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Sylvia Demes ist systemische Business Coach, Wirtschaftsmediatorin, Teamentwicklerin und Personalberaterin – sowohl für Privatpersonen als auch für Unternehmen. Ihr Fokus liegt auf den Bereichen HR sowie People & Organisation in mittelständischen Unternehmen. Mehr Informationen zu Ihrer Person und Ihrer Arbeit findet ihr auf Ihrer Website.
Redaktion: Worauf achten Sie als Erstes, wenn Sie eine Bewerbung in die Hand nehmen? Gibt es typische Fehler, die sofort ins Auge springen oder Dinge, die besonders positiv auffallen?
S. Demes: Ich achte zunächst immer auf den optischen Gesamteindruck. Eine Bewerbung sollte übersichtlich, gut strukturiert und nicht zu überladen sein. Ist die Bewerbung vollständig? Wirkt sie aufgeräumt? Ist ein ordentliches Bewerbungsfoto dabei?
Sofern ein Foto verwendet wird, ist ein häufiger Fehler, ein ungeeignetes Foto zu verwenden. Wenn Sie Ihrer Bewerbung ein Bild beifügen wollen, verwenden Sie ein seriöses, neutrales Foto - kein Selfie oder ein Bild mit Freunden.
Redaktion: Ist es wichtig, dass das Anschreiben und der Lebenslauf optisch zueinander passen?
S.Demes: Ich finde es ansprechend, wenn alles aus einem Guss ist. Das zeigt mir, da hat sich jemand Gedanken gemacht. Auch wenn heute nicht mehr alle Unternehmen ein Anschreiben verlangen, ist es gerade im juristischen Bereich, je nach Größe der Kanzlei, noch sehr üblich, da es eben die nötige Individualität mitbringt. Und wenn es ein Anschreiben gibt, sollte es optisch zum Rest der Bewerbung passen. Das bedeutet: einheitliches Design, gleiche Farben, gleiche Schriftarten, ein durchgängiges Layout. Wenn Icons oder farbige Elemente im Lebenslauf verwendet werden, sollten diese im Anschreiben wiederkehren. Das zeigt, dass sich jemand Mühe gegeben hat und auch einen Wert auf Individualität legt.
Redaktion: Was macht für Sie ein überzeugendes Anschreiben aus – inhaltlich und strukturell?
S. Demes: Zunächst der Tipp: Achten Sie auf die Namen Ihrer Dokumente, denn oft sind diese schlecht benannt, da steht dann „Anschreiben_final_neu“ oder „Bewerbung1.pdf“. Besser: Geben Sie dem Dokument einen ordentlichen Namen, etwa: “Bewerbungsunterlagen Max Mustermann katzenkönig”. Sie könnten mit aufnehmen, wo Sie sich bewerben oder das Datum, an dem Sie die Bewerbung einreichen. Falls Sie Anschreiben und Lebenslauf trennen, dann würde ich schreiben: “Anschreiben Max Mustermann, CV Max Mustermann, Referenzen Max Mustermann”, sodass ich immer, egal wo ich es ablege, sehe, das sind die Unterlagen von Max Mustermann.
Außerdem wichtig: Alles bitte als PDF hochladen, keine Word-Dokumente. Und achten Sie auf die Anforderungen im Bewerbungsportal: Werden einzelne Dateien erwartet oder eine zusammenhängende PDF? Manchmal steht sogar dabei, dass man keine Anschreiben mehr erwartet, manchmal aber explizit doch etc.
Es passiert leider oftmals, dass der Adressat fehlt. In dem Anschreiben steht dann einfach: „Sehr geehrte Damen und Herren“ und kein Firmenname. Ich empfehle immer, dass die Adresse, an die Sie die Bewerbung schicken, mit aufgeführt wird und bitte achten Sie darauf, dass es auch der richtige Firmenname ist, denn bei Massenbewerbungen kommt es auch oft vor, dass der falsche Firmenname angegeben wird und dann sieht man sofort, dass sich jemand nicht wirklich Mühe gegeben hat.
Und ich würde versuchen, immer so schnell wie möglich auf den Punkt zu kommen. Also wenn die Bewerbung beginnt mit: "Hiermit bewerbe ich mich auf die von Ihnen am… ausgeschriebene Stelle in Stepstone…”, dann haben Sie schon ziemlich viel Platz und Zeit mit etwas verschwendet, was bereits durch den Betreff deutlich wird.
