"Alles eine Frage der Perspektive" - Ayça Türk beim Jura-Slam

Jura – mehr als Paragrafen und lange Nächte über Gesetzestexten. Es ist Verantwortung, Macht und die Frage nach Gerechtigkeit. Ayças Beitrag beim DAV Jura-Slam nimmt euch mit durch die Höhen und Tiefen des Studiums – vom ersten Höhenflug bis zur harten Realität. Mit Humor und Ernsthaftigkeit zeigt er, warum Jura nicht nur ein Studium, sondern eine Mission sein kann. Ein Text für alle, die wissen wollen, was es heißt, für eine gerechtere Welt zu kämpfen. Viel Spaß beim Lesen!

Übrigens ...

... auch 2025 suchen wir wieder den besten DAV Jura-Slam!

Greift daher gleich zu Stift und Papier bzw. zum Pad oder Handy und kreiert euren eigenen Slam-Text. Überlegt einfach, was ihr zu sagen habt. Gerne könnt ihr euch am diesjährigen Motto des Deutschen Anwaltstages orientieren:

„Rechts­staat­lichkeit stärken - Freiheit bewahren”

Dann unter slam@anwalt­verein.de anmelden, mitmachen und gewinnen.

Seid dabei und SPRECHT RECHT! Und: falls ihr als Slam-Duo auftreten wollt; dann sprecht uns an...

Alle weiteren Infos gibt es unter jura-slam.de

Mama ich möchte Richterin werden, denn die Welt ist nicht gerecht!
Ich sitze am Küchentisch
Meine Mutter hält ein Zeitungsfoto vor mein Gesicht
Ein Kind das hungert
Das verstehe ich nicht
Meinen Teller Spaghetti vor mir
Das ist nicht gerecht.

Als Kind war ich sehr aktiv
Fußballerin
Klavierspielerin
Schauspielerin
Ich habe in Musicals mitgespielt
Kreativ wie eh und je
Und auspowern bis die Kraft nicht reicht

Was macht nun ein solches Kind, wenn es mal groß ist?
Genau, es studiert Jura

Viele unter Ihnen kennen es

„Ich möchte Jura studieren“
„Bist du dir sicher? Da musst du doch Gesetze auswendig lernen
Lesen bis du nur noch Buchstaben siehst
Bist du dir wirklich sicher? Da fallen doch immer 50 % durch“

Jurastudium:
Trocken
Anstrengend
Langweilig

Nun habe ich aber den Entschluss gefasst.
Richterin, das möchte ich werden
Beworben, angenommen, bereit den Kampf zu bestreiten
Bei den AG-Wahlen geht es zu wie bei den Tributen von Panem
So viel geschwitzt hatte ich lange nicht mehr
Geklickt bis zum geht nicht mehr und schließlich geschafft
Ich bin in der AG um 9:45 Uhr statt um 8
Verständlicherweise fühlte ich mich ab da unbesiegbar

Erste BGB Vorlesung
Freunde zum Glück bereits gefunden
Sitze ich da mit meinem Gesetz und versuche alles mitzuschreiben,
Nachdem der dritte Krampf in meiner Hand etwas abklingt, gebe ich diesen Versuch auf
Denn da merke auch ich.
Das war unmöglicher, als nach § 275 BGB

Das erste Semester verfliegt
Mehr feiern gewesen als gelernt
Aber immerhin geübt wie man schöne Paragrafen-Zeichen schreibt
Und doch irgendwie geschafft
Das Jurastudium? Das ist doch gar nicht so schwer!

Von Wegen

Nach dem ersten Höhenflug kommt der Sturz schneller als ich dachte
Die Corona Semester beginnen
Vorlesungen, die 3 Stunden gehen
Professoren, die plötzlich erkennen, dass sie lieber Podcaster sein möchten statt eine Vorlesung zu halten
Folien? Fehlanzeige
Während die Dozenten also ihren Urlaub in der Heimat genießen
Versuche ich zu verstehen was der Unterschied zwischen Besitz und Eigentum ist
Zusätzlich lerne ich meine KomilitonInnen besser kennen
Mehrmals konnte ich private Gespräche während der Vorlesung verfolgen
Da hörte ich zum Beispiel wie blöd doch der Dozent heute angezogen ist
Ja, der Dozent hat das gehört
Einige könnten jetzt denken, dass das doch peinlich ist
Aber nein
Dank des wunderbar funktionierenden Big Blue Button Systems der (Leibniz) Universität, war eine Kameraeinschaltung nicht möglich
Ihr Gesicht bleibt also so unbekannt wie das von Cro
Im Gedächtnis bleibt lediglich diese kleine Show

 

https://www.youtube.com/watch?v=CMtjq4T3ZWA

Corona kann man also auch positiv sehen
Nie beim Lernen gestört werden
Und keine Pflicht Hosen zu tragen
Da kann dann selbstredend drüber hinweggesehen werden
Über die Einsamkeit
Das Selbststudium
Und die Semestergebühren, die trotz geschlossener Uni gezahlt werden müssen
Nun startet die Uni wieder in Präsenz
Es geht ran an die letzte Hausarbeit
Mich erwarten viele nächtliche Bib-Sessions
Ein Lichtblick bietet mir nur das vegane Schnitzel aus der Contine

