Der Bib-Knigge

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© Franz Brück, Berlin / Users Webmaster@sgovd.org, AxelHH on de.wikipedia, Public domain, via Wikimedia Commons
Unser „Bib-Knigge“ ist für euch da: Eine (hier und da augenzwinkernde) Anleitung für angehende Jurist:innen, die sich in der Unibibliothek den Herausforderungen des guten Tons stellen. Von der richtigen Auswahl der Bücher bis hin zum angemessenen Verhalten in der Klausurenphase – erinnern wir uns daran, dass ein respektvolles Miteinander auch im stressigen Studienalltag nicht vernachlässigt werden sollte.

Adolph Franz Friedrich Ludwig Freiherr von Knigge ist der uns allen bekannte Vater des guten Tons. Mit seinem Buch „Über den Umgang mit Menschen“ prägt er nunmehr seit Jahrhunderten die Benimmregeln in unserer Gesellschaft. Was die Wenigsten aber wissen: Knigge ist einer von uns! In den Jahren 1769-1772 hat auch er regelmäßig Fälle gelöst und Definitionen gelernt. Als Jurastudent müsste er also die langen Abende in der Bib genau gekannt haben, klar ist aber auch, dass er sich dabei wahrscheinlich vorbildlich verhalten hat. Interessanterweise fehlen in seinem Standardwerk jedoch die Umgangsregeln in einer Jura-Bibliothek. Da das mit Sicherheit nur ein Versehen war, haben wir uns nicht lumpen lassen, und einmal ein paar Benimmregeln aufs Papier gebracht, die uns für den Umgang in einer Jurabib angebracht erscheinen – in originaler Knigge Formulierung von 1788.

 

1. Man nehme nur die Bücher aus dem Regal, die man auch braucht und nicht die, die am heftigsten aussehen

Wir wissen, dass man in Hausarbeitszeiten viele Bücher benötigt, dagegen spricht auch nichts. Man muss es aber auch nicht übertreiben, insbesondere, wenn man manche der ausgesuchten Bücher bis zum Abend nicht einmal aufgeblättert oder nur wegen ihrer schieren Größe oder ihres maximal langweilig wirkenden Covers mit zum Tisch genommen hat. Schließlich können auch alle anderen Studierenden in der Bib ungefähr einschätzen, wieviel Literatur man tatsächlich bearbeiten kann. Andernfalls wirkt man wie der Autor dieser Zeilen, der zum Lesetag in der 7. Klasse ernsthaft meinte, Die Drei Musketiere von Alexandre Dumas mit in die Schule zu nehmen. Es ist einfach nicht glaubhaft.

 

2. Man bedenke, wer man ist

  1. Im Regelfall ein gebildeter und meinungsstarker Mensch, der aber ohne Berufsabschluss und ohne geregeltes Einkommen in einer staubigen und unklimatisierten Baracke rumsitzt. Alle hauptberufstätigen Menschen sind im aktuellen Moment wahrscheinlich systemrelevanter und haben höchstwahrscheinlich einen Bildungsabschluss oder es selbst schon mal zu etwas gebracht. Mäßige daher dein Selbstbild. Du bist nicht heftig, nicht Krösus, zu dir schaut auch niemand auf. Das gilt übrigens auch für alle deine Kommilitonen, weshalb du denen ja auch nichts vormachen musst. Um Peinlichkeiten daher für dich selbst zu ersparen:
  2. Komme nicht im Anzug oder Vergleichbarem in die Bibliothek.
  3. Kaufe dir nicht gleich im ersten Semester einen Habersack. Lass es einfach.
  4. Lass den arroganten Blick, mit dem du beim Vorbeigehen untere Semester beglücken willst, einfach weg. Sobald du mehr darüber nachdenkst, wie umwerfend du wohl gerade auf andere wirkst, machst du was falsch.

 

3. Man bewege sich normal in der Bib

  1. Die Bib ist kein Laufsteg. Bitte, bitte beherzige das. GNTM läuft immer donnerstags, nicht aber ab 9:30 Uhr in der Bibliothek. Es sieht nämlich erstens albern aus und spätestens, wenn du so doll auftrittst, dass die Stifte auf den umliegenden Tischen vibrieren, tust du auch definitiv deinem Körper irgendetwas falsches an.
  2. Unterlasse stampfen, schlurfen und trampeln. Du bist, mitunter ohne, dass du es weißt, die meistgehassteste Person in der Bib. Tu dir einen Gefallen und gehe zum Orthopäden.

 

4. Man lasse seine Schuhe an

  1. Wir verstehen, dass in der Bibliothek im Regelfall ein Teppichboden existiert und man als durchschnittlicher Studierender mehr Zeit verbringt, als auf dem Teppichboden in der eigenen Unterkunft. Uns wundert jedoch, warum gerade bei den Leuten, die gerne die Schuhe ausziehen, (was ja bedeuten könnte, dass diese Leute auf ein gutes und ausgewogenes Fußklima achten) dann regelmäßig Ausdünstungen vom Boden emporsteigen, die wirklich jenseits von Gut und Böse sind…
  2. Richtig wild wird es übrigens dann auch bei den Leuten, die dann vergessen, dass sie keine Schuhe mehr anhaben und zur Toilette gehen… Leute, wir betreiben hier Schutz für euch!