Es ist immer schön, finde ich, wenn man in der Einleitung bereits einen persönlichen Bezug herstellt. Haben Sie bereits Erfahrungen in dem Bereich, auf den Sie sich bewerben, etwa durch Praktika oder Projekte? Im dritten Satz können Sie dann immer noch schreiben: “Und vor diesem Hintergrund interessiert mich die von Ihnen ausgeschriebene Stelle besonders, weil ich glaube, sie knüpft sehr gut an meine Erfahrungen aus meinen Praktika an…”. Dadurch zeigen Sie gleich zu Beginn, warum Sie sich wirklich für diese Stelle interessieren, was wiederum auf Individualität und echtes Interesse hinweist.
Redaktion: Wie lang sollte ein gutes Anschreiben sein? Gibt es einen Richtwert, an dem man sich orientieren kann?
S. Demes: Ja, maximal eine Seite. Das sollte im Regelfall ausreichen. Gerade bei beliebten Unternehmen gehen viele Bewerbungen ein und zu lange Bewerbungen gehen dann unter. Häufig wird zuerst der Lebenslauf gelesen, und wenn dieser überzeugt, schauen sich viele das Anschreiben überhaupt erst an. Deshalb sollten Sie im Anschreiben schnell auf den Punkt kommen, aber der Lebenslauf muss ebenso gut sein und darf nicht vernachlässigt werden.
Redaktion: Wie sieht es mit Lücken im Lebenslauf aus? Sind die problematisch?
S. Demes: Solange sie erklärt werden, sind sie in der Regel unproblematisch. Wenn jemand zum Beispiel ein Jahr lang gereist ist, kann das im Lebenslauf ruhig auch so stehen: „Weltreise“ oder „Work and Travel“. Das macht den Lebenslauf sogar interessanter und zeigt, dass jemand Erfahrungen außerhalb des Studiums gesammelt hat.
Falls mir Lücken auffallen, frage ich in Gesprächen gerne nach solchen Phasen. Wenn es private oder familiäre Gründe für eine Pause gibt, muss man mir das nicht im Detail mitteilen, aber es ist völlig in Ordnung, das offen zu benennen. Wichtig ist, dass man selbstbewusst und ehrlich damit umgeht.
Redaktion: Wie wichtig sind Zeugnisse und Referenzen? Werden diese überhaupt angeschaut?
S. Demes: Ja, gerade im juristischen Bereich spielen Noten eine große Rolle – das gilt für Abschlusszeugnisse genauso wie für Praktikumsnachweise. Also bitte unbedingt mitschicken. Arbeitszeugnisse in Deutschland sind zwar immer wohlwollend formuliert, aber erfahrene Leser erkennen dennoch Unterschiede und auch, wenn es vielleicht mal nicht so gut gelaufen ist.
Redaktion: Wohin entwickelt sich die Bewerbungsmappe? Wird das klassische PDF bald durch Online-Formulare ersetzt?
S. Demes: Ja, die Tendenz geht klar in Richtung Digitalisierung und auch KI. Viele größere Unternehmen setzen bereits auf Bewerbungsformulare, bei denen die Daten direkt in ein System eingegeben werden. Sie werden dabei auch oft durch KI-gestützte Tools im Hintergrund unterstützt.
Das hat für Unternehmen viele Vorteile, denn so lassen sich die Informationen schnell filtern und weiterverarbeiten. Langfristig wird die klassische Bewerbungsmappe wahrscheinlich seltener. Gerade für kleinere Unternehmen oder Kanzleien ist die Bewerbung im PDF-Format nach wie vor Standard, auch wenn diese dort schon oftmals über die Karriereseite in ein Personalmanagementsystem hochgeladen werden.
Redaktion: Gerade im Studium ist es oft so, dass man viele Bewerbungen schreibt, aber keine Rückmeldungen erhält oder mit Absagen umgehen muss. Haben Sie Tipps, wie man mit Absagen umgehen kann?
S. Demes: Ja, das ist tatsächlich ein schwieriges Thema. Gerade auch in Deutschland, denn Absagen werden hierzulande oft sehr knapp oder gar nicht begründet. Das hat unter anderem damit zu tun, dass man sich als Unternehmen nicht angreifbar machen will. Je mehr man erklärt, desto mehr Angriffsfläche bietet man, weshalb man oft die Floskel hört: „Eine andere Person passt besser.“
Ich persönlich handhabe das unterschiedlich. Wenn ein Bewerbungsprozess bereits mehrere Stufen durchlaufen hat, vielleicht ein persönliches Treffen und sogar ein Kennenlernen im Team stattgefunden hat, finde ich, schuldet man der Person auch ein paar ehrliche Worte mehr als nur eine floskelhafte Absage. In solchen Fällen erkläre ich der Person gerne persönlich, warum es nicht geklappt hat.
