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Tatsächlich kam Invest it! bei mir vor dem Jura-Studium – kurz vor dem Abitur hat mir damals mein Mitgründer Victor, zu dem ich vor der Gründung nur lose Kontakt hatte, geschrieben, ob ich nicht Lust hätte, ein Skript über Inflation zu schreiben. Ich habe „Ja, klar“ gesagt, bin zur Gründung von Invest it! dazugekommen und keine fünf Jahre später sind wir eines der größten Non-Profits im Bereich Finanzbildung in Deutschland. Ohne Victor gäbe es dieses Interview hier vermutlich nicht, deshalb liebe Grüße!
Ich hatte den großen Vorteil, dass mich meine Eltern früh an Finanzen herangeführt haben. Deshalb habe ich mich schon im Alter von 14 Jahren eigenständig mit Themen wie Aktien auseinandergesetzt. Ich bin aber tatsächlich kein Finanznerd – die meisten Prozesse in meinen persönlichen Finanzen habe ich automatisiert, um mich möglichst wenig damit auseinandersetzen zu müssen. Unser Ziel bei Invest it! ist auch nicht, dass jede und jeder ein Aktien-Experte wird. Unser Ziel ist, dass alle Schüler/innen die Schule finanziell grundgebildet verlassen und so ihre Finanzen kontrollieren können, bevor sie von ihren Finanzen kontrolliert werden. Denn im Idealfall nehmen Finanzen – sofern man nicht eine Vorliebe dafür hat – nur einen kleinen Teil im eigenen Leben ein. Das ist natürlich ein großes Privileg, doch mit mehr Finanzbildung in Deutschland setzen wir einen elementaren Grundpfeiler dafür, dass mehr Menschen dieses Privileg genießen dürfen.
Konkretes Wissen aus dem Studium hat mich in den letzten vier Jahren leider nur sehr selten weitergebracht – der gutgläubige Erwerb der forderungsentkleideten Hypothek ist von den Alltagsanforderungen eines Start-Ups doch ein bisschen entfernt. Allerdings habe ich zu rechtlichen Angelegenheiten aller Art einen ganz anderen Bezug als andere Gründer/innen: viele haben – leider nicht ganz zu Unrecht – Angst vor Bürokratie, Steuern und Behördenbriefen. Dank meiner juristischen Ausbildung klingt jeder Brief von der Behörde wieder wie normales Deutsch und ich kann auch bei einem Gespräch mit einer Kanzlei auf Augenhöhe kommunizieren. Das ist echt ein Vorteil. Und bei der Anstellung unserer ersten Hauptamtlichen war mein Wissen im Arbeitsrecht aus dem Studium tatsächlich ganz praktisch!
Hürden gab es so viele, dass es mir wirklich schwerfällt eine als „größte Hürde“ herauszupicken – doch viel wichtiger ist aus meiner Sicht, dass wir all diese Hürden dank unseres unfassbaren Teams meistern konnten!
Ich selbst habe das Jurastudium zum Glück nie als psychisch belastend wahrgenommen, den meisten Studierenden geht das aber anders: Für viele ist das deshalb sicherlich die größte Herausforderung.
Ich glaube, dass daneben eine der größten Herausforderungen des Jurastudiums die Art und Weise ist, wie man Jura lernen muss: Juristisches Wissen baut man sich aus meiner Sicht nicht Legostein für Legostein auf, sondern eher wie ein Puzzle: man setzt aus kleinen Wissensinseln ein großes Gesamtbild zusammen. Nur leider hat man am Anfang des Puzzles weder ein Verständnis dafür, wie groß das Puzzle ist, noch was für ein Gesamtbild am Ende rauskommen soll. Als systematisch denkender Mensch hat mir das lange zu schaffen gemacht.
Gründen ist ein ständiges Up und Down. Je weiter man kommt, desto höher sind die Hochs, desto tiefer können aber auch die Tiefs sein. Bei Invest it! hatten wir zwar viele Rückschläge, ich würde aber nichts davon als wirklich negative Erfahrung bezeichnen. Als ich 19 Jahre alt war, habe ich allerdings mit drei Freunden eine Unternehmung gegründet, um einen KI-Chatbot zu entwickeln (vor ChatGPT war das tatsächlich auch noch eine innovative Idee). Dafür haben wir damals eine GmbH gegründet – und nach knapp 9 Monaten wieder liquidiert. Davor und danach habe ich schon viele Ideen entwickelt und verworfen: aber auf Papier zu scheitern, hat mich schon irgendwo belastet. In Deutschland ist Scheitern ja leider immer noch mit Scham behaftet. Heute kann ich sehr gut darüber lachen und habe aus dieser Erfahrung unfassbar viel gelernt. Niemand gründet, ohne mal zu scheitern, das muss man einfach akzeptieren.
