Der Umgang mit Stress im Jurastudium

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Ich muss noch besser sein! - Der Stress im Jurastudium geht an die Substanz: Tipps zum Stressabbau gibt es beim katzenkönig.
Ein schier endloses Studium, umfang­reicher Pflichtstoff, Leistungsdruck – das Jurastudium ist nichts für schwache Nerven. Gründe für schlaflose Nächte gibt es für Jurastudierende viele.

Als wäre das Jurastudium nicht bereits stressig genug, meinen einige Studierende es sei notwendig, sich das (Uni-)Leben gegen seitig so schwer wie möglich zu machen. Wichtige Fachli­teratur wird versteckt, relevante Passagen in Kommentaren und Lehrbüchern werden geschwärzt. Dieser Stress kann auch krank machen. Wie man richtig damit umgeht, haben wir zwei Experten gefragt.

 

Die Dramaturgie des Jurastudiums

Wäre das Jurastudium ein Musikstück, so entspräche es wohl am ehesten dem berühmten „Bolero“ von Ravel: Dauer-Crescendo bis zum Finale Furioso. Die Dramaturgie des Jurastudiums ist nahezu identisch. Nach vergleichsweise langsamem und leisem Auftakt steigert es sich kontinu­ierlich in Aufwand und Belastung, erreicht erste Nervosi­täts­hö­he­punkte bei den großen Scheinen, ehe die „Solisten“ dem vermeintlich alles entschei­denden Gipfel entgegen­fiebern: Examen!

 

Die Struktur des Jurastudiums begünstigt Stress

Unzählige Übungs­klausuren und Prüfungs­si­mu­la­tionen scheinen hinfällig. Die Examensnote aus einer Handvoll Klausuren bestimmt, so die Befürchtung, den eigenen Lebenslauf für immer. „Positiver“ Stress, der für die Bewältigung von Heraus­for­de­rungen notwendig ist, weicht in dieser Zeit leider oft existen­zieller Zukunftsangst. Was, wenn all die Jahre mit einem „Durchge­fallen“ für wertlos erklärt werden? „Gerade bei Jura-Studie­renden führen die heraus­ragende Bedeutung der Abschlussnote und die spezielle Studien­struktur gegen Ende des Studiums erhöht zu einer Angstpro­blematik“, sagt Diplom-Psychologin Brigitte Reysen-Kostudis, seit über 20 Jahren psycho­lo­gische Beraterin für Studenten an der Freien Universität Berlin.

 

Kleine Schritte und frühes Feedback

„Aus Angst durchzu­fallen neigen einige dazu, die Examens­prüfung lange vor sich herzuschieben.“ Der Leistungsdruck sei immens, weil schon ein „Ausreichend“ für viele gleich­be­deutend mit dem Ende all ihrer beruflichen Träume sei. Wie seine Kollegin begrüßt deshalb auch Holger Walther, Psycho­the­rapeut und seit 25 Jahren psycho­lo­gischer Berater an der Humboldt-Universität zu Berlin, die Aufteilung des Jurastudiums in kleinere Zwischen­stufen: „Das Gute an den neuen Studien­gängen mit Bachelor und Master ist, dass es viel schneller Rückmeldung bezüglich der Leistung gibt. Viele Studenten beklagen uns gegenüber, dass sie lange nicht einschätzen können, ob sie für das Jurastudium geeignet sind oder nicht.“ Früheres Feedback, auch seitens der Dozenten, befürworten deshalb beide.

 

Der Vergleich mit Kommilitonen ist ungesund und unnötig

Auf dem Weg zum juristischen Examen müssen sich die Jura-Studie­renden daran gewöhnen, dass ein „Befrie­digend“ in Jura das Maß aller Dinge ist: „Wer in der Schule ohne größere Anstrengung im Einser-Bereich lag, stellt in Jura oft fest: ‚Hier bin ich nur Mittelmaß‘“, so Walther. Hinzu komme, so der Berater, dass so mancher Jura-Dozent schon mal Sätze loslässt wie: „Mit einem einstelligen Examen brauchen Sie hier gar nicht rausgehen.“ Sich dagegen psychisch abzugrenzen sei kein leichtes Unterfangen. Dabei kommt der Druck laut Reysen-Kostudis gar nicht vorder­gründig von den Eltern: „Heute nehme ich die Eltern eher als überver­sorgend im Sinne von Helikopter-Eltern wahr. Dafür spielt zunehmend der Vergleich mit den vermeintlich schnelleren und besseren Mitstu­denten eine Rolle.“ „Da ist leider auch viel Show dabei“, stellt Walther fest. Beide betonen, dass Stress viele Gesichter und Ursachen haben könne: „Deshalb lohnt es sich, diese für sich oder im gemeinsamen Gespräch zu hinter­fragen“, so Walther.