Andererseits verstehe ich auch, warum viele Unternehmen das nicht tun: Es ist zeitintensiv, und man muss aufpassen, wie man sich ausdrückt. Ich hatte auch schon Situationen, in denen ich am liebsten gesagt hätte: „So kommt man bitte nicht zu einem Vorstellungsgespräch, zum Beispiel nicht mit Kaugummi im Mund.“ Aber das offen anzusprechen ist heikel. Trotzdem fände ich es gut, wenn man Bewerbenden, zumindest in ausgewählten Fällen, konstruktives Feedback geben könnte. Gerade wenn man erkennt, dass die Person Potenzial hat, nur eben nicht ins eigene Unternehmen passt.
Redaktion: Was würden Sie sich für den Umgang mit Absagen stattdessen wünschen?
S. Demes: Ich würde mir wünschen, dass man offener mit Feedback umgeht. Wenn ich den Eindruck habe, jemand bringt interessante Kompetenzen mit, passt aber nicht zu uns, fände ich es wertvoll zu sagen: „Mit Ihrem Profil können Sie besser in den Bereich XY passen, schauen Sie doch mal in diese Richtung.“ Oder wenn es um grundlegende Dinge wie Auftreten und Kleidung geht, wäre es schön, ehrlich sagen zu können: „Achten Sie zukünftig bitte auf XY.“ So kann jemand dazulernen, aber natürlich ist das nicht bei jeder Bewerbung möglich. Aber bei denjenigen, mit denen man im direkten Austausch stand, fände ich es wünschenswert, mehr Rückmeldung geben zu können.
Redaktion: Das heißt, in jeder Absage steckt auch die Chance zur Weiterentwicklung und daraus zu lernen?
S. Demes: Ja, auf jeden Fall. Ich empfehle jeder Bewerberin und jedem Bewerber, nach einem Vorstellungsgespräch zudem selbst zu reflektieren: Wie war das Gespräch für mich? Habe ich mich wohlgefühlt? Wurde ich respektvoll behandelt? War es ein Dialog auf Augenhöhe oder eher ein klassisches Frage-Antwort-Spiel oder fast wie eine Prüfung? Dieser Eindruck entsteht oftmals bei stark strukturierten Interviews.
Wenn Sie etwa das Gefühl haben, dass Sie von dem Unternehmen vorgeführt wurden und sich nicht wertgeschätzt gefühlt haben, können Sie davon ausgehen, dass Sie sich wahrscheinlich auch in dem Unternehmen nicht wohlfühlen werden. Fragen Sie sich also: Möchte ich in diesem Umfeld arbeiten? Denn ein Vorstellungsgespräch ist keine Einbahnstraße, auch Sie entscheiden, ob das Unternehmen zu Ihnen passt.
Redaktion: Was würden Sie unseren Leser:innen, die am Anfang ihrer Karriere stehen, zum Abschluss mit auf den Weg geben? Haben Sie Tipps für lange Bewerbungsprozesse?
S. Demes: Zunächst würde ich empfehlen, den Lebenslauf um ein kurzes Kompetenzprofil zu ergänzen, also zwei bis drei Sätze, in denen Sie auf den Punkt bringen, was Sie auszeichnet. Was sind Ihre Stärken? Warum sind Sie interessant für dieses Unternehmen? Das ist nicht einfach, aber sehr effektiv. Denn bevor jemand Ihren Lebenslauf im Detail liest, bekommt er oder sie schon einen guten ersten Eindruck.
Gerade wenn man noch wenig Berufserfahrung hat, kann man in diesem Profil auch die persönlichen Interessen oder Studienschwerpunkte betonen. Wichtig ist, dass man zeigt: Ich habe mir Gedanken gemacht. Ich habe verstanden, was das Unternehmen tut, und ich weiß, wie ich dazu passen könnte.
Auch im Anschreiben sollte dieser Bezug deutlich werden: Warum interessiert mich gerade dieses Unternehmen? Was möchte ich dort lernen oder einbringen? Wer das überzeugend formuliert, hebt sich klar ab.
Leider können sich manche Bewerbungsprozesse wirklich sehr lang hinziehen. Manche Unternehmen antworten gar nicht oder erst nach Wochen. In diesem Fall empfehle ich, nach etwa zwei bis drei Wochen ruhig freundlich nachfragen. Das zeigt Interesse und verschafft Ihnen Klarheit.
Und noch ein letzter Tipp: Gehen Sie nie unvorbereitet in ein Bewerbungsgespräch. Überlegen Sie sich eigene Fragen, etwa zum Unternehmen, zur Zusammenarbeit und z.B. zum Onboarding. Das zeigt echtes Interesse und hilft Ihnen gleichzeitig, mehr über die Unternehmenskultur zu erfahren.
Das Interview für die JurFuture-Redaktion führte Johanna Buck.
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