Das Schönste an der Gründung von Invest it! ist, dass wir mittlerweile an einem Punkt sind, an dem wir einen echten Impact auf das Bildungssystem haben - Teil von positiver Veränderung sein zu dürfen, ist unfassbar erfüllend.
Es gibt unendlich viele Methoden, um seine Zeit effektiv zu managen. Am Ende ist es aber doch relativ einfach: Man will etwas lernen oder an etwas arbeiten – und dann muss man eben auch lernen und arbeiten. Grundvoraussetzung dafür, neben dem Jurastudium weitere Projekte umzusetzen, ist die Bereitschaft, viel Zeit zu investieren. Wenn man nur 40 Stunden in der Woche arbeiten möchte, dann kann es eng werden: denn Jura ist aus meiner Sicht nach wie vor ein echtes Vollzeitstudium und ich kenne eigentlich niemanden, der gute Noten mit einem Lernaufwand von unter 30 Stunden Lernzeit pro Woche schreibt – ich komme aktuell in der Examensvorbereitung mindestens auf 40 Stunden in der Woche. Daneben laufen dann meine Arbeit bei Invest it!, meine Videos auf Social Media, meine Tätigkeit als wissenschaftliche Hilfskraft und weitere Projekte. Man ist also entweder ein juristisches Genie oder muss wie ich deutlich über die 40 Arbeitsstunden pro Woche hinaus, wenn man sein Studium nicht schleifen lassen möchte. Ich arbeite zum Beispiel immer auch samstags und sonntags. Das mache ich aber, weil ich es möchte. Und aktuell schaffe ich es trotzdem noch mich mehrmals die Woche mit Freunden zu treffen und viel Sport zu machen – wenn etwas zu kurz bleibt, dann regelmäßig der Abwasch.
Es ist alles immer ein Mix. Ich bin mit zwei Eltern aufgewachsen, die sowohl Akademiker sind als auch mich in meiner Entwicklung wo immer möglich unterstützt haben: ich hatte also sehr gute Startvoraussetzungen. Gleichzeitig kann ich einem Spruch meines damaligen Grundkursleiters im ersten Semester nur immer wieder zustimmen: In Qualität steckt immer auch ein bisschen Qual. Motivation ist gut, aber nichts macht immer Spaß und dann braucht man Disziplin. Und Disziplin ist etwas, das man bewusst üben und lernen kann. Ich glaube, dass das sicherlich eine meiner größten Stärken ist.
Dass das Jurastudium nicht reformbedürftig ist, ist eine katastrophale Fehleinschätzung. Ich weiß nicht, ob Grundlage dieser Aussage der Justizministerkonferenz ein „Das haben wir schon immer so gemacht“ oder doch vielmehr die Angst vor Innovation ist. Ein gutes Argument gibt es für diese Aussage aus meiner Sicht jedenfalls nicht – falls doch, möge man es doch bitte mal vortragen. Dass das E-Examen im zweiten Staatsexamen beispielsweise in Bayern erst im Jahr 2024 eingeführt ist, ist für mich unerklärlich. Nicht, dass ich das nicht begrüßen würde, aber das ist etwas, was vor ungefähr 10 Jahren bereits überfällig war – und im ersten Examen fehlt es ja immer noch!
Ich wünsche mir eine ganz grundlegende Reform: insbesondere praxisnähere Inhalte und ein anderes Studiensystem. Dabei geht es aus meiner Sicht nicht darum, das Studium leichter zu machen. Jura ist nun mal nicht leicht und nimmt ja in der Komplexität Jahr für Jahr eher zu als ab. Es geht vielmehr darum, das Studium zukunftsfähig zu machen beziehungsweise zunächst mal in die Gegenwart zu holen. Qualität lässt sich nicht nur durch zwei Staatexamen nach aktuellem Modell absichern.
Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich mit meinen heutigen Zielen wirklich Jura studiert hätte. Gleichzeitig bin ich heute unter anderem auch nur dort, wo ich bin, weil ich Jura studiert habe. Das Studium war definitiv keine Fehlentscheidung. Und ich bin zwar für Reformen, würde aber nicht alleine auf Grund des Studienaufbaus vom Jurastudium abraten. Wer sich für Jura interessiert, dem kann ich ein Jurastudium mit gutem Gewissen empfehlen.
Neugierig geworden? In unserer Schnellfragerunde kannst du Marc noch ein bisschen mehr kennenlernen:
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