zu arbeiten.
Irgendwo hier zwischen kreuz und quer im Raum verteilten Stellwänden, nur für Eingeweihte dechiffrierbaren Projekt-Fahrplänen und zahllosen Post-its und Mindmaps hat sich Lina Krawietz‘ Blick auf ihr Berufsleben grundlegend verändert. Wenn die 27-jährige Jura-Studentin mit strahlenden Augen durch die kunterbunten Räume der HPI School of Design Thinking in Potsdam-Babelsberg streift und von ihrer Zeit zwischen erstem Staatsexamen an der Uni Potsdam und bevorstehendem Referendariat berichtet, hört sich das nach Aufbruch und Befreiung an: „Nach dem Examen habe ich nach einer Möglichkeit gesucht, das wiederzufinden, was während des Studiums bei mir liegen geblieben ist: Kreativität, Teamwork und die Möglichkeit, ohne negative Konsequenzen Fehler machen zu dürfen.“
Gefunden hat sie weit mehr als das: Gleichgesinnte, neue Berufsideen – und ganz viel Vertrauen in die eigene Zukunft. Zufällig wurde sie auf die sogenannte D.School aufmerksam, die zum Hasso-Plattner-Institut in Potsdam-Babelsberg gehört und als Schwester-Institut der Stanford D.School Studierende aus aller Welt mit der Kreativ-Methode des Design Thinking vertraut macht.
Was Anfang der 1990er Jahre von Vordenkern wie David Kelley, Gründer der amerikanischen Innovationsagentur Ideo, in der Entwicklung neuer Produktdesigns Anwendung fand, hat seine Wurzeln im deutschen Bauhaus der 1920er Jahre. Schon damals versammelten sich Vertreter aus Architektur, Theater, Musik und Gestaltung rund um ein Projekt – in der Überzeugung, dass sich durch ihre Kompetenz-Vielfalt die Problemlösungskompetenz erhöht.
Seither hat sich Design Thinking in Weltunternehmen wie Microsoft oder Siemens etabliert. Und auch unter Jung-Juristen wird die Weiterbildungsmöglichkeit immer beliebter. Gemeinsam mit Studenten aller Länder und Fachbereiche bewerben sie sich an der D.School, um sich in ein oder zwei Semestern in der Methode zu üben und vielfältige Projekte für echte Auftraggeber auszuführen. Anfängliche Zweifel, was sie als Juristin zum Kreativprozess beitragen könne, verflüchtigten sich bei Lina Krawietz schnell: „Gleich im ersten Projekt arbeitete ich mit einem bunt gemischten Team für eine NGO aus dem Asylrechtsbereich. Plötzlich passte alles zusammen: Meine Qualitäten als Juristin, z.B. die analytische Herangehensweise, waren für andere sehr hilfreich. Und mir wurde klar, in wie viele Richtungen ich gehen könnte, ohne die klassischen Karrieren als Richterin oder Anwältin einzuschlagen. Ich konnte kaum Mittagessen gehen, ohne mit drei neuen Geschäftsideen zurückzukommen.“
Von Projektpartnern wurde sie mit ihrem Team nicht nur nach Paris, Brüssel und Marseille eingeflogen. Durch einen Besuch im App-Haus in Berlin-Mitte ergab sich als angenehmes „Nebenprodukt“ des Studiums eine einjährige Tätigkeit als Werkstudentin für den World Player SAP, für den sie u.a. Design Thinking Workshops mit moderierte. Relevanz für die juristische Praxis? Design Thinking sei für alle Branchen und Themen geeignet, sagt Krawietz. „Das betrifft nicht nur das Thema Legal Tech. Jede Kanzlei sollte sich Gedanken machen, wie sie ihren Mandanten den Zugang zu ihren Dienstleistungen erleichtern und Mitarbeiter besser in den Workflow einbinden kann.“ Sie erzählt von einer Berliner Steuerkanzlei, die Design Thinking zum Grundprinzip ihres Kanzlei-Alltags erhoben habe. Das „Legal Design Lab“ in Stanford befasse sich gar ausschließlich mit der Entwicklung neuer Produkte für den Rechtsbereich. Bliebe noch ihr neuer Umgang mit „Fehlern“. Dass sich Juristen in der Praxis am Null-Fehler-Prinzip orientieren, sei notwendig, schließlich gehe es um das Schicksal von Personen oder Unternehmen, sagt die heutige Referendarin. „Gleichzeitig ist es wichtig, sich als Mensch Zweifel und Fehler zuzugestehen, sie manchmal sogar als erwünscht anzusehen, um sich weiterzuentwickeln. „Vor der Zeit hier dachte ich, ich muss mich verformen, um in die juristische Welt zu passen. Heute, da ich intuitiv das mache, was ich wirklich will, kommt der berufliche Erfolg fast von allein.“
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