 

5. Man behalte seine Beine unter der Hüfthöhe

Und damit ipso facto auch unter der Tischplatte. Muss man dazu noch mehr sagen?

 

6. Man belasse seine Beine unter seinem eigenen Tisch

Nicht nur die Tische und Sitze in der Bib selbst sind umkämpftes Gebiet, sondern leider, wenn auch selten, der Bereich unter der Tischplatte. Hier empfiehlt der Bib-Knigge, die Beine auch unter der eigenen Tischplatte zu belassen, wenn man nicht von der unbekannten Person, die einem gegenübersitzt, in Ausübung ihrer Selbstjustiz einen saftigen Tritt gegen die Schienenbeine kassieren möchte.

 

7. Man dusche regelmäßig

Eigentlich schlimm, dass man das noch sagen muss. Gilt insbesondere für Erstis. Examenskandidat:innen dürfen sich von dieser Regel exkulpieren.

 

8. Im Krankheitsfall bleibt man zuhause

Oder setzt sich jedenfalls an einen Einzeltisch. Ansonsten muss man jederzeit mit Ordnungsmaßnahmen seitens der Tischnachbarn rechnen.

 

9. Man schalte den Klingel- und Medienton am Handy aus

  1. Die wohl paradoxeste Regel. Schließlich haben wir eigentlich alle das Handy 24/7 auf lautlos. Merkwürdigerweise schalten sich die Töne wie von Zauberhand in der Bib wieder ein.
  2. Anschlussbenimmregelvorschlag für Tischnachbarn einer Person, die gegen Regel 8a verstößt: Im Falle des Abspielens besagter Musik, gehört es zum guten Ton, durch rhythmisches Mitwippen oder -nicken etwaiger Körperteile zur humorvollen Verstärkung des Peinlichkeitserlebnisses des Störers beizutragen.

 

10. Abiturienten und fakultätsfremde Studierende haben sich angemessen zu verhalten

Man könnte meinen, dass hier ein einfacher Verweis auf die Hausordnung genügen müsste. Richtig ist jedenfalls, dass Abiturienten und fakultätsfremde Studierende meist eher durch Lautstärke auffallen, ansonsten aber friedfertige Völkchen sind. Aber gerade wenn ihr zum Beispiel Grundschullehramt studiert: Bitte zeigt uns nicht, in dem in eurer Bibzeit ständig Mandalas ausmalt, dass wir scheinbar das falsche Studienfach gewählt haben.

 

11. Man NUTZE seinen Arbeitsplatz

Bib-Plätze sind rar. Bei mehrstündigen Kaffeepausen darf man ruhig mal seinen Tisch räumen, insbesondere, wenn man schon weiß, dass es heute eh nicht mehr so viel mit dem konzentrierten Arbeiten wird.

 

12. Man nutze SEINEN Arbeitsplatz

Iudex non calculat – Der Richter rechnet nicht. Dieses Sprichwort steht exemplarisch dafür, dass mit Ausnahme von Steuerrechtlern viele Jurist:innen nicht so viel mit Mathe am Hut haben. Auch der Zahlenraum bis 10 stellt die angehenden Rechtsanwender häufig vor größere Herausforderungen als oft angenommen. Wie sonst lässt es sich erklären, dass insbesondere in Klausurenphasen einzelne Studierende statt einem Arbeitsplatz bis zu 3 Plätze blockieren, in dem sie über die Nachbarstühle Habersäcke, Pullis, Jacken oder Rucksäcke legen?

 

13. Man trinke angemessen und angemessenes in der Bib

  1. Energy nur in Maßen: Eine offene Dose des Energiegetränks mit dem roten Stier verpestet die – qualitativ meist eh schon bescheidene – Nachbarsluft
  2. Vermeide Nuckelflaschen oder bestrohhalmte Trinkgefäße. Dieser Tipp wird einem bei Nichtbeachtung auch eher früher als später von genervten Kommilitonen gegeben.

 

14. Aus aktuellem Anlass: Man vergesse sein Deo nicht

Schweiß soll hier auf keinen Fall tabuisiert werden, wir sind alle Menschen und können dafür prinzipiell nix. Begehe aber nicht den Fehler, zu denken, dass nur weil du nicht von deinen Kommilitonen im gleichen Wege wie bei eben bei 13b genannt angesprochen wirst, dein Körpergeruch harmlos ist. Axe Dark Temptation darf aber gerne im Kinderzimmer stehen bleiben.

Schlagworte: JurastudiumStudium

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Julius Zapfe
Der Autor studiert Jura in Potsdam und ist Mitglied der Studierendenredaktion beim katzenkönig.
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