Im allseitsbekannten 3. Stock der Conti-Bib läuft also die berühmt berüchtigte Hausarbeitsphase
Gruseliger als jedes Horrorhaus
Zieht sich die gewohnte Trauerstimmung durch den Raum
Ein leiser Seufzer hier und verzweifelte Blicke da
Eröffnet ist zeitglich die Schlacht um jede erforderliche Zeitschrift und jedes Kommentar

Einen Sitzplatz zu finden gleicht einem Sechser im Lotto
Studierende weinen auf dem Klo, um sich dann weiter der Hausarbeit zu widmen, ohne mit der Wimper zu zucken natürlich.
An einer Wand steht „Jura bricht dich“
Und so wie jede andere normale Person auch
Fahre ich stattdessen nach Hause und überdenke, wie ich lebenswichtige
Entscheidungen treffe.
Jurastudium? Ist doch nicht so einfach.

Und die Kirsche auf der Sahnetorte sind natürlich die KomilitonInnen
Bücher werden verstellt
Seiten rausgerissen
Empathie? Nicht vorhanden
Solidarität Fehlanzeige
Helfersyndrom, keine Anhaltspunkte ersichtlich

Der Gucci-Campus also
Wo Birkenstock-TrägerInnen schief angeschaut werden
Und Louis Vuitton TrägerInnen verehrt.
Wo man keine Jogginghose
Sondern Anzug trägt.
Jurastudium:
Geld
Macht
Respekt

Mama ich möchte Richterin werden, denn die Welt ist nicht gerecht!
Auf der Straße muss ich Kopftuch tragen
Ungehorsam zieht Konsequenzen mit sich
Haftstrafe
Körperverletzung
Tod

Frauen dürfen nicht ohne Kopftuch auf die Straße
Frauen dürfen nicht ohne die Erlaubnis Ihres Mannes arbeiten
Frauen dürfen nicht Richterin sein
Frauen dürfen nicht Präsidentin sein
Frauen dürfen nicht öffentlich singen
Frauen dürfen nicht Rad fahren
Frauen dürfen bei Sportveranstaltungen nicht anwesend sein
Frauen haben nur halben Wert vor Gericht

Frauen sollen still sein
Frauen sollen sich anpassen
Frauen sollen den Männern das Wort überlassen
Frauen haben doch keine Ahnung
Frauen sollen Kinder kriegen
Frauen müssen verheiratet bleiben
Frauen müssen sexuell verfügbar sein
Frauen dürfen gewaltsam zurecht gewiesen werden
Frauen dürfen getötet werden
Frausein. Mutter. Ehefrau. Gehorsam.

Das möchte ich nicht sein
In eine Rolle gequetscht,
Die ich mir nie ausgesucht habe.
Definiert von einem anderen Geschlecht
Einem Geschlecht das herrschen möchte.
Viel eher beherrschen.
Kontrolle und Besitz leitet sie in ihren Handlungen
Abhängigmachung als größtes Ziel

Gleichberechtigung gesehen als eine Sünde
Die sie in ihren Rechten einschränken könnte
Ohne zu bedenken, dass auch sie nur Menschen sind
Ohne besondere Begabungen
Statt von sich gegenseitig zu profitieren
Wird der Weg der Spaltung und Gewalt gewählt:
Mein Leben und meine Gesundheit zählen nur halb
Vergewaltigungen in der Ehe gibt es nicht
Ehrenmorde bleiben straffrei

Ein Scheidungsrecht habe ich praktisch nicht

Ihr Bild drücken sie allen auf
Aber nein, nicht mir, nicht ich.
Das möchte ich nicht sein. Das will ich nicht.

Frauen sind stark
Frauen sind intelligent
Frauen sind sportlich
Frauen sind politisch
Frauen wissen
Frauen handeln
Frauen regieren
Frauen können Rad fahren
Und Frauen dürfen wütend sein

In einem Land, das die Schwachen unterdrückt
Und die Starken auf Händen trägt
In dem Kinder sterben müssen
Um dem Willen Weniger nicht im Wege zu stehen.
Da will ich nicht tatenlos zuschauen.
Ich möchte kämpfen
Für diejenigen die es nicht konnten und nicht mehr können
Für all diejenigen, die noch kommen
Um ihnen eine Welt zu ermöglichen die nicht meiner gleicht
Eine Welt in der der Tod kein alltäglicher Begleiter ist
Und Freiheit kein Fremdwort

Jurastudium:
Frau
Leben
Freiheit

Ich dachte immer das System wäre für alle da.
Der Staat, der auf mich aufpasst.
Der Staat mein Retter
Der Staat als Fallnetz für die harten Momente im Leben
Ich dachte immer das System wäre für alle da.