 

Stress-Aussagen hinterfragen

Wir haben die beiden Berater gefragt, was sie den Jurastu­denten angesichts der folgenden Anliegen raten

 

  • „Ist Jura das Richtige für mich?“: Reysen-Kostudis: „So mancher spürt: ‚Das Fach Jura ist mir fremd geblieben.‘ In solchen Fällen schicken wir die Studenten nochmal zur allgemeinen Studienberatung. Außerhalb der klassischen Jura-Laufbahn gibt es zahlreiche andere Möglichkeiten, die juristischen Kenntnisse gewinnbringend einzusetzen, etwa im Verwaltungsbereich.“
  • „Ich muss mehr lernen!“: „Wenn mir jemand erzählt, er sei täglich zehn Stunden in der Bibliothek und lernt, kann ich nur antworten: gelogen. Mehr als sechs Stunden konzentrierte Arbeit pro Tag sind für das menschliche Gehirn nicht drin“, sagt Holger Walther. Reysen-Kostudis: „Wir lassen die Studenten aufschreiben, wie ihr typischer Lerntag oder ihre typische Uni-Woche aussieht. Wenn wir sehen, die Tage und Wochen sind bereits sinnvoll und gut gefüllt, können wir diese Bedenken abhaken: mehr geht nicht. Die Studienwoche sollte dem eigenen Tempo, den eigenen Fähigkeiten und dem individuellen Zeitrahmen für das Studium angepasst sein.“ Walther empfiehlt den dreigeteilten Tag aus Schlaf, sozialem Leben und Arbeit: „Wenn Sie in der Examens zeit den sozialen Teil nicht vernachlässigen, sind Sie auch fitter fürs Lernen.“
  • „Ich gehe in der Masse unter.“: Reysen-Kostudis: „An der FU Berlin haben wir 500 Studienanfänger pro Semester. Wer merkt, dass er sich in der Masse nicht wohlfühlt, sollte nach Alternativen an kleineren Unis suchen.“
  • „Ich muss besser sein!“: Reysen-Kostudis: „Fragen Sie sich: Wer stellt hier welche Ansprüche? Was mache ich selbst, um mich unter Druck zu setzen? Wie kann ich mich davon frei machen?“
  • „Ich habe Prüfungsangst.“: Beratungsstellen und andere Uni-Organisationen bieten Broschüren zum Thema und organisieren Kurse zur Stressbewältigung. Fachvorträge rund ums Thema „Stress“ können vom Fachbereich gebucht werden.
  • Was bei ernsthaften psychischen Problemen?: Walther: „Wenn es indiziert ist, beraten wir die Studenten natürlich auch hinsichtlich einer Psychotherapie. Wir haben über die Jahre einen eigenen Pool von Fachleuten angelegt. Juristen, die in den Staatsdienst wollen, sollten allerdings darüber nachdenken, eine Psychotherapie selbst zu zahlen.“
  • „Ich fühle mich einsam.“: Für Reysen-Kostudis ist es „erschreckend, wie viele gerade in der Phase der Vorbereitung auf den Abschluss vereinzelt vor sich hin arbeiten.“ Walther rät: „Finden Sie immer zwei bis drei Menschen, die ähnlich ticken wie Sie. In seiner Vergleichsgruppe kann man freier äußern, was einen gerade bewegt und findet häufiger die Resonanz: ‚Ja, geht mir genauso, aber wir versuchen es trotzdem.‘ Sagen Sie sich: ‚Wir ziehen das zusammen durch!‘“
  • „Ich schaffe das sowieso nie.“: Besonders ermutigend ist der Dialog mit Menschen, die bereits beide Examen bestanden haben und Berufserfahrung besitzen – sei es im Praktikum, bei Vorlesungen mit Praktikern oder bei netten Professoren. Wenn nichts mehr hilft: Tief durchatmen und daran denken, dass die anderen auch nur mit Wasser kochen.

 

Stress und Angst im Jurastudium: Hilfe gibt's auch an den Univer­sitäten

Wer selbst unter psychischem Stress leidet sollte sich nicht scheuen die Anlauf­stellen der Univer­sitäten aufzusuchen. Die univer­sitären Beratungs­stellen helfen schnell, kostenlos und ohne bürokra­tischen Aufwand. Meist sind die Berate­rInnen Psycho­lo­gInnen und auf Belastungs­si­tua­tionen im Studium geschult. Ein Blick auf die Website der eigenen Universität verrät, wo man sich für ein Beratungs­ge­spräch melden muss. Einige Univer­sitäten bieten über die klassische Beratung hinaus zum Beispiel Rückzugsoasen auf dem Campus oder Workshops für besondere Zielgruppen an.

 

  • Damit Stress gar nicht erst entsteht, kann man an der Universität Passau neben klassischer Beratung auch präventive Angebote wahrnehmen.
  • Die Uni Bielefeld möchte mit dem „Projekt Endspurt“ Langzeit-Studierende während ihrer Abschlussphase unterstützen.
  • Ein breit gefächertes Workshop- und Beratungsangebot gibt es auch an der Universität Bochum. Als kleine Besonderheit bietet die eigens für Entspannung und Ruhe eingerichtete „Oase“ einen Rückzugsort auf dem Campus.
  • Im Rahmen einer universitären Beratung über Überforderung und Stress im Studium zu sprechen, kann einigen schwer fallen. In diesem Fall kann man sich aber einfach über die Website der Studentenwerke über lokale Ansprech­partner und Beratungs­an­gebote informieren.

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