Es ist immer leicht, über die Obdachlosen zu urteilen
Die Obdachlosen, die stinken
Die Obdachlosen die nur stören
Die Obdachlosen, die ein hässliches Bild abgeben
Die Obdachlosen, die nur trinken.
Obdachlose sind überall.

So präsent, doch schlicht vergessen
Wohl doch eher übersehen
Übersehen vom System, von den Mitmenschen, von der Gesellschaft
Bloß keines Blickes würdigen
Sonst könnte etwas abfärben
Wie Schmutz, der den Glanz des eigenen Lebens überdeckt
Ausgeblendet von denen, die dem Schutz aller dienen
Vertrieben von ihren gewohnten Plätzen
Man wolle ja familienfreundlich sein
Doch keine Alternative in Sicht
Wohin sie gehen, dass will niemand sehen, niemand wissen
Obdachlose sollen schlicht nicht mehr existieren
Utopisch dieser Gedanke der Auslöschung, wo es sich doch um eine
Verdrängung handelt
Und das ist simple Physik
Verdrängst du Wasser, will es irgendwo anders hin
Aber wohin?

Vom System übersehen, werden Obdachlose als Unsichtbare behandelt
Die Verleugnung ist nicht zu übersehen
Während Kapazitäten in Obdachlosenheimen reduziert werden
Gilt weiterhin der Fokus auf der arbeitenden Gesellschaft
Gezwungen auf die Straßen, werden Bußgeldstrafen aufgrund Verletzung der Ausgehbeschränkungen verhängt.
Welch Ironie.
Doch die Ironie wird nicht gesehen
Wie auch?
Das Leid der Unsichtbaren ist kein Leid
Verstoßen von der Gesellschaft, verdienen sie keine Aufmerksamkeit
Verantwortlich für ihr eigenes Schicksal
Überlassen dem Glück
Es wird bloß gesagt: „Das interessiert mich kein Stück“

Jeder hat eine Meinung dazu
Jeder eine Vorstellung
Jeder ein Vorurteil
Und jeder eine Sicht
Aber ihre wahre Geschichte kennt man nicht

Geleitet von Depressionen
In denen ich gefangen bin in meinem Kopf
Da gibt es keinen Platz mehr für die Wohnung, den Job
Der Job, der mir doch das Leben finanzieren soll
Der Job, durch den Leistungen an den Staat erbracht werden
Platz bleibt nur noch für den Wunsch, dass das Rauschen im Kopf aufhört
Der Wunsch dieses Rauschen zu betäuben
Gegriffen wird nach einem Bier, das etwas hilft
Dann nach dem zweiten, dritten, ich weiß nicht mehr
Und wenn ich mich selbst betäube
Während ich versuche mir zu helfen
Dann mache ich einen Spagat
Zwischen meiner Wahrnehmung und der Wirklichkeit
Ich zerbreche nun
Ich zerbreche in tausend Stücke
Und mit mir mein Leben
Ich zerbreche so sehr
Ich weiß nicht, ob ich wieder zu mir finde
Den Job verloren.
Die Wohnung verloren.
Von der Familie verstoßen
Gewonnen ist die Alkoholabhängigkeit

Dieses Leben wollte ich nicht führen
Das habe ich mir nicht ausgesucht
Es wurde mir aufgebürdet von einer Krankheit
Jetzt stecke ich so tief drin
Ich weiß nicht wie ich rauskommen soll
Gefangen unter der Brücke, in dem täglichen Trott
Habe ich keine Kraft mehr zu entfliehen
Obwohl das alles ist, was ich will.

Ich dachte immer das System wäre für alle da. Doch das ist nicht wahr.

Jurastudium:
beschütze
Die Reichen
Die Starken
Die, von denen etwas zurück kommt

Erschreckend ist, wie selbstverständlich das Studieren und vor allem das Jura
Studieren gesehen wird in unseren Reihen
Logisch: Ein hoher NC ist nicht erforderlich
Doch schaut euch mal um.
Umgeben von Jurastudierenden und anderen Studierenden
Da bewegt man sich in einer Blase
Normalität schleicht sich in unsere Wahrnehmungen
Die eigene Position wird nicht gesehen
Der Blick durch eine Blase ist aber verschwommen und dadurch wird die Sicht erschwert
Die Sicht auf all diejenigen, die nicht in unseren Reihen sitzen

Vergessen werden alle, die finanziell nicht in der Lage sind zu studieren.
Vergessen werden alldie, die nie zur Schule konnten.
Verborgen bleiben die, die geflüchtet sind und keinen Asylantrag bewilligt bekommen.
Ja das Jurastudium ist hart, aber man sollte nicht vergessen:
Es ist auch verdammt nochmal ein Privileg!
Und deshalb bin ich sehr glücklich darüber, hier stehen zu dürfen.

Jurastudium:
Freiheit
Zukunft
Privileg
Und hoffentlich auch bald Gerechtigkeit

Mama, ich möchte Richterin werden, denn die Welt ist nicht gerecht! Zum Glück lebe ich in Deutschland.

Lust auf mehr?

Auf dem DAV-YouTube-Kanal findet ihr alle Auftritte vom DAV Jura-Slam.

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